Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern
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Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern

Waldorf und Statler und die Verlockung, die Rolle des Betrachtenden einzunehmen

Notorische Kritikaster auf dem bequemen Balkon - Kolumne von Susanne Breit-Keßler*

„Bist du bereit für den Weltuntergang?“ „Ja, schlimmer als diese Show kann er nicht sein.“ Dieser Dialog stammt aus der Muppet-Show, einer amerikanisch-englischen Unterhaltungssendung - menschliches Puppen-Varieté aus den 70er Jahren mit weltberühmten Gaststars.

Das ziemlich anarchische Theater-Team liefert regelmäßig köstliche Szenen ab, die von zwei älteren Herren vernichtend kommentiert werden. Waldorf und Statler heißen sie.

Die beiden lästern von ihren gemütlichen Balkonplätzen aus über alles, was geschieht. Nach eigener Aussage heißen die letzten Bücher, die die zwei Herren gelesen haben „Die Kunst des Beleidigens“ und „Wie man die Kunst beleidigt“. Ein Gag für sich. Der Blick auf manche Beiträge in unseren Medien erweckt den Eindruck, dass diese Art von Literatur mächtig beliebt ist - ohne, dass dabei immer so viel Kunstfertigkeit wie bei Waldorf und Statler an den Tag gelegt würde.

Charaktere, die eine Vorliebe haben für abschätzige Kommentare

Jim Henson, der Erfinder der Muppet-Show, wollte mit den beiden umwerfend ulkigen Käuzen dem Vernehmen nach berühmte Filmkritiker karikieren. Schaut man die Szenen heute an, fühlt man sich eher an Zeitgenossen erinnert, zu denen man möglicherweise - wenigstens gelegentlich - selbst gehört. Charaktere, die eine Vorliebe haben für abschätzige Kommentare über so ziemlich alles, was sich auf der öffentlichen, auf der politischen und gesellschaftlichen Bühne ereignet.

Waldorf und Statler verstehen sich als Zuschauer - und meinen, dass sie souverän und überlegen von außerhalb agieren. Aber sie sind natürlich mit ihren Statements Akteure, die das Geschehen mitgestalten. Wie sagen sie? „Wir sind zwar zu nichts zu gebrauchen, aber dafür zu allem fähig.“ Das ist vielleicht ein wenig übertrieben. Aber es schadet nicht, darüber nachzudenken, inwiefern man zu Vielem etwas Negatives zu sagen hat, aber nichts zum Besseren tut.

Es ist eine große Verlockung, die Rolle des Betrachtenden einzunehmen, der oder die meint, gewissermaßen vom Balkon, von einer höheren Warte aus, die Ereignisse - selbstverständlich über ihnen stehend - beurteilen zu können. Dabei sind Waldorf und Statler unverzichtbarer Teil des Geschehens, auch wenn sie anscheinend nicht daran teilnehmen. Sie beeinflussen das, was geschieht, eben auch durch ihre Wortbeiträge. Worte sind alles andere als Schall und Rauch.

„Was machst du, damit diese Welt ruhiger, friedlicher und schöner wird?“ „Ich nehme meine Medikamente.“ Witzig, allerdings auf Dauer keine ideale Verhaltensweise. Anders als die beiden notorischen Kritikaster könnte man den bequemen Balkon verlassen und auf der Bühne des Lebens ordentlich mitmischen. Oder wenigstens hie und da für andere, die alles geben, „Bravo“ rufen und Beifall klatschen.

*Die frühere evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler ist Vorsitzende des Ethik-Rates.

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