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Julia-Katharina Buchholz hat ihre Koffer wieder mal gepackt.

Was kann Dorf, was München nicht kann?

Die neue Stadtflucht der jungen Leute

München/Oberstdorf – Viele junge Menschen zieht es nach der ersten Großstadt-Erfahrung wieder aufs Land. Was kann das Dorf, was München nicht kann? Eine Spurensuche in Sachen Heimatliebe.

Emma pendelt. Immer am Wochenende fährt sie über 300 Kilometer mit dem Auto, 150 hin, 150 zurück. Der Fahrtwind lässt ihr rotgraues Fell zittern; ihre kleinen, flauschigen Ohren sortieren nervös die Autobahngeräusche außerhalb ihrer Reisebox. Emma ist ein Thüringerkaninchen. Wohnhaft in München, wirklich zuhause im Allgäu, in einem kleinen Ort zwischen Immenstadt und Oberstdorf.

Emmas Besitzerin Julia-Katharina Buchholz, 28 Jahre alt, geht es ein bisschen wie ihrem Haustier. Sie tritt zwar selbst aufs Gas und muss sich für die Fahrt nicht in eine Reisebox zwängen. Gemeinsam haben die beiden aber, dass sie aus dem Allgäu stammen – und nach einigen Jahren Stadtluft dringend wieder dorthin zurück wollen.

Servus, Großstadt: Julia-Katharina Buchholz und ihr Michael wollen zurück ins Allgäu.

Julia-Katharina Buchholz steht stellvertretend für eine Generation von jungen Menschen, die es nach Ausbildung oder Studium wieder vermehrt zurück in ihre Heimat zieht. Marc Redepenning, Professor für Kulturgeographie an der Universität Bamberg, spricht in diesem Zusammenhang von einer „Lebenszykluswanderung“.

Nach dem Studium und ersten Arbeitserfahrungen, die meist an eine oder mehrere Großstädte gekoppelt sind, würden viele Menschen im Alter zwischen 25 und 30 Jahren überlegen, aufs Land zu ziehen. Manche, weil sie von dort stammen und gerne zurück möchten. Andere, weil sie sich das Landleben ruhig und gesund vorstellen. Redepenning hat in einer Studie außerdem erfahren, dass vielen Rückzüglern besonders der Begriff „Heimat“ wichtig ist. „Dabei ist Heimatliebe eher ein schwammiges Gefühl“, findet er.

Julia-Katharina Buchholz findet „Heimat“ überhaupt nicht schwammig. Nachdem sie mit ihrem jetzigen Mann Michael in Bayreuth studiert hatte, fingen beide an, in München zu arbeiten. Sie in einer Kommunikationsagentur, er im Tourismusmarketing. Doch schon nach drei Monaten in der gemeinsamen Mietwohnung merkte sie: „Hier werd‘ ich nicht alt“. Michael fand München am Anfang noch spannend – aber auch ihm wurde es bald zu hektisch. Zu viel Verkehr, zu viel Lärm, kaum Kontakt zu den Nachbarn. Ja, die Nachbarn: Weil sich keiner von ihnen am Wochenende um Emma kümmern konnte oder wollte, wurde das Kaninchen zur Pendlerin. Zweitwohnsitz Allgäu.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich so schnell wieder ins Allgäu ziehe“, sagt Buchholz und streicht nachdenklich durch ihr langes, dunkles Haar. „Ich habe eine total internationale Familie. Mein Bruder wohnt in Kanada, meine Schwester hat jahrelang in den USA gearbeitet. Ich bin überhaupt kein Heimweh-Typ“. Sie bekam es dann aber doch, dieses Grummeln im Bauch, das dunkle, mächtige Ziehen in der Seele. „Teilweise konnte ich gar nicht mehr heim, weil es mir am Ende des Wochenendes immer richtig weh getan hat, wieder nach München zu fahren“, sagt Buchholz. Sie und Emma verzichteten einige Zeit aufs Pendeln.

Glaubt man dem Wegweiser Kommune der Bertelsmann-Stiftung, profitieren vor allem süddeutsche Gebiete von der neuen Landlust der Jungen. Der Kreis Traunstein in Oberbayern etwa soll in den kommenden zehn Jahren rund drei Prozent an Einwohnern gewinnen. In die süddeutschen Regionen zieht es besonders viele junge Menschen, weil es dort mittelständische Unternehmen gibt, die lukrative Arbeitsplätze bieten. Auch die Verkehrsanbindungen – sollte man doch einmal ein Wochenende in der Stadt verbringen wollen – sind meist sehr gut. „In Ostdeutschland ist das oft nicht der Fall“, sagt Redepenning. „Dort ziehen natürlich auch jüngere Menschen aufs Land, aber aus anderen Gründen und in sehr geringer Zahl“. Der Wissenschaftler beobachtet in Mecklenburg oder Brandenburg beispielsweise eher Künstler mit Pioniergeist, die von den billigen Grundstückspreisen und der verfallenen Bausubstanz angezogen werden. Dort hat Landleben vor allem mit Selbstverwirklichung und alternativen Lebensstilen zu tun. In Bayern und Baden-Württemberg würden sich eher Ingenieure nach einem ruhigen Platz für Berufs- und Familienplanung umsehen.

