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Die Zahl der Süchtigen in Bayern wird auf bis zu rund 44.000 Menschen geschätzt.

Neue Kampagne gegen Glücksspielsucht

Trügerischer Lockruf des Glücks

München - Von Geldspielautomaten geht eine große Gefahr aus, die Zahl der Abhängigen steigt stark an. Eine neue Kampagne will dagegen ankämpfen. Titel: „Verspiel nicht Dein Leben“. Jürgen K. hat seine Existenz und seine Familie mit der fatalen Sucht zerstört.

An einem Dienstag im April vergangenen Jahres wachte Jürgen K. auf, endlich. Nur zwei Tage zuvor, am Sonntag, hatte er die Familienkutsche für einen Spottpreis regelrecht verschachert. Mit dem Bargeld in der Hand hastete er in die nächste Spielhalle, an den Daddelautomaten. Die 2500 Euro rannen ihm wie Sand durch die Finger, er verspielte sie an blinkenden Automaten. In den fünf Jahren zuvor hatte der Münchner etwa 300 000 Euro verzockt, er verlor seine Familie, sein Zuhause, seine Freunde. Im April beschloss er, sich endlich helfen zu lassen.

Jürgen K. ist heute 32 Jahre alt und ein pathologischer, krankhafter Spieler. Es existieren kaum Statistiken über Glücksspielsüchtige, Betroffene geben ihren Zwang ungern zu. Die Landesstelle Glücksspielsucht schätzt, dass es in Bayern bis zu 44 000 Süchtige gibt, 50 000 Menschen legen problematisches Spielverhalten an den Tag. Die Zahlen steigen bundesweit dramatisch, vor allem junge Männer sind gefährdet. Von den 18- bis 20-Jährigen spielt fast jeder siebte regelmäßig – 2007 waren es nur halb so viele. Die meisten sind abhängig vom Spiel an Geldautomaten, allein in Bayern gibt es 13 480 davon. Die Spieler im Freistaat verzockten daran insgesamt 258 Millionen Euro.

Jürgen K. hat sein Hab und Gut an solche Geräte verloren. Früher, kurz nach dem Abitur und gerade volljährig, fuhr er mit seinen Kumpels ab und zu ins Casino, setzte vielleicht 100 Mark. „Mehr Geld hatten wir nicht“, erzählt der 32-Jährige heute. In Kneipen warf er schon mal ein paar Euro in den Daddelautomaten, aber damit war es auch gut. Richtig viel Geld verlor er erstmals am Valentinstag 2004. Mit seiner Frau, damals 22, besuchte er das Salzburger Casino, zusammen warfen sie eine Münze nach der anderen in den Schlitz – und plötzlich waren 1000 Euro weg. „Am nächsten Tag fuhren wir sofort in die Spielbank nach Bad Wiessee, um die Summe wieder hereinzuspielen“, erinnert sich Jürgen K. Sein Blick wird leer, wenn er an den Anfang seiner traurigen Laufbahn denkt. Leise fügt er hinzu: „Dabei ging es nie um das Geld.“ Um eine Familie gründen zu können, hatte er nach dem Abi auf ein Lebensmitteltechnologie-Studium verzichtet und eine Bäcker-Filiale betrieben. Mit dem Einkommen führten K. und seine junge Frau ein schönes Leben in einer schicken Wohnung. Es ging nicht um Geld. Es ging nur um das Spiel.

Das Geschäft mit dem Spiel ist mehr als einträglich – allerdings nur für die Betreiber. Die Umsätze der Unterhaltungsautomatenwirtschaft in Deutschland steigen beständig: von 2006 auf 2007 bundesweit um 12,7 Prozent auf 7,75 Milliarden Euro. Spieler verlieren viereinhalb mal so viel Geld an Automaten wie in allen deutschen Spielbanken zusammen. Verschiedene Faktoren lassen die Kassen klingeln: Die Spielhallen schießen wie Pilze aus dem Boden, die Gemeinden haben kaum Handhabe, Bauanträge abzulehnen (wir berichteten). Neue Automaten wie die vom österreichischen Hersteller Novomatic schlucken in immer kürzerer Zeit mehr Geld, das Risiko gleicht dem in Spielbanken – die Suchtgefahr steigt, der Umsatz auch.

Dass niemals der Spieler, sondern immer der Automat gewinnt, das wusste Jürgen K. Und doch ließ er sich von dem Geblinke und Gesurre des Automaten einlullen. Er vergaß die Welt um sich herum. Kleinere Ehe-Probleme trieben ihn in die Spielhallen, seiner Frau erzählte er immer öfter Lügen über Treffen mit Freunden. Seine Tageseinnahmen aus der Bäckerei verspielte er noch am selben Abend. Schnell war das Vertrauen zerstört, die Geburt von zwei Söhnen rettete die Ehe nicht. K. lebt in Privatinsolvenz und Scheidung, hält sich mit Jobs über Wasser. Familie und Freunde wollen nichts mehr von ihm wissen: Auch von ihnen hat er sich unter Vorwänden Geld geliehen – und es nie zurückgezahlt. „Für die ist Spielsucht Dummheit, keine Krankheit.“

Gerade Angehörige sollen durch eine neue 500 000-Euro-Kampagne der Landesstelle Glücksspielsucht sensibilisiert werden. „Wir halten keinen Süchtigen vom Spielen ab“, weiß Geschäftsführer Andreas Czerny. Und doch soll in Werbespots und auf Plakaten gezeigt werden: Es gibt Hilfe. Jürgen K. wandte sich im April verzweifelt an das Blaue Kreuz, im November bekam er einen Therapieplatz in einer Klinik im Saarland. „Geheilt wird ein Spielsüchtiger nie“, sagt er. Und doch ist er heute seit exakt 95 Tagen stark genug, um der Versuchung zu widerstehen. Jürgen K. ist stolz auf jeden einzelnen Tag.

Den Werbespot der Landesstelle Glücksspielsucht sehen Sie hier

Carina Lechner

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