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Hitlers Mein Kampf – das IfZ verwahrt fremdsprachige Ausgaben im Giftschrank

Mit wissenschaftlichen Anmerkungen

Neue Ausgabe von "Mein Kampf" wird doppelt so dick

München - 70 Jahre nach dem Verbot soll Hitlers „Mein Kampf“ neu erscheinen – als wissenschaftliche Edition. Wegen zahlreicher Anfeindungen ist das für das Münchner Institut für Zeitgeschichte zum Drahtseilakt geworden.

Ein muffiger fensterloser Raum im zweiten Stock des Instituts für Zeitgeschichte. IfZ-Sprecherin Simone Paulmichl sperrt einen Metallschrank auf, das Schloss klemmt, aber schließlich springt die Tür auf: Und da stehen sie: Dutzende Ausgaben von „Mein Kampf“. Hitler mal mit Goldschnitt, mal ohne, mal als Taschenbuch, mal in Kunstleder gebunden. Mal auf Spanisch („Mi Lucha“), mal auf Französisch („Mon Combat“) oder Finnisch („Taisteluni“). Hitler, traurig aber wahr, war und ist ein internationaler Bestseller. 12,4 Millionen Exemplare der Hetzschrift wurden bis 1945 in Deutschland verbreitet, x-Millionen in 14 Sprachen (nur nicht in Deutsch) sind es bis heute weltweit.

Der Giftschrank – sie nennen ihn wirklich so – wird wieder verrammelt. Peng. Zugang nur für ernsthafte Forscher. Aber die Probleme bleiben. Anfang 2016 will das IfZ eine kritische wissenschaftliche Edition im Eigenverlag auf den Buchmarkt bringen. Ein ziemlicher Drahtseilakt ist das. Am 31. Dezember, Schlag 24 Uhr, läuft 70 Jahre nach Hitlers Tod der Urheberschutz für das Machwerk aus.

Dann könnte das eintreten, was der Freistaat als Rechteinhaber von Hitlers Kampfschrift bisher unter allen Umständen verhindern wollte: Billige Volksausgaben von „Mein Kampf“, oberflächlich mit Anmerkungen versehen, um den wissenschaftlichen Anschein zu wahren, könnten den Buchmarkt fluten. Dem will das Institut für Zeitgeschichte durch eine eigene zweibändige Ausgabe zuvorkommen. Hitler, kritisch editiert, sozusagen: 1600 Seiten und knapp 5000 Anmerkungen dick – die Normalausgabe von „Mein Kampf“ hat 780 Seiten. „Hitlers Mein Kampf – eine kritische Edition“, wird das Werk heißen. Als Herausgeber firmieren die Wissenschaftler – Hitler soll bibliographisch nicht als Autor erscheinen. Ein Kunstgriff, der aber viel aussagt über die Sensibilität, mit der das Institut vorgeht.

IfZ-Direktor Andreas Wirsching hofft eigentlich inständig, dass das Buch kein Erfolg wird. Nichts ist schlimmer als die Vorstellung, dass „Mein Kampf“ als Stapelware in den Buchhandlungen liegen würde. Die IfZ-Edition soll „für den Normalhistoriker erschwinglich“ sein, wie Wirsching sagt. Unter 100 Euro jedenfalls. Er rechtfertigt die Edition so: Das Buch sei „mystifiziert“, eine „genaue Kenntnis des Gegenstands gibt es nicht“. Wirschings Kollege Christian Hartmann hat zwei Dutzend Spezialisten zusammengezogen, die „Mein Kampf“ nach allen Regeln wissenschaftlicher Kunst zerlegen – sogar ein Japanologe war dabei, der Passagen zu Japan einer Überprüfung unterzog. Am Ende soll der Leser merken, wie Teamleiter Hartmann sagt, „dass sich Hitler eine Karriere zusammengelogen hat“.

Es beginnt schon bei den Quellen. Hitler legte nie offen, woher er seinen Rassismus und Antisemitismus hatte. Jetzt erfolgt eine Neubewertung. Größeren Einfluss hätten Schriften des Eugenikers Hans F. K. Günther gehabt, sagt Hartmann. Der so genannte „Rassen-Günther“ erhielt 1930 auf Betreiben der Nationalsozialisten eine Professur in Jena, hatte aber schon früher mehrere Bücher veröffentlicht, die Hitler offenbar verschlang.

