News-Ticker: Gesuchter Imam bei Explosion in Alcanar getötet

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Sie haben nur noch sich: (v.l.) Muhammad (25), Farah (16), Lubna (27) und Hala (25) in Fürstenfeldbruck. Sie leben in der Erstaufnahme-Einrichtung im Fliegerhorst etwas abseits des Zentrums .

Meine Flucht nach Oberbayern - Erster Teil der Serie

Von Damaskus bis München: Vier Geschwister berichten über ihre Flucht

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Damaskus/München - In Syrien gehörten sie zur Mittelschicht. Jetzt sind sie Flüchtlinge in einem fremden Land. Die Geschwister Lubna, Hala, Farah und Muhammad haben alles zurückgelassen. Das ist die beklemmende Geschichte ihrer Flucht, die wir in einer Serie begleiten werden.

Sie hatten sich tagelang nicht gesprochen, dazu gab es keine Gelegenheit. Lubna musste rennen. Sie musste sich verstecken. Sie musste Menschen bestechen. Natürlich dachte sie an ihre Eltern. Aber anrufen wollte sie erst am Ziel, im Land der Verheißung.

In München griff sie zum Handy. Sie wählte: 0096, die Vorwahl von Syrien, dann die Handy-Nummer, die sie auswendig kann. Das Gespräch hatte Lubna Hunderte Male im Kopf durchgespielt. „Wie geht es Dir?“, fragte die Mutter. „Wie geht es Deinen Geschwistern? Wie war die Reise?“ Lubna sagte, es gehe ihnen gut, sie seien in Deutschland. Sie hätten nette Menschen getroffen und viele Länder gesehen. „Sie wusste, dass ich lüge. Und ich wusste, dass sie es weiß.“

Lubna sitzt in einem Eiscafé in Fürstenfeldbruck, als sie davon erzählt. Sie ist 27 und die älteste von vier Geschwistern. Sie wollen zum ersten Mal über ihre Flucht sprechen, die ganzen 6000 Kilometer von Damaskus bis in den Fliegerhorst nach Fürstenfeldbruck. Nur eines verschweigen sie: ihren Nachnamen. So wollen sie verhindern, dass ihre Eltern zu Hause Probleme bekommen – oder erfahren, wie die Flucht wirklich war.

Hier stand einmal das Haus der Geschwister.

15 Tage waren Lubna, Hala und Muhammad (beide 25) und die 16-jährige Farah unterwegs. Keinem von ihnen fällt es leicht, über diese Zeit zu sprechen. Darum erzählt erstmal nur Lubna, die Architektin war, bevor sie Flüchtling wurde. Eigentlich wollten sie niemals von zu Hause weg. Aber dann fielen die Bomben, immer wieder, drei Jahre lang. Sie verloren ihr Haus und ihren Glauben an die Zukunft. Dann kam der Tag, als ihre Mutter mit 18 000 Dollar vor ihnen stand.

Sie hatte all ihre Ersparnisse abgehoben. Als Apothekerin konnte sie einiges zur Seite legen, nicht umwerfend viel, aber sie dachte, es würde reichen, um ihre vier Kinder nach Deutschland zu bringen. Die Entscheidung reifte über drei Jahre in ihr, seit 2012, als Soldaten in ihre Stadt kamen. Damals begann das Morden, sagt Lubna. Menschen verschwanden, Häuser wurden zerbombt, auch das ihrer Familie. Auf ihrem Handy hat sie noch ein Foto von der Stelle, an der ihr Zuhause stand. „Das Loch da“, sagt sie, „das war unser Haus.“

Zwischen Freund und Feind kann in Syrien niemand mehr unterscheiden

Seit 2011 herrscht in Syrien Bürgerkrieg. Nur die Wenigsten verstehen noch, wer dort gegen wen kämpft. Es gibt den Herrscher Baschar al-Assad und seine Armee. Und es gibt seine Gegner, die Kurden, die Nusra-Front, der Islamische Staat – insgesamt ein paar Dutzend Konfliktparteien. Das Komplizierte an der syrischen Situation ist, dass sich auch Assads Gegner bekämpfen. Auch Lubna und ihre Familie konnten bald nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden. „Alle hatten Gewehre und jeder wollte etwas von uns“, sagt sie. Geld, vor allem Geld.

