Revolution in der Wissenschaftslandschaft

Neue Regelung: Der „Dr. FH“ kommt

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München - Kleine Revolution in der Wissenschaftslandschaft: Auch Absolventen der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften dürfen künftig promovieren.

Es gibt 230 000 Studenten an den bayerischen Unis; und 111 000 Studenten an den Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW), den früheren FHs. Doch Student ist nicht gleich Student: Für HAW-Absolventen ist nach dem Examen Schluss, Uni-Absolventen dürfen, sofern sie Topleistungen gebracht haben, sich in eine Doktorarbeit vertiefen. Etwa 4200 Promotionen gibt es jedes Jahr in Bayern. Das Promotionsrecht als Alleinstellungsmerkmal haben die Universitäten bisher erbittert verteidigt. Doch nun ist es gelungen, diese Linie aufzuweichen. Unter dem Dach eines neuen Bayerischen Wissenschaftsforums werden Professoren von Universitäten und HAWs künftig Doktoranden der HAWs gemeinsam betreuen – der „Dr. FH“ kommt, überschrieb dpa ihren Bericht. Diese „Verbundpromotion“ werde „weit über Bayern hinaus Strahlkraft entfalten“, sagte Wissenschaftsminister Ludwig Spaenle (CSU) im Landtag voraus. Zum 1. Januar 2016 sollen Unis und Hochschulen einen Kooperationsvertrag unterzeichnen, mit dem ein Lenkungsrat und so genannte Verbundkollegs verankert werden. Über diese Einrichtung können Betreuer der Dissertation gefunden werden. So ganz allein ist Bayern freilich nicht: In praktisch jedem Bundesland gibt es Beispiele, wie HAW-Studenten das Recht zur Promotion eröffnet werden kann, wie eine interne Aufstellung des Wissenschaftsministeriums zeigt.

An den Hochschulen wird das Promotionsrecht schon seit Jahren geradezu herbeigesehnt. Die Verbundpromotion sei „ein ganz großer Schritt voran“, meint zum Beispiel Prof. Dr. Klaus Wollenberg von der Fakultät für Betriebswirtschaft an der HAW München. „Auch wir haben immer wieder richtige Top-Leute“, die aber derzeit mühsam weitervermittelt werden müssten. Wollenberg hat sich selber ein „Netzwerk“ zu Betriebswirtschafts-Professoren an Universitäten wie Dresden, Bayreuth oder der TU München aufgebaut, an die er seine Einser-Studenten weitervermittelt. Leicht sei das nicht, sagt Wollenberg. Wenn er Glück habe, dürfe der HAW-Professor, der den Kandidaten vermittelte, Co-Referent bei der Begutachtung sein. „Meist ist das aber nicht der Fall.“ Die Unis verteidigten ihr alleiniges Promotionsrecht „mit Zähnen und Klauen.“ Bei der Verbundpromotion komme es wohl auf das Detail an, meint der Professor. Denn in der Promotionsordnung könnten die Universitäten noch allerlei „kleine Gemeinheiten“ einbauen, um die Oberhoheit zu behaupten – etwa die Maßgabe, dass nur habilitationsberechtigte HAW-Professoren Gutachter sein dürfen.

Das formelle Promotionsrecht bleibt auch bei der Verbundpromotion bei den Universitäten. Auf der Promotionsurkunde sind aber künftig Uni und HAW genannt. Im Landtag lobten die Fraktionen die nun gefundene Lösung. Isabell Zacharias (SPD) sprach gar von einem „Brautpaar“, das sich nun gefunden habe. „Freilich wird jede siebte Ehe wieder geschieden“, wand Michael Piazolo (FW) skeptisch ein. Er mahnte an, die neuen Gremien auch mit Geld auszustatten. Sabine Doering-Manteuffel, Vorsitzende der Universität Bayern e.V., nannte die neue Kooperation „ein wegweisendes Modell“ und sprach von der Lösung für einen „latenten Konflikt“.

Ob diese Lösung dauerhaft ist, scheint ungewiss. „Meine These ist: In zehn Jahren haben die HAWs ein eigenständiges Promotionsrecht“, sagt die SPD-Abgeordnete Zacharias. Hochschul-Professor Wollenberg stimmt zu: „Das ist nur eine Frage der Zeit.“

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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