1. Startseite
  2. Bayern

Tür zu, Heizung runter, Licht aus: Ab sofort gilt Habecks Energiesparplan - viele Kommunen gehen schon weiter

Erstellt:

Von: Dominik Göttler

Kommentare

Die Energiesparverordnung tritt in Kraft. In ganz Bayern stehen Veränderungen an. Einige Kommunen sind dem Bund bereits einen Schritt voraus.

München – Mittwochmorgen um kurz vor 10 Uhr am Münchner Viktualienmarkt. Beim Traditionskaufhaus Kustermann tummeln sich bereits die ersten Kunden vor den Schaufenstern, obwohl die Türen noch geschlossen sind. Einige Stockwerke weiter oben sitzt Geschäftsführer Caspar-Friedrich Brauckmann und spricht über „diese merkwürdige Verordnung“, die auch er ab Donnerstag einhalten muss.

Raumtemperatur runter, Eingangstüre nicht dauerhaft offen, Leuchtreklame aus. Habecks Energiesparplan. „Als ob wir nicht schon seit Monaten an allen Ecken und Enden überprüfen, wo wir Energie einsparen können“, sagt Brauckmann. Sein Vertrag mit dem Stromanbieter geht bis Ende des Jahres. Danach droht eine doppelt so hohe Rechnung wie bisher.

Neuschwanstein bleibt dunkel – und das, obwohl die Gemeinde erst kürzlich für 300 000 Euro eine sparsamere Beleuchtung angeschafft hat.
Neuschwanstein bleibt dunkel – und das, obwohl die Gemeinde erst kürzlich für 300 000 Euro eine sparsamere Beleuchtung angeschafft hat. © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Bayern: Spüren wird die Energiesparverordnung fast jeder

Jahrelang hing Deutschland an der russischen Gas-Nadel. Nach Russlands Einmarsch in die Ukraine muss sich die Bundesregierung nun innerhalb weniger Monate aus dieser Abhängigkeit lösen. Das bleibt nicht ohne Folgen. Und so hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) seinem Land diverse Sparmaßnahmen auferlegt, um den Energieverbrauch über den Winter zu drücken. Die erste Verordnung tritt am Donnerstag in Kraft. Sie richtet sich an Kommunen, an die Wirtschaft und auch an Privatpersonen (siehe Kasten). Spüren wird das fast jeder – weil viele Kommunen schon jetzt weiter gehen als vom Bund gefordert.

Das steht in der Energiesparverordnung

Dunkle Städte und kühlere Amtsstuben: Die erste Energiesparverordnung des Bundes (kurz EnSikuMaV) gilt ab Donnerstag. Darin ist zum Beispiel festgelegt, dass Klauseln aus Mietverträgen ausgesetzt werden, die eine bestimmte Mindesttemperatur in gemieteten Räumen vorsehen. Das Credo: Wer die Heizung runterdrehen will, soll das auch tun dürfen. Das Heizen von privaten Pools – egal, ob innen oder außen – mit Gas und Strom aus dem Stromnetz ist untersagt. Wie das kontrolliert werden soll? Offen. In öffentlichen Gebäuden soll die Raumtemperatur auf maximal 19 Grad begrenzt werden – wenig genutzte Räume wie Foyers und Flure sollen gar nicht mehr beheizt werden. Denkmäler und Gebäude dürfen nicht mehr angestrahlt werden. Und im Einzelhandel müssen die Ladentüren geschlossen bleiben, damit die Heizwärme nicht entweicht. Beleuchtete Werbeanlagen müssen von 22 bis 6 Uhr ausgeschaltet bleiben. Soweit die ersten Vorgaben, die zunächst für sechs Monate gelten – und zum 20-Prozent-Einsparziel für diesen Winter beitragen sollen.

In Starnberg etwa beschloss der Stadtrat, den Saunabereich im Seebad komplett zu schließen. Zunächst bis zu geplanten Wartungsarbeiten im Oktober – durchaus denkbar aber, dass die Sauna auch darüber hinaus zu bleibt. „Eine kommunale Sauna ist aktuell etwas aus der Zeit gefallen“, sagte Starnbergs Bürgermeister Patrick Janik in der Sitzung.

Warmduscher hingegen müssen sich in den städtischen Sporthallen auf etwas gefasst machen

In Erding kommen Saunafreunde zwar in der (nichtkommunalen) Therme weiterhin auf ihre Kosten. Warmduscher hingegen müssen sich in den städtischen Sporthallen auf etwas gefasst machen: Denn dort kommt künftig nur noch kaltes Wasser aus dem Duschkopf. Eine Entscheidung, die in den Vereinen für Diskussionen sorgt. Das Gegenargument: Viel Energie werde dadurch nicht gespart, weil die Sportler dann eben zu Hause unter die warme Dusche steigen – und sich bei verschwitzen Heimfahrten womöglich noch eine Erkältung einfangen.

In fast allen Stadt- und Gemeinderäten wird außerdem die Beleuchtung in den Blick genommen. Der Flughafen München verzichtet auf die Beleuchtung nicht notwendiger Schilder, rund 7000 Lichtpunkte habe man bereits abgeschaltet. Viele Kommunen dimmen ihre Straßenlampen, wo noch nicht geschehen, soll die Umrüstung auf sparsamere LED-Leuchten vorangetrieben werden. Solange die Verkehrssicherheit nicht beeinträchtigt wird, könnte es auf vielen Wegen also dunkler werden in diesem Winter. Und nicht nur da.

