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Großzügiges Ferienhaus im Allgäu, Berglage, aber mit Kaminheizung sucht Nachmieter. Nun ja, ganz so war die Stelle des neuen Schlossverwalters von Neuschwanstein doch nicht ausgeschrieben. Dennoch haben sich 26 Bewerber für die Stelle beworben. Hubert Nikol hat das Rennen gemacht. Seit Sommer 2010 ist er neuer Schlossherr.

SERIE ÜBER LUDWIG II. - TEIL V.

Neuschwansteins Geheimnisse

Neuschwanstein - Hubert Nikol, 49, ist Chef von Neuschwanstein. Schlossverwalter heißt sein Beruf. Er kennt sie alle, die Geheimnisse und die verborgenen Winkel des Märchenschlosses. Seit kurzem fühlt er sich sogar selbst wie ein König. Ein Besuch.

Eigentlich sollte hier in Neuschwanstein ein König einziehen, das war der Plan, aber dann wurde es doch nur ein ehemaliger Gerichtsvollzieher. So läuft das, wenn die Geschichte die Monarchie verschluckt. Dann kommen freundliche Männer wie Hubert Nikol, 49, Finanzbeamter aus Marktoberdorf im Ostallgäu, und werden Chef von Neuschwanstein. Besser gesagt: Schlossverwalter von Neuschwanstein. Seit ein paar Monaten hat Nikol den Job.

Chef hinter Gitter: Schlossverwalter Hubert Nikol am Eingangstor. Mit seinem Zentralschlüssel kommt er in jeden einzelnen Raum des Ludwig-Prachtbaus.

Über das weltbekannte Schloss mit seinen 228 Räumen, 380 Türen, rund 600 Fenstern und weit über einer Million Besucher pro Jahr hat er sich schon seine ganz spezielle Meinung gebildet: „Das hier ist eine Single- Wohnung mit Zubehör plus Hobbyraum.“ Aha. Wunderlicheres hörte man wohl noch nie über Bayerns markantestes Monument. Aber dann muss der Schlossherr auch schon lachen, das macht er gerne und oft. Er meint es nicht immer so ganz ernst. Was er meint ist: Ludwig II. wollte hier alleine wohnen, den Hofstaat nicht mitgezählt, und von hoch droben auf sein Königreich blicken. Deswegen Single- Wohnung. Unter Hobbyraum versteht Nikol den imposanten Sängersaal, das Lieblingsprojekt des Königs.

Nikol hat ein paar Wochen gebraucht, bis er sich in dem Schloss zurechtgefunden hat. Manchmal ist er einfach losmarschiert, Telefon und Zentralschlüssel in der Tasche, und hat Neuschwanstein erkundet. Inzwischen sagt er: „Ich hoffe, dass ich jeden Raum gesehen habe.“ Sicher ist er nicht. Erst kürzlich hat er wieder eine Türe gefunden. Er hat sie aufgeschlossen und zum Vorschein kam – eine Abstellkammer.

Macht man mit dem Schlossverwalter einen Rundgang durch das Schloss, fernab der Touristenströme, dann lernt man das geheime und verborgene Neuschwanstein kennen. Man sieht die Kuppel des Thronsaals von oben, man marschiert auf Türme, die kein Tourist je betreten hat. Man findet in Kellern uralte Seilwinden, die beim Schlossbau vor über 130 Jahren zum Einsatz kamen. Kurzum: Man bekommt ein völlig neues Schlossgefühl. Überall in dunklen Ecken und Winkeln des Schlosses sind noch immer Berge voller Backsteine aufgetürmt.

Denn davon konnten die Bauarbeiter damals gar nicht genug bekommen. Das ganze Schloss besteht daraus, von außen sieht man das nur nicht. Es ist eine merkwürdige Vorstellung: Neuschwanstein, das Märchenschloss, ist ein Backsteinschloss. „Alles ist eine Riesentäuschung“, sagt Nikol. Aber trotzdem, der majestätische Charme des Gebäudes geht auch dann nicht verloren, wenn man plötzlich in einer staubigen Dachkammer fernab von Lüstern und Kronleuchtern steht.