Der Schleuser, den ihre Mutter bezahlt hatte, rief spät in der Nacht an. Inzwischen lebte die Familie im Haus des Großvaters, etwas außerhalb von Damaskus. Es war gerade so viel Zeit übrig, das Wichtigste in eine Tasche zu packen. Der Abschied kam viel schneller, als sie gedacht hatten. Hektik, Umarmungen, 18 000 Dollar, die Handys, Tränen. Dann standen Lubna, Hala, Farah und Muhammad vor dem Haus ihres Großvaters. Aus der Dunkelheit tauchte das Auto des Schleusers auf. Und plötzlich hatten sie nur noch sich.

Zwischen den ausgesessenen Polstern der Autositze und den Stühlen hier im Eiscafé in Fürstenfeldbruck liegen zehn Wochen. Es ist das erste Mal, dass die Vier von ihrem Abschied erzählen. Es wirkt, als könne kein Satz das ausdrücken, was sie damals fühlten. Lubna findet ein paar Worte, Hala, Farah und Muhammad nicken.

„Am schlimmsten war es, bis zur türkischen Grenze zu kommen“, sagt Lubna dann. Was sie bis dahin erlebten, zeigte ihnen, wie kaputt ihr Land wirklich ist. „Die Schleuser verkauften uns an Soldaten der Regierung. Die Soldaten verkauften uns an al-Nusra. Al-Nusra verkaufte uns an Daesh“ – das ist die arabische Abkürzung für den Islamischen Staat. Die IS-Kämpfer hassen diesen Ausdruck. Auf Arabisch klingt er wie ein Schimpfwort.

Ihre Flucht begann mit 18.000 Dollar - an der Grenze zur Türkei waren nur noch 9000 übrig

An der Grenze zur Türkei fassten sie sich an den Händen und rannten. Um sie herum fielen Schüsse. Lubna glaubt, dass es syrische Militärs waren, die auf sie zielten. Aber genau weiß sie es nicht. Um schneller zu sein, warfen sie ihre Rucksäcke weg. Was ihnen blieb, waren die Handys, das Geld – und was sie am Körper trugen. Sie retteten sich in einen Wald, versteckten sich dort drei Tage lang, bis der nächste Schleuser auftauchte. Sie hatten es gerade bis über die Grenze geschafft. Von den 18 000 Dollar waren noch 9000 übrig.

Die Vier wissen nicht mehr, wie lange es von der Grenze bis zur türkischen Küste dauerte, fünf Stunden oder zehn? Der Schleuser aus dem Wald brachte sie dorthin. Das nächste Bild, das Lubna vor Augen hat, sind vier schwarze Gummiboote und sicher 200 Menschen, die am türkischen Kiesstrand warten. Eines war für vielleicht 15 Menschen gemacht, aber die Schleuser zwangen 50 auf ein Boot – und kassierten wieder ab, 50 Mal. Als Lubna und ihre Geschwister sahen, wie viele Menschen sich auf das wacklige Stück Plastik zwängten, wuchs die Panik. Alles in ihnen sträubte sich, auch einzusteigen. Aber am anderen Ufer konnten sie Europa schon sehen.

Das Schlauchboot, auf dem 50 Menschen von der Türkei nach Lesbos übersetzten.

„Auf dem Schlauchboot haben wir uns nicht getraut, uns zu bewegen“, sagt Lubna. Sie standen dicht aneinander gedrängt, den Blick aufs Ufer der griechischen Insel Lesbos geheftet. „Wir haben zweieinhalb Stunden gebetet“, sagt Hala. Aber die Gebete halfen nicht jedem. Die drei anderen Boote gingen unter. Die Vier mussten dabei zusehen, wie 150 Menschen in der Ägäis ertranken, auch Kinder. „Wir haben gesehen, wie ein Junge tot an unserem Boot vorbeitrieb“, sagt Lubna. „Er war vielleicht drei Jahre alt.“ Als sie in der griechischen Hafenstadt Mytilini aus dem Schlauchboot stiegen, rissen sie sich die Rettungswesten vom Körper und fielen sich in die Arme.

