In Rot wird die Lidl-Bauernmilch präsentiert.

Neue Strategie: Discounter setzt auf regionale Milch

München - Markiert 2010 eine Zeitenwende bei den Discountern? Lidl bietet seit Montag eine neue Milchproduktlinie an – regional produziert, höherpreisig und ohne Gentechnik. Das könnte der Abschied von der Billig-Spirale bedeuten.

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„Ein gutes Stück Heimat“: Unter diesem Markennamen kann seit gestern in den Lidl-Supermärkten eine neue Milchproduktpalette gekauft werden. Die Besonderheit: Der Discounter, der sich in den vergangenen Jahren mit seinem Konkurrenten Aldi eine Schlacht um die niedrigsten Milchpreise geliefert hat – was großen Anteil am Absturz der Milchpreise für die Bauern hatte –, setzt nun auf mehr Qualität, höherpreisige Produkte, Genfreiheit und regionale Herkunft. So kann man die Namen aller teilnehmenden Bauern im Internet abrufen. Die Landwirte beteiligen sich am Programm „Geprüfte Qualität“ (GQ) des bayerischen Agrarministeriums, liefern Milch der höchsten Qualität, halten die Tiere in Laufställen und auf Weiden und verzichten auf gentechnisch veränderte Futtermittel.

In den Kühlregalen wird die „Heimat“-Milch mit 3,8 Prozent Fettanteil zu 99 Cent verkauft. Die 3,5-prozentige Billigmilch der Lidl-Marke Milbona kostet derweil 59 Cent. Für die „Heimat“-Butter müssen 1,49 Euro berappt werden („Milbona“-Butter kostet 99 Cent). Bislang hatte der Discounter schon eine regionale Milchmarke im Sortiment: die Bayerische Bauernmilch, die vom Milchproduktenhandel Oberland eG in Miesbach als Lizenznehmer vermarktet wurde. Offenbar gab es Schwierigkeiten bei Verhandlungen. Die Konsequenz: Lidl legt nun ein eigenes Label auf – die Bauern sind nur Lieferanten. Sie erhalten derzeit von ihren Molkereien – Gropper in Bissingen/Allgäu und Naabtaler Milchwerke in Schwarzenfeld/Oberpfalz – den normalen Grundpreis von 26,6/ bzw. 26,8 Cent netto. Und dann gibt es vierteljährlich einen Zuschlag – je nachdem, wie die Produkte verkauft werden.

Hans-Jürgen Seufferlein vom Verband der Milcherzeuger in Bayern betrachtet die Entwicklung abwartend, aber durchaus wohlwollend. „Bisher gab es beim Handel die Devise: Immer billiger! Es ging nur um Marktanteile. Hauptsache, man ist stärker als die Konkurrenz“, beschreibt er die Lage. Jetzt hofft er, dass eine höhere Wertschätzung von Lebensmitteln auch bei den DiscounternEinzug hält. Seufferlein führt den Sinneswandel darauf zurück, dass die Supermärkte ihr Image aufpolieren möchten und gemerkt haben, dass sie nur mit Niedrigstpreisen keine Marktzuwächse mehr erzielen. Umfragen unter Verbrauchern zeigten, dass die regionale Herkunft eine immer größere Rolle spielt. Er fordert gleichzeitig, dass sich die höheren Aufwendungen der Landwirte durch die teurere Produktion „doppelt- und dreifach bezahlt machen“. Jetzt müsse man abwarten, wie das Programm angenommen wird.

Während beim Lidl-Konzept der Verbraucher darüber entscheidet, wie viel Geld der Milchbauer ausgezahlt bekommt, bringt die Milchvermarktungs-GmbH MVS in Freising am 20. Januar ihre „Faire Milch“ bei Rewe und Tegut (Supermärkte in Hessen/Thüringen/Nordbayern) in die Regale. Zu 50 Prozent ist der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) Gesellschafter an der MVS. Geschäftsführer Jakob Niedermaier verspricht: „Bei uns bekommen die Bauern 40 Cent ausgezahlt.“ Jene magische Größe, die die Milchbauern seit jeher fordern, und die sich auch erst bewahrheiten muss. Zunächst gibt es „Die faire Milch“ nur als H-Milch mit 3,8 Prozent Fett (99 Cent) und 1,8 Prozent Fett (89 Cent). Die Palette soll aber ausgeweitet werden. Niedermaier legt Wert darauf, dass die Bauern die Fütterung ihrer Tiere umstellen mussten. Etwa, damit mehr Omega-3-Fettsäuren in der Milch sind.

Erstaunlich beim Lidl-Konzept ist, dass für die Eigenmarke nicht mit dem Zusatz „gentechnikfrei“ geworben wird. Die „regional zertifizierte Spitzenqualität“ stehe im Vordergrund, zitiert „Spiegel online“ den Discounter. Umweltexperten vermuten, dass die Verbraucher die übrige Milch dann nicht mehr kaufen würden. Zudem wolle der Handel keine Erwartungshaltung wecken, die man nur schrittweise erfüllen kann. Die Bauern hoffen auf eine Wende der Supermärkte zu mehr Qualität. Jetzt müssen nur noch die Verbraucher mitspielen.

Claudia Möllers

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