Blick von oben: Die Kuppel des Thronsaals mit Backsteingemäuer. Für Touristen gilt hier: Zutritt verboten.

Das Schloss bekommt plötzlich eine Seele, es verliert seine Künstlichkeit. Nikol steht auf einer Treppe, die zum Turm führt. Ganz zärtlich streichelt er das Geländer. Es ist aus Eiche. „Für den König nur das Beste“, sagt er. „Absolute Spitzenarbeit. Alles so filigran.“ Nikol ist längst vernarrt. Am liebsten hat er Neuschwanstein, wenn er es für sich alleine hat. Spätabends zum Beispiel, wenn die Touristen über alle Berge und auf der Autobahn sind. „Das Haus lebt nachts. Es hat seinen eigenen Geruch“, sagt er. „Die Holzdecke knarzt.“

Und das Beste daran: Sie knarzt nur für Nikol. Da, sagt er, fühle man sich wie der König. Der Schlossverwalter ist alleinstehend, wie Ludwig II. Er glaubt, das müsse man auch irgendwie sein, wenn man hier oben Chef ist. Für Familie bleibt wenig Zeit, das Schloss ist ein Nimmersatt. Immer will es begutachtet, ausgebessert, renoviert werden. Es braucht viel Zuneigung, Nikol gibt sie ihm. „Jeder Allgäuer schaut auf das Schloss“, sagt er.

Blick von unten: Die Decke des Thronsaals von Neuschwanstein aus Besuchersicht.

Und: „Für die Einheimischen steht König Ludwig noch höher als der liebe Gott.“ Neuschwanstein ist Bürde und Ehre zugleich. Und für manche Bayern hat es auch 125 Jahre nach dem Tod des Königs noch eine geradezu magische Anziehungskraft. Wenn der Kini Geburtstag hat, bringt die Post immer ein paar Pakete mit Geschenken zum Haupttor. Oder mit Blumen.

Manchmal übernachtet Nikol im Schloss, schon öfter haben sie ihn aus dem Schlaf geklingelt. Im Schlafanzug an der Sprechanlage angekommen, hört er dann immer den gleichen Wunsch der nächtlichen Wanderer: „Ich will zu meinem König. Lassen Sie mich rein.“ Der Schlossverwalter legt sich dann wieder ins Bett, versucht einzuschlafen, rein lassen darf er die Ludwig-Verehrer natürlich nicht.

Verborgene Schätze im Keller: Dafür war an den Außenwänden des Schlosses keine Verwendung mehr.

Es gibt aber einen Verehrer, der weiß, wie er dem König wenigstens ein paar Tage im Jahr ganz nahe sein kann. Er kauft sich für teueres Geld immer Tickets für die Schlosskonzerte, die finden einmal im Jahr statt. Er kauft Karten für die ganze Woche, besucht aber kein einziges Konzert, erzählt Nikol. Stattdessen flaniert er über den Schlosshof und genießt Ludwigs Prachtbau bei Nacht. Das sind sie, die kleinen Schlossgeheimnisse. Aber es gibt noch eins: Die Nikols wollen die Erbfolge wieder einführen.

An Wochenende hat der Verwalter manchmal seinen siebenjährigen Sohn zu Besuch. Dann gehen sie hoch auf die Türme und blicken in die Ferne, sie reden meistens kein Wort dabei. Nur einmal, da war Nikols Sohn ganz aufgeregt. Er wisse jetzt, was er mal von Beruf werden wolle, hat er gesagt – „Schlosschef“. Der Plan zur Machtübergabe steht bereits. „Du arbeitest so lange, bis ich 18 bin“, hat er dem Vater auf dem Turm erklärt. Dann sei er dran.

VON STEFAN SESSLER

Nächste Folge

„Ein großer Vertuschungsskandal“ - ein Besuch beim Anführer aller Verschwörungstheoretiker.

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Die vorherige Folge

„Ludwig II. hat Hausverbot“ - ein Interview mit Kabarettist Helmut Schleich.

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