Oft hatten sie das Gefühl, dass sie die Flucht nicht überstehen würden. Das Gefühl war schrecklich, sagt Lubna: „Aber wenn wir umgekommen wären, hatten wir es wenigstens versucht.“

Flucht als Geschäft: Je mehr Menschen flüchten, desto mehr Schleuser profitieren

Jetzt hatten sie es immerhin bis Europa geschafft – aber die längste Strecke der Flucht lag noch vor ihnen. Auf einem Schiff ging es von Lesbos nach Athen, 13 Stunden Fahrt. Dann ein neuer Schleuser, ein neues Auto, wieder Hunderte Dollar weniger in der Tasche. An der mazedonischen Grenze schliefen sie erschöpft neben einer Straße ein, am Morgen rasten die Autos an ihren Köpfen vorbei. Dann Serbien. Sie wollten direkt nach Belgrad, aber die Schleuser wollten so viel Geld wie möglich machen. Einer nahm sie mit und setzte sie im Nichts ab. Der nächste gabelte sie auf und brachte sie wieder ins Nichts. So ging das viele Hundert Dollar lang weiter.

Die Flucht nach Europa ist ein rentables Geschäft. Und je mehr Menschen flüchten, desto mehr profitieren die Schleuser. Jeder Schritt nach Europa kostet, selbst das Warten. Als Lubna und ihre Geschwister in Budapest ankamen, steckten die Schleuser sie mit Hunderten weiteren Flüchtlingen in ein Gebäude. Nichts passierte. Aber alle sechs Stunden kassierten die Männer 15 Euro von jedem. „Die Hälfte des Geldes“, sagt Lubna, „ging an die ungarische Polizei.“

Anfang September. Endlich hatten sie Aussicht, nach Deutschland zu kommen. Das war etwa zu der Zeit, als Kanzlerin Angela Merkel sagte, es gebe keine Obergrenze für das Grundrecht auf Asyl. In Ungarn verbreitete sich die Nachricht, Deutschland würde Züge schicken. Das Land der Verheißung rückte näher. Die Züge kamen, trotzdem kassierte ein Mann am Bahnhof von jedem Flüchtling 125 Dollar ab.

15 Tage waren sie unterwegs. Von den Ersparnissen ihrer Mutter waren noch 150 Dollar übrig, von ihrer Selbstachtung kaum noch etwas. „Wir sind unterwegs wie Tiere behandelt worden – die haben sogar Kinder geschlagen.“ In Syrien hatten Lubna, Hala, Farah und Muhammad alles verloren. „Aber das war nicht so schlimm, wie die Würde zu verlieren.“

Wenige Quadratmeter: Dieses Zimmer teilen sich die vier Geschwister in der Unterkunft in Fürstenfeldbruck.

Inzwischen telefonieren die Vier jeden Tag mit ihren Eltern in Damaskus. Aber das mit der Würde könnten sie ihnen niemals erzählen. Sie verschweigen auch die dreckigen Kissen, die man ihnen im Fliegerhorst in Fürstenfeldbruck in die Hand gedrückt hat und die sie unter dem Wasserhahn schrubbten, bis sie nicht mehr ganz so gelb waren. Wer ein Leben lang auf sauberen Kissen geschlafen hat, gewöhnt sich nicht so schnell an dreckige – auch nicht nach 6000 Kilometern Flucht.

„In Syrien erzählt man sich, Deutschland sei ein Wunderland“, sagt Lubna. Die Leute sagen, jeder bekomme hier die Chance, zu zeigen, was er kann. Sie und ihre Geschwister wollen das auch. Sie wollen weiter studieren, Geld verdienen, Steuern zahlen. Sie stellten aber bald fest, dass Deutschland kein Wunderland ist, keines sein kann – nicht für Hunderttausende zugleich. Manchmal, wenn sie in diesen Tagen durch Fürstenfeldbruck laufen, spüren sie die Blicke der Menschen. „Man wird sensibel dafür“, sagt Lubna. „Es fühlt sich an, als wären wir hier nicht erwünscht.“

Kürzlich fragte sie einen der Sicherheitsmänner in der Unterkunft, ob er ihr ein paar Worte auf Deutsch beibringen könne. Er sagte, er habe keine Zeit für sie. Dann fragte sie, ob sie sich nützlich machen könne, als Dolmetscherin zum Beispiel. Sie hätte auch gekocht oder andere Flüchtlinge in Englisch unterrichtet. Der Mann antwortete, wenn ihr langweilig sei, solle sie die Klos putzen.

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