Raumtemperatur in Büros senken, mehr Homeoffice anbieten, kein Warmwasser: Die bayerische Staatsregierung hat Energiesparmaßnahmen beschlossen.

Ein dunkles Königsschloss als Symbol für das Energiesparen

Ein Anruf bei Stefan Rinke. Er ist Bürgermeister der Gemeinde Schwangau im Allgäu. In seinem Ort stehen zwei der berühmtesten Wahrzeichen Bayerns, die Königsschlösser Neuschwanstein und Hohenschwangau. Bislang wurden diese Postkartenmotive abends angestrahlt. Damit ist jetzt Schluss. „Seit Anfang August ist die Beleuchtung aus“, sagt Rinke. Das ist durchaus umstritten in der Gemeinde. Schließlich hat Schwangau erst vor wenigen Jahren 300.000 Euro für ein neues Beleuchtungskonzept ausgegeben.

LED statt Halogen, sparsam und doch prächtig genug für die Prunkstücke der Gemeinde, die jedes Jahr die Hotelzimmer im Ort füllen. „Es schmerzt, die Lichter einfach auszumachen“, gibt Rinke zu. Trotzdem hält er es für richtig. „Es geht gar nicht so sehr um die eingesparten Kilowattstunden. Es geht um das Symbol, das wir damit setzen.“ Die Botschaft: Es ist gerade keine Zeit des Überflusses. Jeder muss beim Energiesparen seinen Beitrag leisten. Auch in der Heimat von Ludwigs Schlössern.

Doch wie viel symbolischer Verzicht ist angemessen, ohne den Menschen die Lebensfreunde in der Krise komplett auszuknipsen? Darum dreht sich die Debatte, die gerade in vielen Kommunen geführt wird. Ein Streitpunkt: die Weihnachtsbeleuchtung. In Starnberg wird heuer abgespeckt. Nur noch der Kirchplatz wird festlich beleuchtet – und das auch nur an den Feiertagen und während des Christkindlmarktes. Andernorts bleibt es dunkel. Erding dagegen lässt die Weihnachtsbeleuchtung unangetastet. Man wolle kein Stimmungskiller sein, betonte Oberbürgermeister Max Gotz. Auch Schwangau wird im Advent nicht so hell erstrahlen wie in den vergangenen Jahren. „Wir werden reduzieren, aber sicher nicht alles ausschalten“, sagt Bürgermeister Rinke. „Wir sind eine touristische Region. Ein bisschen Weihnachtsgefühl müssen wir schon vermitteln.“

Die Notwendigkeit zum Energiesparen wird in den Kommunen nicht angezweifelt

Die Notwendigkeit zum Energiesparen wird in den Kommunen nicht angezweifelt. Allerdings hält der Deutsche Städte- und Gemeindebund Regeln wie die geschlossenen Türen in Geschäften für nicht kontrollierbar. Und politisch gibt es kräftig Gegenwind für Habecks Sparpläne. Der CDU-Wirtschaftsrat spricht von „Schnellschüssen aus der ideologischen Mottenkiste“, die nur einen minimalen Effekt erzielen. Auch Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) lässt kein gutes Haar an Habecks Verordnung. „Denkmäler, Pools, Ladentüren – es ist ein Armutszeugnis, dass der Bundesregierung sonst nichts einfällt um die Energieversorgung eines Industrielandes zu sichern“, sagt Aiwanger. „Vielleicht wird auch noch die Weihnachtsbeleuchtung am Christbaum verboten?“

Für Aiwanger liegt die Lösung ganz woanders. „Wir brauchen sofort eine Entscheidung für die Laufzeitverlängerung von Isar 2 über Silvester hinaus.“ Das mache rund 15 Prozent der bayerischen Stromversorgung aus. Und die Wiederinbetriebnahme von Gundremmingen brächte weitere zehn Prozent. Stattdessen werde das Kraftwerk zersägt. Für Aiwanger „eine unglaubliche Dummheit“.

Übrigens: Unser Bayern-Newsletter informiert Sie über alle wichtigen Geschichten aus dem Freistaat. Melden Sie sich hier an.

„Was fällt alles unter beleuchtete Werbung?“

Caspar-Friedrich Brauckmann vom Kaufhaus Kustermann weiß bis heute nicht, wie genau die erst vor einer Woche angekündigte Verordnung eigentlich umgesetzt werden soll. „Was fällt alles unter beleuchtete Werbung? Welche Eingangstüren müssen zu bleiben, obwohl sie als Fluchtweg gelten? Da ist vieles noch unklar.“ Er hätte jedenfalls kein gutes Gefühl dabei, wenn die Energiespar-Maßnahmen dazu führen, dass München nachts seine Straßenbeleuchtung abschaltet und alle Schaufenster irgendwann dunkel wären. „Die Menschen müssen sich schon noch wohlfühlen.“

Natürlich habe auch der Einzelhandel eine Vorbildfunktion. „Aber kleinteiliger Aktionismus hilft uns nicht weiter.“ Die Regierung müsse den Betrieben mehr Eigenverantwortung überlassen. Seit Februar bemühe er sich, eine PV-Anlage aufs Dach zu bringen. „Damit könnten wir 30 Prozent unseres Stroms selbst produzieren.“ Doch der Denkmalschutz stand lange im Weg. Erst jetzt bewege sich langsam etwas. „Wir könnten viel weiter sein.“

Duschen und etwas für die eigene Energiebilanz tun – das geht. Ein bayerischer Hochschulprofessor erklärt, was jeder von uns ändern kann.

Auch interessant

Kommentare