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Julian Nida-Rümelin.

Nach gescheitertem G9-Begehren

Nida-Rümelin rät zu Reform des Gymnasiums

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München - Der Münchner Philosoph Julian Nida-Rümelin, ein SPD-Mitglied, rät trotz des gescheiterten G9-Volksbegehrens zu einer umfassenden Reform des Gymnasiums. Das sagt er im Merkur-Interview.

Haben Sie beim Volksbegehren unterschrieben?

Nein, habe ich nicht. Es ist inhaltlich nicht wirklich überzeugend.

Warum nicht?

Die Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9, die den Schulen offeriert werden sollte, ist so unkonkret formuliert, so dass es zu einem organisatorischem Durcheinander führen würde.

Aber Sie sind für ein G9?

Ich bin der Meinung, dass das G8 nach zehn Jahren gescheitert ist. Der permanente Zeitdruck nervt Schüler und Eltern. Der Anteil im Unterricht, der für Reflexion und eigenständiges Erarbeiten eines Gedanken verwendet wird, ist zurückgegangen. Das ist eine Fehlentwicklung. Man kann ein Gymnasium auch in acht Jahren organisieren. Theoretisch. Praktisch ist das bisher nicht gelungen und es ist auch in Zukunft nicht zu erwarten.

Sehen Sie einen Weg zu einem vernünftigen G9?

In der Tat glaube ich, dass wir auf einem gefährlichen Weg sind. Die Stärken des Gymnasiums, aber auch der dualen Berufsbildung, werden durch eine Anpassung der Bildungswege an vermeintliche internationale Trends gefährdet. Auch das Umstellen auf eine unspezifische Kompetenzorientierung entwertet Fachwissen, eine gefährliche Entwicklung, die weit über die G8/G9-Debatte hinausweist.

Wo müsste man ansetzen?

Das Wichtigste ist, dass Kinder und Jugendliche ihre Persönlichkeit entwickeln können, dazu braucht es Zeit für Konzentration und Reflexion. Die Vermittlung von Stoff, der schnell gelernt, aber ebenso schnell wieder vergessen wird, ist Zeitverschwendung. Stärkung der Allgemeinbildung heißt auch Konzentration auf das Wesentliche. Die eigentlichen Bildungsziele sind doch eigenständiges Denken und Urteilen. Das aber wird gefährdet durch eine Überfrachtung der Lehrpläne einerseits, der Verkürzung der Schulzeit andererseits. Es wird oft bestritten, aber wir merken an den Hochschulen schmerzlich, dass ein wachsender Anteil der Studienanfänger nicht in der Lage ist, eigenständige Argumente zu entwickeln und überzeugend zu präsentieren.

Das heißt, man müsste den Lehrplan ändern?

So ist es. Es geht um die Konzentration auf das Wesentliche. Es sollte weniger Unterricht in kurzen 45-Minuten-Einheiten geben, dafür mehr Doppelstunden. Lernpsychologen halten den hektischen Fachwechsel im Schulalltag für falsch, wir halten trotzdem ziemlich starr daran fest. Warum eigentlich? Wichtig wäre weiterhin mehr Projekt-Unterricht, in dem bestimmte Themen, wie z. B. „Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhundert“ aus der Perspektive unterschiedlicher Fächer, wie Geschichte, Deutsch, Ethik, Kunst, Musik, Geografie gemeinsam erarbeitet wird. Man sollte auch der ästhetischen, der sozialen und ethischen, auch der physischen Dimension der Bildung mehr Gewicht geben, zum Beispiel indem Künstler und Handwerker eingebunden werden. In diese Richtung sollte es gehen.

Meinen Sie denn, dass die CSU nach dem Scheitern des Volksbegehrens noch eine große Reform des Gymnasiums in Angriff nehmen wird?

Eine starke Fraktion in der CSU, so befürchte ich, will die Stoibersche Bildungsbeschleunigung unbedingt beibehalten. Ich habe Minister Spaenle nach einem Werkstattgespräch zur Reform des Gymnasiums aber ausdrücklich gefragt, was nach einem etwaigen Scheitern des Volksbegehrens geschehen würde. Er hat mir versichert, dass es eine Reform völlig unabhängig davon geben wird. Auf dieses Wort vertraue ich. 

Interview: Dirk Walter

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