KATWARN ausgelöst! Schwere Unwetter in Bayern

KATWARN ausgelöst! Schwere Unwetter in Bayern
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40 Rinder hat der Landwirt Alfred Enderle in Wertach (Kreis Oberallgäu) auf seinem Grünlandbetrieb. Die Qualität des Grundwassers ist hervorragend – wie im ganzen Voralpengürtel. Das liegt an der Bodenbeschaffenheit und den Niederschlägen. In Unterfranken ist teilweise die Nitratbelastung deutlich höher – obwohl es kaum Viehhaltung gibt.  In Bayern überschreiten nur 3,5 Prozent des Rohwassers den Nitrat-Grenzwert

Interview zur EU-Klage

Nitratbelastung? „Hier kommt nur bestes Wasser aus dem Hahn“

München - Die EU verklagt Deutschland wegen unzureichender Umsetzung der EU-Nitratrichtlinie. Dabei geht es um eine in vielen Regionen steigende Belastung des Grundwassers mit Nitrat. Verbraucher fürchten, ihr Trinkwasser sei belastet. Wir sprachen mit Alfred Enderle, Umweltpräsident des Bayerischen Bauernverbandes.

Die Landwirtschaft wird als hauptverantwortlich für Gewässerbelastungen angeprangert. Wie umweltschädlich ist die Tierhaltung?

Probleme entstehen nur dann, wenn in bestimmten Regionen besonders viele Tiere gehalten werden und gleichzeitig nicht ausreichend Fläche zur Verfügung steht. Schauen wir uns die Zahlen doch an: in den letzten 15 Jahren sind die Tierbestände in Bayern um 20 Prozent zurückgegangen. Aber das ist regional sehr unterschiedlich – und es gibt Ecken in Deutschland, da sieht der Trend anders aus.

Gibt es auch Ausreißer in Bayern?

Es wird ja immer wieder über Hohenthann und die Region Landshut diskutiert, wo sich mehrere Bauern auf Schweinehaltung spezialisiert haben (dort werden 65 000 Mastschweine gehalten, und der örtliche Wasserverband musste Brunnen schließen.Anmerk. der Red.). Eine solche Konzentration spielt dann keine Rolle, wenn die Flächen dazu passen. In Hohenthann wird vor Ort alles unternommen, um Probleme in den Griff zu bekommen – und das unterstützt der Bauernverband auch mit aller Kraft. Wir müssen rausfinden: Was sind die Ursachen? Erste Untersuchungen zeigen, dass plumpe Schwarz-Weiß-Malerei bei dem Thema zu kurz greift. Es spielt eben eine große Rolle, wie die Beschaffenheit des Bodens ist und wie der Dünger ausgebracht wird.

Warum die Klage?

Die Klage bezieht sich ja auf die alte Düngeverordnung. Die Nitrat-Berichterstattung findet alle vier Jahre statt. Die letzte war im Jahr 2012. Und da hat sich laut EU-Kommission gezeigt, dass Deutschland die Verordnung anpassen muss. Diese Anpassung zieht sich nun schon seit Jahren hin – vor allem wegen des Streits zwischen Umwelt- und dem Agrarministerium. Dass diese Verzögerung für Unmut in Brüssel sorgt, kann ich sogar nachvollziehen. Aber man muss klar sagen: Die Klage bezieht sich auf die alte Verordnung. Und die neue Regelung steht bereits in den Startlöchern.

Was passte nicht bei der alten Verordnung?

Während andere Staaten die Probleme genau dort anpacken, wo sie auftreten, hat sich Deutschland dazu entschieden, die Nitratrichtlinie flächendeckend umzusetzen. Gleichzeitig hat man in den 90er-Jahren bewusst die Messstellen nach Brüssel gemeldet, die besonders belastet sind. Man wollte schnell Erfolge vermelden. Das war auch erfolgreich: In kürzester Zeit waren 15 Prozent der Problem-Messstellen wieder im grünen Bereich. Aber während die Deutschen immer nur die schlechtesten Werte nach Brüssel schicken, melden andere Staaten Durchschnittswerte. Klar, dass die auf den ersten Blick besser dastehen. Darum kam es auch zu der kuriosen Nachricht: Nur Malta hat schlechteres Wasser als wir. Das ist aber Quatsch. Aber die EU hat eben diese Daten vorliegen und nach ersten Erfolgen ging die Nitrat-Reduzierung langsamer voran. Also müsse Deutschland was machen.

Wie sieht es denn in Deutschland aus mit der Nitratbelastung im Wasser?

An diesen Messstellen, die damals ausgesucht wurden, ist die Belastung durchaus hoch. Das können wir nicht abstreiten. Deshalb wurden sie ja auch ausgewählt. Gerade hier ist aber ein positiver Trend erkennbar. Auch wenn man sich insgesamt die Messdaten der Wasserversorger anschaut, dann überschreiten in Bayern nur 3,5 Prozent des Rohwassers den Nitrat-Grenzwert und müssen aufbereitet werden. Für die Verbraucher ist entscheidend: Sie können sich absolut darauf verlassen, dass in Bayern nur bestes Wasser aus dem Hahn kommt.