Eher geringer zu veranschlagen – obwohl oft Gegenteiliges behauptet wurde – sei hingegen der Einfluss des österreichischen Geistlichen Jörg Lanz von Liebenfels, eines eingeschworenen Rassisten. Hitler habe insgesamt aber eine breite „Heftchen- und Traktat-Literatur“ in sich aufgesogen und zu einer tückischen Mischung aus Lügen, Halbwahrheiten und Propaganda verarbeitet. Vieles lieferte ihm in der Landsberger Haftzeit 1924 sein Vertrauter Rudolf Heß zu – das zeigen dessen Briefe an seine Verlobte, die das IfZ auswertete. Neue Erkenntnisse gibt es auch zu fremdsprachigen Ausgaben: Der arabische „Mein Kampf“ etwa wurde umgedichtet – Passagen, in denen Hitler Großbritannien pries, verschwanden. Dafür lobte Hitler jetzt die Araber. Die Fälschung einer Hetzschrift also. Eine systematische Auswertung aller internationalen Ausgaben kann das IfZ indes nicht leisten. Es wäre auch zu viel verlangt, denn ständig kommen neue Ausgaben auf den Markt – jüngst tauchten welche im Athener Buchladen der rechtsextremen Partei „Goldene Morgenröte“ auf.

Die Forscher gehen auch der Frage nach, inwieweit „Mein Kampf“ so etwas wie einen Zukunftsentwurf für Hitlers Politik beinhaltet. Sicher, den Holocaust an den Juden konnte man trotz aller bösartiger Judenfeindschaft in „Mein Kampf“ so nicht herauslesen. Einzelne Eckpfeiler der Vernichtungspolitik sind aber ablesbar, etwa die judenfeindliche Umformung des Begriffs „Rassenschande“ durch Hitler – ein Wort, das den Kolonialdebatten entstammte, ursprünglich also auf die Denunziation der Beziehung weißhäutiger Deutscher mit Afrikanerinnen gemünzt war. Hitler münzte den Begriff antisemitisch um, 1935 entstanden die „Nürnberger Gesetze“.

Solche Feinjustierungen der Forschung wird die breite Öffentlichkeit wahrscheinlich nicht im Blick haben, wenn die Edition Anfang Januar 2016 erscheint. Nach einer ersten Empörungswelle gegen das Projekt, ausgelöst durch kritische Bemerkungen von Holocaust-Überlebenden, ist es ruhig geworden. Das Projekt leiste „Gegenaufklärung“ zu Hitlers Propaganda, rechtfertigt es Wirsching. Das sei „auch ein Dienst an der Würde der Opfer“. Das internationale mediale Echo war zuletzt eher freundlich gesinnt, wie Artikel in der „Washington Post“ und im „Jewish Cronicle“ zeigen. Auch in Israel gebe es keine einheitliche Meinung zu dem Projekt, sagt Wirsching. Sondern ein Pro und Contra, selbst unter Fachkollegen von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.

Vom Freistaat Bayern, vor allem vom Wankelmut des Ministerpräsidenten Horst Seehofer und des Kultusministers Ludwig Spaenle, sind die Forscher enttäuscht. Der Freistaat sponserte die Ausgabe erst mit 500 000 Euro, ehe er eine 180-Grad-Kehrtwende vollzog. Seehofers Begründung, er wolle für eine Neuausgabe von „Mein Kampf“ nicht auch noch das Staatswappen hergeben, hat die Forscher verstört.

Wirsching, eigentlich ein sehr ruhiger Typ, ist noch immer fast entrüstet, wenn man ihn darauf anspricht. „Es war nie davon die Rede, dass der Freistaat ,Mein Kampf’ mit dem bayerischen Staatswappen vorne auf dem Umschlag herausbringt. Eine solche Idee wäre ja auch ziemlich grotesk gewesen.“ Immerhin: Das Geld konnte das IfZ behalten – es wurde für andere Forschungsaufgaben verwendet.

Von Dirk Walter

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