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Voyeurismus am Unfallort: Gaffer werden immer häufiger zum Problem. Das Archivbild stammt aus München, zuvor war eine Tram mit einem Taxi kollidiert.

Prozess in Niedersachse, Sorge auch in Bayern

"Das Gaffer-Problem ist groß - und es wird immer schlimmer"

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München/Bremervörde – Sie beobachten, filmen oder fotografieren bei schweren Unfällen. Viele Gaffer nehmen dabei in Kauf, Rettungskräfte zu behindern. Warum bloß nimmt die Zahl der Schaulustigen mit gezücktem Handy zu?

Nach einem schweren Unfall zählt jede Minute. Leben oder Tod können davon abhängen, wie schnell die Rettungskräfte bei den Verletzten sind. Doch immer wieder behindern Gaffer die Arbeit von Polizei und Helfern. Drei Brüder, die im Juli 2015 nach einem Unfall mit zwei Toten in Bremervörde im niedersächsischen Landkreis Rotenburg genau das taten, standen am Donnerstag vor Gericht.

Prügelei mit Gaffern: Nach einem Unfall mit zwei Toten in Bremervörde attackierten drei Brüder die Polizei. Dafür müssen sich die Männer jetzt vor Gericht verantworten. Das alles wird ihnen vorgeworfen: Bedrohung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Körperverletzung und versuchte Nötigung.

Es sind ungeheuerliche Vorwürfe, die im Raum stehen: Ein grüner Mercedes raste aus bisher ungeklärten Umständen in eine Eisdiele, ein 65-jähriger Mann und ein zweijähriger Bub starben bei dem Unfall, sechs Menschen wurden verletzt. Schaulustige kamen damals von überall her und behinderten die Retter. Ein 26-jähriger Mann filmte das Drama mit seinem Handy, bis ihn die Feuerwehr aufforderte, endlich aufzuhören. Der Mann widersetzte sich, die Situation schaukelte sich hoch, es kam zu einer Prügelei mit der Polizei, bei dem auch zwei Brüder des Gaffers mitmachten. „Das erträgliche Maß wurde deutlich überschritten“, sagte damals ein Polizeisprecher direkt nach dem Vorfall.

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) erklärte vor dem Prozess, er hoffe, dass der Prozess in Bremervörde eine abschreckende Wirkung auf Nachahmer hat. Wenn Rettungsarbeiten behindert würden oder Bilder der Opfer im Netz landeten, müsse das härter bestraft werden. Niedersachsen habe daher über den Bundesrat eine Gesetzesinitiative angeschoben, wonach künftig Haft- oder Geldstrafen drohen sollen, wenn die Arbeit von Polizei und Rettungskräften behindert wird.

Kurioses Bild: Einer der Gaffer gestern im Gerichtssaal. Ihm droht Haft. Er bedeckt sein Gesicht mit einer offenbar einen Tag alten Zeitung, in der über ihn berichtet wird. Die Überschrift, die er in die Kamera hält, lautet: „Gaffer stehen ab morgen vor Gericht“.

Neu ins Strafgesetzbuch aufgenommen werden soll folgender Passus: „Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not Hilfeleistende der Feuerwehr, des Katastrophenschutzes oder eines Rettungsdienstes behindert, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“ Auch die dauerhafte Beschlagnahmung des Handys – selbst beim Versuch, Aufnahmen zu machen – soll erleichtert werden. Bis zu zwei Jahre Gefängnis oder Geldstrafe angedroht bekommen soll, wer von einer toten Person eine Bildaufnahme macht und verbreitet, „die diese zur Schau stellt“.

Gegen die drei 20, 26 und 35 Jahre alten Brüder wurde gestern noch kein Urteil gefällt, der Prozess musste verschoben werden – die Verteidiger der angeklagten Männer setzten auf einen juristischen Winkelzug. Sie erklärten, die Brüder wären nicht als Gaffer zur Unfallstelle gekommen, sondern als besorgte Bekannte des Eisdielenbesitzers.