Buchholz und ihr Mann sind zwar keine Ingenieure, aber auch für sie bietet das Allgäu gute Arbeitsbedingungen. Sie haben „Mitanand“ gegründet, eine Agentur für Tourismusmarketing, die in und um Oberstdorf mittelständische Hotels beraten soll. Erste Termine mit potentiellen Kunden seien vielversprechend verlaufen, sagt Buchholz. Darum, dass sie Job und Lebensqualität so geschickt verbinden können, beneiden sie einige ihrer Bekannten. „Viele würden gerne wieder ins Allgäu ziehen und können nicht, weil sie durch den Beruf eben an die Stadt gebunden sind.“ Trotzdem, Buchholz beobachtet es genau: „Wenn’s auf die Dreißig zugeht, kommt einer nach dem anderen zurück.“ Sie lacht. „Bei uns Allgäuern ist das irgendwie besonders verbreitet.“ Unterhält sich Buchholz mit Freunden darüber, was sie aufs Land treibt, hört sie immer wieder dieselben Argumente: „Gute Luft, das kommt ganz oft. Und für viele ist eine Familie in der Stadt ein No-Go. Man will ja vielleicht doch, dass die Kinder später mit Kühen und Kuhfladen aufwachsen – und nicht irgendwo im 20. Stock“.

Gute Luft, Natur vor der Haustür, freundliche Nachbarn: So stellen sich viele junge Menschen das Landleben vor – eine Sehnsucht, befeuert durch Zeitschriften wie „Landlust“ oder „Liebes Land“. „Darin wird ein ganz bestimmtes Bild vermittelt“, sagt Redepenning. Nämlich: die Verheißung purer Idylle. Es sind schöne Versprechen, aber natürlich können sie auch enttäuscht werden. Besonders Menschen, die nie zuvor auf dem Land gelebt haben, sind nach einigen Monaten Stadtabstinenz oft enttäuscht. „Gerade dörfliche Gesellschaften sind manchmal doch nicht so offen, wie man sich das vorgestellt hat“, sagt Redepenning. Wer dann auch noch aufs Dorf gezogen ist, um auf der Modewelle mitzusurfen, für den entwickelt sich das Land schnell zum Albtraum „Provinz“.

Und „Provinz“ hat keinen guten Ruf. „Das ist ja eher ein Schimpfwort“, sagt Felicitas Wilke, die gemeinsam mit Johanna Popp den Internet-Blog „Typen vom Tellerrand“ betreibt und sich dort genau mit diesem Thema beschäftigt: der Provinz. Den Blog hat sie vor allem gegründet, weil es sie ärgerte, „dass Provinz nur in Extremen existiert“. „Entweder die Menschen stellen sich das Landleben als das Non-Plus-Ultra vor. Oder sie erzählen schreckliche Horrorgeschichten darüber.“ Nicht umsonst sagt der Volksmund: Dorfkinder, die ihr Dorf einmal verlassen haben, wollen entweder nie wieder zurück. Oder sie vergehen vor Sehnsucht nach zu Hause.

Ja, das Land ist ein zweischneidiges Schwert. Die „Non-Plus-Ultra“-Meinung haben vor allem Landlüstlinge, die ursprünglich aus der Stadt kommen und anfangs kaum begreifen, dass ein großer Garten nicht ohne Arbeit grünt, blüht und Tomaten liefert. Dass auf dem Land der Bus nicht im Fünf-Minuten-Takt fährt. Dass es eben nur eine Disco im Umkreis von dreißig Kilometern gibt und der DJ dort jeden Samstag die selben, alten Platten spielt. Keine großen Probleme. Eigentlich. Die Ernüchterung ist oft trotzdem groß.

Horrorgeschichten hört man dagegen öfter von den Jungen, die bewusst vom Land in die Stadt gezogen sind – eine Entscheidung, die natürlich auch einige treffen. Je nachdem, aus welcher Region Deutschlands sie kommen, erzählen sie dann von düsteren Landstrichen, die nur noch von Hundertjährigen bevölkert werden. Von kahlgeschorenen Neonazis. Sie sprechen von Gebieten, in denen es keine Arbeit gibt, keine Ärzte, keine Kinder. Gebiete, die in ihrer Erinnerung grau, grausam und vor allem: einsam sind.

Glaubt man Marc Redepenning, geht es bei diesem „Stadt gegen Land“-Duell allerdings gar nicht um die Vor- oder Nachteile der Provinz und des Landlebens an sich. Sondern darum, dass sich die Menschen immer häufiger nach „ländlichen Werten“ sehnen. „Die Frage ist doch: Was verbinden wir mit ,ländlich‘?“ Buchholz sagt: „Vertrautheit. Kurze Wege. Familiärer Halt. Sich unter die Arme greifen.“ Redepenning hörte vor kurzem fast identische Antworten. Er hatte zu Forschungszwecken Interviews mit Menschen geführt, die aus der Stadt in die Rhön gezogen waren. Der Wissenschaftler stellt sich allerdings die Frage, ob diese Bedürfnisse mittlerweile nicht auch teils in der Stadt befriedigt werden können. „Genau deshalb gibt es ja Phänomene wie Urban Gardening oder Aktivitäten zur Stärkung der Nachbarschaft.“

Das sieht sicher nicht jeder so. Beim Aufstehen Wiesen, Wald, Berge oder einen See vor der Haustür zu haben, kann kein Stadtgarten dieser Welt leisten. Zumindest nicht für Julia-Katharina Buchholz. „Allgäu soll’s wieder werden. Und bleiben“. Ihre Stimme klingt hell beim Sprechen, sie freut sich sehr darauf, in einigen Wochen von München zurück in ihre Heimat zu ziehen. Kaninchen Emma wird noch einmal in die Transportbox hoppeln, für 150 Kilometer. Die Rückfahrt entfällt.

Tatjana Kerschbaumer

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