Neues Schulprofil: Eltern enttäuscht, Politiker begeistert

München - Mehr förderbedürftige Kinder an Regelschulen unterrichten: Das will Bayern mit dem neuen Schulprofil “Inklusion“ erreichen. Politiker sind begeistert, Elternvertreter sind enttäuscht, die Lehrer machen das Beste daraus.

23 Lehrerstunden pro Woche zusätzlich: Über diese Zuwendung des bayerischen Kultusministeriums an ihre Schule darf sich Johanna Marek freuen. Dass es aber im bayerischen Bildungssystem nichts umsonst gibt, weiß Marek, Rektorin der Grundschule an der Schrobenhausener Straße, nur zu genau. Das zusätzliche Personal hat ihre Schule als eine der 41 Schulen in Bayern mit dem neuen Schulprofil “Inklusion“ bekommen.

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Bei der Aufgabe, Kinder mit besonderem Förderbedarf in den Schulalltag einzubinden, schmelzen die 23 zusätzlichen Stunden aber schnell dahin. Stemmen kann die Münchner Grundschule mit 262 Kindern die Aufgabe laut Marek nur durch das Engagement ihrer Lehrer für einen inklusiven Unterricht: “Für alle Lehrer hier ist das jeden Tag eine Höchstleistung. Das Kollegium hatte sich aber einstimmig für eine Bewerbung um das Inklusionsprofil ausgesprochen.“ Hinter dem Begriff des inklusiven Unterrichts steht die Idee, dass behinderte Kinder und Schüler mit besonderem Förderbedarf in Regelschulen unterrichtet werden, anstatt auf eine Förderschule zu gehen.

Seit 2007 schon unterrichtet Mareks Grundschule Schüler mit besonderem Förderbedarf und Regelschüler in gemeinsamen Klassen. Das neue Schulprofil, das es seit diesem Schuljahr gibt, weist nun die gesamte Schule offiziell als Ort der Inklusion aus. Zu diesem Zweck arbeiten die Grundschullehrer intensiv mit Lehrern der Förderschule zusammen, die an die Grundschule kommen.

“Die Erfahrungen in den letzten Jahren waren sehr positiv für uns alle. Der Umgang mit behinderten Menschen wird völlig normal, Vorurteile und Gefühle der Befangenheit fallen von einem ab. Es ist eine Bereicherung für beide Seiten und das allgemeine Schulklima“, berichtet Rektorin Marek vom inklusiven Unterricht mit emotional, sozial oder geistig besonders förderbedürftigen Schülern. “Dass förderbedürftige Schüler hier zur Schule gehen, ist heute gar kein Thema mehr. Das gehört bei uns an der Schule dazu.“

Grundlage für das neue Schulprofil ist eine Gesetzesänderung vom Juli 2011, der Landtag hat diese in einer seltenen Einhelligkeit ohne Gegenstimmen angenommen. In der Regel werden pro Profilschule laut Kultusministerium mindestens zehn Schüler mit besonderem Förderbedarf unterrichtet, macht also mehr als 400 Schüler bayernweit.

Das Profil ergänze bestehende Ansätze zur Inklusion wie zum Beispiel Kooperationsklassen oder Partnerklassen, lobt Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU): “Es gibt eine differenzierte Förderlandschaft in Bayern. Das Thema Inklusion haben wir ja ganz neu aufgesetzt innerhalb der letzten Jahre.“ Für das Profil stünden dieses Jahr 100 neue Lehrerstellen bereit, weitere 100 für 2012. Förderschulen werde es in Bayern laut Spaenle aber weiter geben. Aktuell werden dort rund 56 000 Schüler unterrichtet.

Ursula Walther, Sprecherin des Bayerischen Elternverbandes, begrüßt das neue Schulprofil, ihr geht das Gesetz aber nicht weit genug. “Der Landtag war viel zu zögerlich und liegt inhaltlich meilenweit von dem entfernt, was echte Inklusion ist“, sagt sie. “Die UN-Behindertenrechtskonvention versteht Inklusion als das Recht eines jeden Kindes, ganz normal mit anderen Kindern zu lernen. Dieses Recht findet seine Grenzen bei der Frage nach der Finanzierung.“

Viele Regelschulen müssten Anfragen von Eltern mit behinderten Kindern durch die Blume ablehnen, weil das Personal oder die Ausstattung zur Betreuung fehle. “Bayern liegt verglichen mit anderen Bundesländern bei der Inklusion behinderter Kinder auch dieses Schuljahr im letzten Drittel“, sagt Walther.

Schulleiterin Marek wünscht sich ebenfalls, dass inklusiver Unterricht an allen Schulen umgesetzt werden könnte. “Aber das geht nicht so einfach. Bestimmte Gegebenheiten müssen erfüllt sein, sonst ist das nicht machbar.“ Das zeigt sich auch an Mareks Grundschule selbst: Schwer körperlich behinderte Kinder etwa könne man nicht aufnehmen, denn die Schule sei nicht barrierefrei. Teure Bauarbeiten wären nötig. “Da müssten wir aber zuerst die Zustimmung der Stadt haben. Denn die müsste die Baumaßnahmen bezahlen.“

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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