Der Tatort: In diese Eisdiele in Niedersachsen raste ein Mercedes. Gegen die 59 Jahre alte Unglücksfahrerin wird in einem gesonderten Verfahren ermittelt. Sie muss sich wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung verantworten.

Wann der Prozess fortgesetzt wird, ist noch unklar. Aber das Gaffer-Problem bleibt natürlich. Neugier ist den Menschen in die Wiege gelegt, Sensationslust offensichtlich auch. „Ich vermute, es ist ein tiefgründiger Trieb oder Instinkt“, sagt der emeritierte Psychologie-Professor der TU Dortmund, Bernd Gasch. Bereits im alten Rom habe es etwa bei Kämpfen viele Zuschauer gegeben. „Es muss einen besonderen Reiz haben“, erklärt Gasch, der sich mit Notfallpsychologie beschäftigt hat. Auch heute bedeute es für viele Menschen wohl einen Lustgewinn, das Geschehen am Unfallort aus nächster Nähe zu beobachten. Für viele Schaulustige sei der Drang, dabei zu sein und zu filmen, stark.

Meldungen über Schaulustige, die Helfer behindern, gibt es inzwischen bei nahezu jedem größeren Unfall. Ein besonders drastischer Fall ereignete sich im Mai im nordrhein-westfälischen Hagen. Rund 150 Gaffer liefen an der Unfallstelle herum. Polizei und Feuerwehr wurden massiv bei ihrer Arbeit behindert.

Auch in Oberbayern sind Schaulustige immer wieder ein Problem. Nach einem tödlichen Verkehrsunfall in Neufahrn im Kreis Freising vor knapp drei Wochen kamen so viele Neugierige zur Unfallstelle, dass die Polizei bei ihrer Arbeit massiv beeinträchtigt wurde. Etwa „200 Schaulustige sowie Bekannte und Verwandte“ des verunglückten Motorradfahrers hätten sich am Unglücksort versammelt, hieß es von Seiten der Polizei. „Nur durch die massive Unterstützung weiterer Streifen sowie einer Gruppe der Bereitschaftspolizei konnte die Unfallaufnahme störungsfrei durchgeführt werden.“

Gaffer gehören inzwischen zum Alltag der Einsatzkräfte (siehe Interview), es gibt unzählige Fälle, aber manche machen einen fassungslos. Ende Juni kam es auf der A 8 bei Sulzemoos im Kreis Dachau bei starkem Platzregen zu einer Serie von Unfällen, insgesamt waren acht Fahrzeuge beteiligt. Elf Personen wurden verletzt. Das ist schon schlimm, doch schlimmer ist das, was danach passierte. „Die Menschen stiegen einfach aus ihren Autos aus, kamen zur Unfallstelle vor, um zu filmen“, sagte damals der Leiter des Rettungsdienstes. Über 20 Leute hätten versucht, Bildmaterial zu bekommen. Auch auf der Gegenspur schlichen manche Autos mit gerade einmal 50 km/h über die Autobahn, um besser mit dem Handy filmen zu können.

Das Problem: Es ist sehr schwer, die Gaffer rechtlich zu belangen

Durch das Verhalten der Gaffer verzögerte sich die Anfahrt der Rettungsfahrzeuge. Das Problem: Es ist sehr schwer, die Gaffer rechtlich zu belangen. „Die Kräfte vor Ort sind natürlich mit dem Einsatz beschäftigt“, hieß es damals von Seiten der Polizei. „Gerade bei so großen Unfällen brauchen wir jeden Mann.“

Gaffer gibt es schon immer. „Aber das Problem wird größer“, sagt der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Oliver Malchow. In den vergangenen fünf Jahren habe die Zahl der Schaulustigen, die Rettungskräfte und Polizei behindern, deutlich zugenommen.

