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Sechs Millionen Euro hat das Anwesen der Trachtler gekostet.

Nach zehn Jahren Bauzeit

Das neue Zuhause der Trachtler

Holzhausen - Nach zehn Jahren Bauzeit und einigem Ärger im Verband ist es nun endlich fertig: Das Trachtenkulturzentrum des Bayerischen Trachtenverbands. Am Samstag wird das idyllische Anwesen eröffnet.

Die Damen knien im Bad und putzen Fliesen. Und das auch noch gern. „Damit a Ruhe is“, rufen sie und lachen. Zeit wird’s, nach zehn Jahren Schufterei. Zehn Jahre! Max Bertl schaut sie an, die drei fleißigen Helferinnen, und schwärmt: „Und wisst ihr, warum wir das alles geschafft haben? Weil wir über all die Jahre zusammengehalten haben.“ Darum steht es jetzt, das erste Bayerische Trachtenkulturzentrum der Welt.

Bertl ist der Landesvorsitzende des Bayerischen Trachtenverbands – und sieht genauso aus, wie man sich einen Landesvorsitzenden des Bayerischen Trachtenverbands vorstellt. Das von Lachfalten geschmückte Gesicht, der kräftige Händedruck, die stattlichen Wadl, die aus der speckigen Ledernen herausragen – allein für ein Foto mit ihm würde so mancher Amerikaner meilenweit fliegen. Bertl vertritt mit seinem Verband alle Bayern, von Hof bis nach Berchtesgaden, von Würzburg bis nach Kempten. 22 regionale Gautrachtenverbände umfasst der Verband. Heißt: 820 örtliche Trachtenvereine, 160 000 erwachsene, 100 000 minderjährige Mitglieder. Und sie alle haben ab jetzt ein gemeinsames Zuhause. In Holzhausen (Kreis Landshut).

Der perfekte Ort, findet Wolfgang Gensberger, Archivar des Verbands. Denn dieses Dörflein in einem Bereich, der „ländlicher ist als ländlich“, das strahle noch die ganze Ursprünglichkeit Bayerns aus. „Das passt hervorragend zu uns. Wer hierher kommt, taucht in die bayerische Tradition ein“, betont Gensberger. Tatsächlich empfängt den Gast ein Anwesen, das schon rein optisch beglückt. Vier denkmalgeschützte Gebäude, das älteste aus dem Jahr 1725. Bis vor zwanzig Jahren beherbergten sie noch den letzten Ökonomiepfarrhof der Erzdiözese München und Freising. Vor elf Jahren übernahm der Trachtenverband die Hofstelle. Das Ziel: ein Trachtenkulturzentrum. Das Ergebnis zehn Jahre später: Am Samstag wird es feierlich eröffnet.

Der Ministerpräsident wird kommen; neben ihm weitere Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kirche. Und die Helfer. Die vielen, vielen Helfer. Knapp 1000 Trachtler haben in den vergangenen Jahren hier gewerkelt, in ihrer Freizeit, in sommerlicher Hitze, in eisiger Kälte; morgens, mittags, abends. Oft bis tief in die Nacht. Rund 31 000 ehrenamtliche Arbeitsstunden. Verbandsvorsitzender Bertl zählt auf: „Die Malerarbeiten, die Bodenlegearbeiten, die Dachdeckerarbeiten, die Spenglerarbeiten, die Maurerarbeiten – all diese Aufgaben haben die Mitglieder ehrenamtlich übernommen.“ Und was ihn, den gelernten Zimmermeister am meisten fasziniert: die Euphorie, mit der sie an der Arbeit waren. „Durch meinen Beruf weiß ich, dass auf einer Baustelle, an der man über einen langen Zeitraum beschäftigt ist, der Ernst mit der Zeit ein bisserl verloren gehen kann.“ Doch hier, in Holzhausen? „Hier waren sie alle immer mit Begeisterung dabei. Ich finde, das kann man auch sehen“, sagt er und schaut stolz von einem Gebäude zum nächsten.

Im Haupthaus sind bereits seit einigen Jahren das Trachtenmuseum und die Geschäftsstelle des Verbands untergebracht. Daneben steht nun der „Augustiner-Stadl“, darin ein großzügiger Festsaal, gestiftet von der Augustiner-Brauerei. Die neuen Maßkrüge glänzen, der Saal duftet nach frischem Holz. Daran schließt sich das Archiv von Wolfgang Gensberger an; hier lagert buchstäblich die bayerische Tradition. Von Ehrenzeichen und Musikinstrumenten bis zu Dirndl und Lederhose – Gensberger sammelt, ordnet, beschriftet seit Jahren. Auch das ehrenamtlich. Mindestens zwei Tage die Woche kommt der Münchner her. Einen Schlafraum hat er sich längst eingerichtet. Der ist allerdings nicht ganz so schick wie die, die im Gebäude nebenan von nun an Nachtgäste empfangen.

Ja, dieses vierte Haus am Platz, das da zwischen Gemüsegarten und Sportplatz steht, ist vielleicht das größte Schmuckstück des bayerischen Schatzes, der morgen der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Es wird ein Bildungshaus sein. Hier können sich Trachtenvereine, Schulen oder auch Privatpersonen künftig für einige Tage einmieten, um etwa Seminare aus dem breiten Bildungsprogramm des Trachtenverbands zu belegen. Da, wo früher der Stall war, sind jetzt Seminarräume, Küchen, Bäder eingerichtet. Und Einzel- und Mehrbettzimmer, die jedem bayerischen Luxushotel Konkurrenz machen. Hinter jeder Zimmertür eröffnet sich eine andere bayerische Welt. Denn die Räume wurden von den Gauverbänden individuell gestaltet. Jeder Gau hat den Charme seiner Region in vier Wänden abgebildet.

Wenn also fortan Schulklassen auf Landschulheimfahrt in das Bildungshaus in Holzhausen einfallen, dann können sie danach zum Beispiel erzählen: „Ich habe im Gauverbandszimmer Oberpfalz geschlafen.“ „Da ist dann gleich eine Verbindung da. So muss das sein“, schwärmt Verbandschef Bertl. Denn nur wenn die Jugend begeistert wird, kann die Tradition fortleben. Wer die Tatkraft der Trachtler und ihr neu geschaffenes Zuhause erlebt, macht sich darum keine Sorgen.

Katja Kraft

Information

Am 3. Mai lädt das Trachtenkulturzentrum zum Tag der offenen Tür ein. Weitere Infos unter www.trachtenkulturmuseum.de.

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