Doch jetzt gibt es eine Verunsicherung durch die Klage.

Wir versuchen gemeinsam mit den Wasserversorgern zu erklären, dass unser Wasser ein Top-Lebensmittel ist. Aber manchmal wird trotzdem der Eindruck erweckt, als ob man es nicht trinken dürfe. Das Gegenteil stimmt: Wer sich und der Umwelt was Gutes tun will, der sollte nicht das Wasser aus der Plastikflasche trinken, sondern das aus dem Wasserhahn – Probleme kann es vielleicht mit der Hygiene des Glases geben, aber bestimmt nicht mit dem Wasser.

Also keine Gefahr?

Man muss klar unterscheiden zwischen Grundwasser generell, dem Rohwasser als Ausgangsprodukt der Trinkwasserversorgung und dem abgegebenen Trinkwasser. Trinkwasser aus der Leitung erfüllt höchste Qualitätsanforderungen, da es ansonsten nicht als solches abgegeben werden dürfte. Der Grenzwert von maximal 50 Milligramm Nitrat pro Liter ist ja bewusst niedrig angesetzt und orientiert sich an Säuglingen. Ein Erwachsener würde bei 130 Milligramm keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen haben. Aber man will ja gerade die Kleinsten schützen, und das ist auch richtig so.

Was ändert sich für einen Landwirt mit der neuen Düngeverordnung?

Er wird längere Sperrfristen einhalten müssen und darf zwei Wochen früher als bisher keinen Dünger mehr ausbringen. Bisher beginnt die Sperrzeit am 15. November, im Ackerbau am 1. November, künftig grundsätzlich nach der Ernte der Hauptfrucht. In vielen Teilbereichen werden Vorgaben verschärft. Damit soll die Gülleausbringung effizienter und besser werden.

Kritiker sagen, Rinder sind größere Klimakiller als der gesamte Verkehr. Also: Alle Rinder abschaffen?

Der Vergleich mit dem Verkehr funktioniert nicht. Die Ernährung muss eine besondere Rolle spielen. Niemand braucht unbedingt einen Porsche, aber jeder braucht jeden Tag etwas zu essen.

Nicht jeder braucht jeden Tag ein Stück Fleisch...

Aber vielleicht Milch oder Käse. Und auch das lässt sich ohne Tierhaltung nicht erzeugen. Die Mischung machts. Jeder kann sich bei uns so ernähren, wie er will. Klar muss aber auch sein, dass es ein Problem ist, wenn sich plötzlich jeder nur noch pflanzlich ernähren würde. 34 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in Bayern ist Grünland, das nur durch die Rinderhaltung genutzt werden kann. In den Alpenregionen, im Voralpenland – da gibt es nur die Nutzung durch Wiederkäuer. Die Alternative ist: Das Grünland wird umgepflügt und wir bauen Feldfrüchte an, die bei dem dortigen Klima und den Böden gar nicht gedeihen können. Bei mir im Allgäu kann man keinen Qualitätsweizen anbauen. Drum stehen da ja die Rinder! Wenn man es weltweit sieht: Mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Fläche ist Weideland. Würde man die Hälfte der Fläche aus der Nutzung nehmen, müsste auf den anderen Flächen intensivere Landwirtschaft betrieben werden. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass ich auf jedem Hektar Soja anbauen kann, um dann meinen Tofuburger zu braten. Das funktioniert nicht.

Wäre es nicht besser, weniger, aber teureres Fleisch zu haben? Oder sich vegetarisch zu ernähren?

Auf den ersten Blick klingt es einfach: Wir essen weniger Fleisch und retten die Welt. Doch auf der Welt gibt es eben riesige Flächen, die nur mit der Tierhaltung nutzbar sind. Damit ist für mich eines klar: Wir brauchen die Wiederkäuer. Gleichzeitig ist festzustellen, dass der Fleischkonsum weltweit zunimmt, weil in vielen Regionen auch der Wohlstand zunimmt. Das ist eine Herausforderung, ja. Aber: Es wäre aus meiner Sicht vermessen, den Chinesen vorzuschreiben, sie dürften kein Fleisch essen. Wenn die Menschen mehr Geld haben, dann wollen sie nicht nur eine Schüssel Reis.

Und den Mehrwertsteuersatz auf Fleisch erhören, so wie die Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) vorschlägt?

Genau so macht man in einem europäischen und zunehmend globalen Markt die regionale Landwirtschaft kaputt. Man muss wissen: 76 Prozent der Einkommen auf den bayerischen Bauernhöfen kommt aus der Tierhaltung. Wenn hier in Deutschland einseitig Nachteile für die Bauern entstehen, dann kommt das Fleisch künftig von dort, wo es am billigsten produziert wird und in Bayern gehen die Lichter auf den Höfen aus. Wenn jemand für sich entscheidet, er will weniger Fleisch essen, sich vegetarisch oder vegan ernähren, dann ist das seine Entscheidung. Das ist vollkommen in Ordnung. Aber der oft missionarische Eifer ist nicht zielführend.

Interview: Claudia Möllers

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