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Schutz unter dem Kirchendach: 275 Flüchtlinge haben vergangenes Jahr in Bayern Kirchenasyl bekommen.

Diskussion um Neubewertung

Kirchenasyl - die Flucht in die Einsamkeit

München - 275 Flüchtlingen haben die bayerischen Kirchen vergangenes Jahr Schutz gewährt. Bisher hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge das Kirchenasyl toleriert – nun wird eine Neubewertung diskutiert. Sie könnte es den Pfarreien schwer machen, Flüchtlingen in Not ihren Schutz anzubieten.

Es kommt nicht alle Tage vor, dass eine Gruppe Fußballer an der Tür des Pfarrheims in Altenstadt (Kreis Weilheim-Schongau) klopft, um mit Pfarrer Karl Klein zu sprechen. Eigentlich ist es bisher nur ein einziges Mal passiert. Vor etwa einem halben Jahr. Es ging um Glen. Er ist Anfang 20. Und allein aus seiner Heimat über Ungarn nach Deutschland geflüchtet. Glen hat in Altenstadt sofort Anschluss gefunden, spielte Fußball, lernte Deutsch, hoffte auf Arbeit – wenn eines Tages sein Asylantrag genehmigt ist. Aber darüber entscheiden muss nach der sogenannten Dublin III-Verordnung Ungarn – das Land, in das Glen zuerst eingereist ist. Ungarn gilt offiziell als sicheres Drittland, ist aber neben Bulgarien und Rumänien eines der Länder, in denen Flüchtlinge oft misshandelt und ruhiggestellt werden oder auf der Straße leben müssen.

Die Fußballer baten Pfarrer Karl Klein damals, Glen Kirchenasyl zu bieten – um ihn zu schützen, bis nach sechs Monaten die Zuständigkeit für das Asylverfahren an Deutschland übergehe. Pfarrer Klein gab sofort sein Wort, die Pfarrei stellte Räume zur Verfügung, die Fußballer organisierten Möbel und besuchten Glen ein halbes Jahr lang fast täglich im Pfarrheim. „Ohne diese Besuche wäre er wohl völlig vereinsamt“, glaubt Klein. Sechs Monate sind eine lange Zeit, wenn man ein Gebäude nicht verlassen kann. Sechs Monate können reichen, um seelisch zugrunde zu gehen.

„Auch ein Kirchenasyl ist eine schwere Belastung für die Menschen“, sagt Stephan Theo Reichel, der seit kurzem als erster Berater und Koordinator in Sachen Kirchenasyl für die evangelisch-lutherische Landeskirche arbeitet. „Es ist der letzte Notnagel. Und es kann nur ein Ausweg für Menschen sein, die wegen einer Ausweisung um Leib und Leben fürchten.“

Die Herausforderung für die Pfarreien ist enorm

In Bayern haben vergangenes Jahr 35 000 Flüchtlinge einen Asylantrag gestellt – 275 davon haben eine Zeit im Kirchenasyl gelebt. Eine vergleichsweise kleine Zahl, betont Reichel. Das Kirchenasyl wird in Deutschland seit 30 Jahren praktiziert – und wurde vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bisher immer toleriert. „Allerdings waren die Zahlen früher überschaubar“, sagt BAMF-Sprecher Christoph Sander. „Und es ging vor allem um Flüchtlinge, die wieder in ihr Heimatland abgeschoben werden sollten.“ Aber mit den Flüchtlingszahlen sind auch die Kirchenasylzahlen gestiegen – und es gehe inzwischen hauptsächlich darum, die Abschiebung in ein anderes europäisches Land zu verhindern. Deshalb wird seit einigen Monaten diskutiert, ob das Kirchenasyl künftig neu bewertet werden sollte. Die Diskussion dreht sich um die Frage, ob Flüchtlinge, die vor der Abschiebung den Schutz der Kirche suchen, als „flüchtig“ gelten. Denn dann könnte sich die Frist, nach der Deutschland für das Aufenthaltsverfahren zuständig ist, von sechs auf 18 Monate verlängern. Und das würde die Pfarreien vor eine noch größere Herausforderung stellen. „Auch als Pfarrer können wir nicht ständig für die Menschen da sein“, sagt der katholische Pfarrer Gerhard Gumpinger, der in Rottenbuch (Kreis Weilheim-Schongau) vergangenes Jahr einem 30-jährigen Muslim drei Monate Kirchenasyl gewährt hat. „Er hat nur wenig Besuche bekommen. Ich spreche nur schlechtes Englisch. Manchmal saß ich einfach nur eine Stunde schweigend bei ihm, damit er nicht immer allein ist.“

Kirchenasyl sei deshalb nur eine Option für sehr sorgfältig ausgewählte Härtefälle, betonte der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Aber es sei kein Mittel, um Recht auszuhebeln, deshalb halte er nichts von der Grundsatzdiskussion über das Kirchenasyl. Im Erzbistum München-Freising sieht man das ähnlich. „Es gibt Einzelfälle, in denen gültiges Recht keine Gerechtigkeit schafft“, sagt Sprecher Bernhard Kellner. Die Pfarrgemeinden würden sehr sorgfältig und in keinster Weise inflationär mit dem Kirchenasyl umgehen, betont er. Für sie sei es eine Herzensangelegenheit und ein christlicher Auftrag, Menschen in Notsituationen zu helfen.

Zusammenarbeit von Kirchen und Bundesamt ist ausbaufähig 

Beide Kirchen verhandeln aktuell mit dem BAMF über eine eventuelle Neubewertung des Kirchenasyls. Die Gespräche verlaufen vielversprechend, berichtet Stephan Theo Reichel. Er ist zuversichtlich, dass sich die Frist nicht auf 18 Monate verlängern wird. Sein Ziel ist ein ganz anderes: „Wir müssen die Zusammenarbeit zwischen Kirchen und BAMF ausbauen.“ Die Pfarreien kennen die Härtefälle, müssten sie einfach nur einreichen, damit das BAMF auf dieser Grundlage humanitäre Einzelfallentscheidungen treffen kann. „Wenn die Behörden die Fälle besser einschätzen könnten, gäbe es viel weniger Fälle, in denen Kirchenasyl nötig wäre“, ist er überzeugt. Reichel könnte sich auch Partnerschaften mit den Gemeinden in Norditalien vorstellen – um sicher zu gehen, dass die Flüchtlinge dort weder misshandelt, noch auf sich allein gestellt sind.

Reichel hat den Eindruck, dass die Kirchengemeinden sehr sorgfältig und gewissenhaft entscheiden, wem sie Asyl gewähren. Es gehe immer um Menschen in Notsituationen. Und in den allermeisten Fällen stehen sie schon einige Monate später auf eigenen Beinen. Glen ist das beste Beispiel. Er ist inzwischen anerkannt und arbeitet als Nachtportier. Und natürlich spielt er immer noch in Altenstadt Fußball. Mit seinen Freunden.

Katrin Woitsch

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