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Flop oder Bestseller? Jede Schule darf selbst entscheiden, nach welchen Schulbüchern die Kinder unterrichtet werden. Kirsten Fendt und Andy Horschig sind zwei der Autoren von „Deutsch kompetent“. 

Der Kampf um das perfekte Lehrwerk

Schulbücher: Die Bestseller-Autoren, die keiner kennt

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München - Ab dem kommenden Schuljahr gilt an Bayerns weiterführenden Schulen ein neuer Lehrplan. Neue Schulbücher braucht das Land – ein gutes Geschäft für die Lehrbuchverlage. In ein Schulbuch fließt aber auch viel Arbeit – und sogar Herzblut.

Andy Horschigs Zeigefinger geht auf Lernreise. Neben einem Foto von Schloss Neuschwanstein streicht der Schulbuchautor über Beispielsätze, Arbeitsaufgaben und einen Infokasten. Am Ende zeigt er auf die Regeln zu Subjekt und Prädikat. Anhand Bayerns berühmtestem Bauwerk lernen Schüler den deutschen Satzbau. Anhand des „Grammatik-Lernwegs“ sollen Fünftklässler wissen, wie sie die Satzglieder bestimmen können. „Wissen und praktische Anwendung, darum geht es“, sagt Horschig, der die Lerneinheit entworfen hat. „Die Schüler sollen kapieren: Wofür brauche ich das eigentlich?“

Der 40-jährige Deutschlehrer, der am Münchner Willi-Graf-Gymnasium unterrichtet, arbeitet nebenbei für den Stuttgarter Ernst Klett Verlag an der Gymnasial-Lehrbuch-Serie „Deutsch kompetent“. Sie ist für den neuen „Lehrplan Plus“ ausgelegt. In dem wimmelt es nur so von „Kompetenzen“ – das Wort ist das neue Mantra der bayerischen Pädagogik. Dadurch liegt mehr Wert auf praktischer Anwendung des Gelernten, sagen die Befürworter. Vor lauter Kompetenzen bleiben die Wissensinhalte auf der Strecke, sagen die Gegner.

Das ändert sich beim Wechsel zum G9

Und natürlich müssen die Autoren den anstehenden Wechsel vom G8 zum G9 berücksichtigen. An den Büchern für die Sechste und Siebte ändert sich noch nichts, in den weiteren Bänden wird der Stoff wohl im Vergleich zum G8 entzerrt. Gemeinsam mit einem Team von Lehrern, zu dem auch Kirsten Fendt (45) vom Münchner Pestalozzi-Gymnasium zählt, sitzt Horschig derzeit am Band für die siebte Klasse.

Der für die Sechste liegt zurzeit beim Kultusministerium zur Freigabe-Prüfung. „Deutsch kompetent 5“ buhlt bereits mit den Werken der Konkurrenz-Verlage um die Gunst der bayerischen Lehrer. In den kommenden Wochen entscheiden diese, ob „Deutsch kompetent“ zum Flop oder zum Bestseller wird. Denn jede Schule darf zwischen den verschiedenen Lehrwerken wählen, die das Kultusministerium für geeignet befindet.

„Eine Gratwanderung entlang des Geschmacks“

Bis zur Freigabe investiert das Autorenteam eine Menge Arbeit. Bevor sie die Aufgaben und Regeln formulieren, wollen bündelweise Kurzgeschichten gelesen, Bild- und Zeitungsarchive durchstöbert werden. „Ich suche ewig nach geeigneten Materialien“, erzählt Mitautorin Fendt. Anschaulich müssen sie sein, aber nicht schon in dutzenden Lehrbüchern ausgelutscht. Nicht altbacken, aber auch nicht zu modern. Zwischen Äsops Fabeln und Harry Potter: eine Gratwanderung entlang des Geschmacks des Kultusministeriums.

Die manchmal mit einem Absturz endet: Eine komplett fertige Lerneinheit ließen die Prüfer durchfallen, weil sie Otfried Preußlers Jugendroman-Klassiker „Krabat“ zum Thema hatte. Der gleichnamige Spielfilm über den Zauberlehrling ist aber erst ab zwölf Jahren freigegeben. Das Thema sei folglich nicht für Fünftklässler geeignet, so das Urteil. „Wir waren baff“, sagt Fendt. „Alle waren mit der Übung glücklich und dann das.“

„Das perfekte Schulbuch gibt es nicht“

Die Schulbuchautoren befinden sich im Spannungsfeld zwischen ministeriellen Vorgaben, den Vermarktungsinteressen ihres Verlags und ihren eigenen Ideen. Idealismus und Unterrichtspraxis setzen sich da nicht immer durch. „Das perfekte Schulbuch gibt es nicht“, bekennt Horschig. Doch im Wettbewerb mit einem halben Dutzend Konkurrenten sieht sich das Team gut aufgestellt.

Horschigs Schule hat sich für „Deutsch kompetent“ entschieden. Bei Fendt fiel das Votum für einen anderen Verlag aus, der schon seit Jahren das Deutschbuch liefert. „Deutschlehrer sind in der Mehrheit Veränderungen abgeneigt“, sagt sie.

Neben dem Unterrichten und der Korrekturarbeit opfern die Autoren für ihre Arbeit am Schulbuch viele Abende und Wochenenden. Dazu kommen mehrtägige Autorenkonferenzen. Natürlich bezahlen die Verlage ihre Autoren. Trotzdem: „Es braucht Herzblut – man muss für sein Fach brennen“, sagt Horschig. Ein guter Teil der über 40 000 Schüler, die nächstes Jahr die fünfte Klasse eines bayerischen Gymnasiums besuchen, wird seine Grammatik-Lerneinheiten im Schulranzen tragen. Schulbuchautoren sind, wenn es gut läuft, Bestsellerautoren. Auch das motiviert.

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