Kopf hoch. Sitzenbleiben ist keine Schande – und kein Einzelfall, wie die Statistik zeigt.

Neuer Trend: Freiwillige Ehrenrunde

München - 39 000 Schüler in Bayern blieben im vergangenen Schuljahr sitzen. Eine hohe Zahl, die aber hinterfragt werden muss. Die Mehrzahl der Schüler wiederholt nicht zwangsweise, sondern freiwillig – vor allem nach dem Übertritt auf eine höhere Schulart.

Sitzenbleiben – das ist kein Phänomen der Schule, sondern in allen Gesellschaftsbereichen feststellbar. 27,7 Prozent der Führerscheinprüflinge müssen noch mal antreten; die Wiederholerquote im Jura-Examen beträgt 32,6 Prozent. Und erst die Steuerberater – mehr als jeder zweite macht die knüppelharte Abschlussprüfung zwei Mal. Bei den Maschinenbauern und Elektrotechnikern an der TU München fliegen zwei Drittel der Studenten nach den ersten Prüfungen raus.

Die Durchfaller-Quoten an den Schulen sind weit geringer und je nach Schulart unterschiedlich. Trotzdem: Über kein anderes schulpolitisches Thema wird derzeit so heiß diskutiert – meist auf schwacher empirischer Grundlage. Deshalb hier die Fakten.

-Mittelschule: 8870 Mittelschüler (4,1 Prozent) wiederholten im vergangenen Schuljahr die Klasse. Die Zahl teilt sich auf in Pflichtwiederholer (rund 2200) und Freiwillige Wiederholer (6600) – letztere würden eigentlich das Schuljahr schaffen, entscheiden sich aber wegen mittelprächtiger Noten freiwillig für eine Ehrenrunde. Dieses Phänomen gibt es vor allem nach der 9. Klasse, wo über 3700 Schüler ohne Pflicht wiederholen. Das sind diejenigen, die zwar den Mittelschulabschluss geschafft haben, aber die jetzt im zweiten Anlauf den „Quali“ wollen, sagt Bernhard Puell, Statistiker am Kultusministerium.

-Die Realschule ist die Schulart mit den meisten Wiederholern. 2,6 Prozent der Schüler sind Pflicht-Wiederholer. Vor zehn Jahren waren es laut Kultusministerium noch 4,8 Prozent. Rechnet man die Freiwilligen Wiederholer dazu, beträgt die Sitzenbleiber-Quote sogar 5,7 Prozent. Besonders die fünften Klassen fallen aus dem Rahmen – hier ist jeder zehnte Schüler ein Wiederholer. Das sind vor allem Mittelschüler, die sich nach einem Jahr Mittelschule nun doch für die Realschule entscheiden, aber zur Sicherheit die fünfte Klasse wiederholen.

Vor allem die Realschulen bemühen sich, die Sitzenbleiber-Quote zu drücken, und zwar „mit möglichst vielen Mitteln“, wie Christian Ceglarek sagt. Er leitet in Neubiberg (Kreis München) eine Realschule mit 950 Schülern und einer durchschnittlichen Durchfaller-Quote von fünf Prozent. Es gibt zum Beispiel Nachprüfungen, um am Ende der Sommerferien einen Fünfer wegzubekommen – „eine harte Geschichte, weil die Ferien dann ruiniert sind“, wie Ceglarek zugibt. Es gibt aber auch Vorrücken auf Probe – bei je einem Fünfer in Haupt- und Nebenfach möglich. Bei einem Sechser im Hauptfach geht es nicht. Der Schüler wird vor Weihnachten von der Lehrerkonferenz beurteilt, ob die Versetzung endgültig ist. Ceglarek würde sich hier „mehr Handlungsfreiheit für die Schulen“ wünschen. Auch ein Schüler, der drei Fünfer habe, könne sich im Probeunterricht bewähren. „Wir sind Pädagogen und können das beurteilen“, sagt er selbstbewusst.

-Das Gymnasium fiel zuletzt damit auf, dass in absoluten Zahlen gerechnet eine komplette Schule durchfiel – über 800 Jugendliche schafften nicht das Abitur. Der Anteil der Wiederholer beträgt 3,4 Prozent, 2,0 Prozent hiervon sind Pflicht-Wiederholer. Auffällig: Vor allem die 10. Klasse wird oft zwei Mal absolviert – offenbar von Schülern, die vor der Oberstufe noch mal Wissen auftanken müssen. Außerdem rücken in der 10. Klasse Realschüler mit Mittlere-Reife-Abschluss aufs Gymnasium und wiederholen die 10. Klasse – auch sie zählen als Sitzenbleiber.

Dass Sitzenbleiben völlig abzuschaffen, hält Schulleiter Ceglarek übrigens für eine Illusion. Eine „drucklose Schule“ funktioniere nicht.

Die Diskussion wird weitergehen.

Dirk Walter

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