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Eine Waffe eint neun Fälle: Mit einer Pistole Typ Ceska sind neun Menschen erschossen worden.

Neun Tote, tausende Spuren – und kein Täter

Nürnberg - Seit zehn Jahren hält eine Mordserie Deutschland in Atem: Neun Tote, aber kein Täter. Wir sprachen mit Georg Schalkhaußer vom Polizeipräsidium Nürnberg, Chef der ehemaligen Soko über die "Dönermorde".

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Döner-Morde: Die Suche nach der heißen Spur geht weiter

Ein Blumenverkäufer war das erste Opfer: Der Familienvater Enver S. wurde im Jahr 2000 in Nürnberg erschossen. In den Jahren darauf folgten bundesweit acht weitere Morde, zwei davon in München: acht Deutsch-Türken und ein Grieche – sie alle wurden mit einer automatischen Pistole der Marke Ceska, Typ 83 hingerichtet. Eine Sonderkommission „Bosporus“ wurde gegründet, um die Fälle zu klären, die die Öffentlichkeit schnell „Dönermorde“ nannte.

Herr Schalkhaußer, die Sonderkommission „Bosporus“ gibt es nicht mehr – doch die mysteriöse Mordserie mit neun Toten ist nicht zu den Akten gelegt worden. Wer arbeitet derzeit an dem Fall?

Die Morde haben sich in ganz Deutschland ereignet. Weil mit drei Taten in Nürnberg und zwei in München der Schwerpunkt in Bayern liegt, koordinieren wir von Nürnberg aus die Zusammenarbeit mit den Kollegen in den anderen Tatort-Städten und dem BKA. Zu Hochzeiten haben 150 Beamte ermittelt. Heute ist es eine Handvoll Beamter, die die Angelegenheit verfolgen – allerdings im Alltagsbetrieb, nicht im Rahmen einer Soko.

Wie viel Material hat sich angesammelt?

1500 Leitz-Ordner sind voll, wir haben 11 000 Personen überprüft und 3600 Spuren verfolgt. Da behält man nur mit guter Aktenführung und guten Leuten den Überblick.

Tausende Seiten Papier, neun einzelne Fälle, die durch die gemeinsame Tatwaffe zu einem Fall geworden sind: Wie schafft man es als Ermittler, nicht völlig in der Arbeit zu versinken?

Niemand kann durcharbeiten, man braucht individuelle Mechanismen, um abzuschalten.

Ansonsten leidet das Privatleben vermutlich massiv unter der Arbeit...

Natürlich hat das Auswirkungen auf das Privatleben. Aber Ermittler müssen damit umgehen. Es hat keinen Sinn, wenn man sich zu weit darin verliert – wir brauchen Objektivität und Offenheit für alle Möglichkeiten. Die Beamten müssen das trennen können. Ich schaue da auch darauf: Wenn einer meiner Mitarbeiter nicht zurecht kommt, muss ich ihn eventuell herausnehmen. Das ist meine Fürsorgepflicht. Die Polizisten, die jetzt noch mit dem Thema beschäftigt sind, sind allerdings handverlesene und seit langem erprobte Leute.

Sie haben zwar viele Spuren verfolgt – der Hinweis zur Ergreifung des Täters oder der Täter aber fehlt. Wie gehen Sie und ihre Ermittler jedes Mal wieder mit der Enttäuschung um?

Das ist sehr schwer. Denn jeder tut alles, damit man einen Schritt weiterkommt. Es gibt immer wieder Hoffnung – und am Ende zerschlägt es sich wieder. Ein Auf und Ab.

Da fällt es vermutlich schwer, immer wieder Motivation aufzubringen. Dazu kommt, dass der letzte Mord, der der Serie zugeordnet wird und in Kassel begangen wurde, vier Jahre zurückliegt.

Natürlich. Aber die Ermittler haben die Routine und Erfahrung, nicht bei jedem neuen Hinweis von Null auf Hundert zu gehen. Das ist wichtig. Auch wenn seit vier Jahren nichts passiert ist: Wir überprüfen alle aktuellen Tötungsdelikte daraufhin, ob einer in unser Muster passt.

Im Dezember 2009 stellte der „Spiegel“ fälschlicherweise Zusammenhänge zwischen den Dönermorden und der Wettmafia fest. War das ein herber Rückschlag für Sie?

Nein, das war keine Enttäuschung. Was damals als Spur dargestellt wurde, war uns schon lange bekannt.

Stellen Sie sich manchmal den Tag vor, an dem sie am Ziel sind und den Mörder dingfest machen?

Das macht jeder, der sich mit dem Fall befasst. Das hält einen aufrecht.

Interview: Carina Lechner

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