Malchow erklärt sich die große Zahl der Gaffer unter anderem mit der Verbreitung des Smartphones. „Die Menschen wollen Geschichtenerzähler sein.“ Ihm zufolge stellen viele Schaulustige Fotos und Videos der Unfälle ins Internet – ohne Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte der Opfer. Um eine möglichst gute Geschichte zu bekommen, sei es manchen egal, ob sie am Unfallort die Rettungskräfte behindern. Für die Polizei bedeutet die Entwicklung einen enormen Aufwand. Bei fast allen großen Unfällen auf Autobahnen werden inzwischen Sichtschutzwände aufgebaut, bei vielen Unfällen braucht es mehr Personal, etwa um Platzverweise auszusprechen.

Die Polizei begrüßt die Gesetzesinitiative aus Niedersachsen. Es sei wichtig, dies als Straftatbestand aufzunehmen, sagt Malchow. Wenn sonst nichts hilft, dann soll wenigstens die Abschreckung helfen.

Helen Hoffmann und Stefan Sessler

„Oft hilft nur noch ein Platzverweis“ 

Eduard Klas ist Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Ottobrunn im Landkreis München. Mit Gaffern haben er und seine Kameraden immer häufiger zu kämpfen. 

Herr Klas, wie groß ist das Gaffer-Problem? 

Klas: Sehr groß. Und es wird immer schlimmer. Ich habe den Eindruck, bevor die Leute mit ihren eigenen Augen schauen, zücken sie schon das Handy. Jeder versucht, von irgendwelchen Einsätzen ein Foto zu machen und das so schnell wie möglich zu verbreiten – ob er dabei sich, die Unfallopfer oder die Einsatzkräfte gefährdet, ist völlig egal. 

Und das häuft sich? 

Klas: Erst am Sonntag hatten wir in Ottobrunn einen angeheiterten Autofahrer, der einen Alleebaum und ein Verkehrsschild über den Haufen gefahren hat. Als wir die Einsatzstelle gesperrt hatten, geht einfach einer durch die Absperrung nach vorne, um Bilder zu machen. Die Polizei musste ihn von der Einsatzstelle verweisen. 

Bei welchen Einsätzen ist es besonders schlimm?

Klas: Wir müssen oft zu Unfällen auf der A 99. Da bleiben die Fahrzeuge auf der Überholspur der anderen Fahrtrichtung teilweise fast stehen – und der Fahrer zückt das Handy, um ein Foto zu machen. Immer wieder kommt es dabei zu Auffahrunfällen. 

Wie reagieren die Gaffer, wenn Sie von Ihnen angesprochen werden? 

Klas: Es ist eine gewisse Renitenz da. Oft hilft nur noch ein Platzverweis. Ich habe das Gefühl, die Feuerwehr wird nicht mehr ernst genommen. Wir sind doch nicht zum Selbstzweck im Einsatz. 

Nervt Sie das?

Klas: Klar ärgern wir uns. Da hat man nur noch ein innerliches Kopfschütteln übrig. Aber es ist auch Resignation dabei. Wir können es ja nicht ändern. 

Deshalb haben Sie sich einen Sichtschutz zugelegt. 

Klas: Ja, wir hatten vor zwei Jahren einen tragischen Unfall, als ein Jugendlicher aus Versehen seinen Bekannten überfahren hat. Da haben die Leute sogar ihre Kinder hochgehoben und nach vorne geschickt, damit sie was sehen. Da haben wir gesagt: So geht es nicht weiter. 

Würden härtere Strafen für Gaffer helfen? 

Klas: Auf Dauer mit Sicherheit. Aber dann muss die Polizei auch die Möglichkeit haben, das zu verfolgen. Die haben ja auch zu tun, wenn wir im Einsatz sind – und eigentlich keine Zeit, sich da noch um penetrante Leute an der Absperrung zu kümmern. 

Interview: Dominik Göttler

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