Warum sich Jüngere noch gedulden müssen

Hausärzte über Aufhebung der Impfpriorisierung besorgt - „Steht bei uns gar nicht zur Diskussion“

  • VonTanja Kipke
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In einigen Bundesländern wurde die Impfpriorisierung in Hausarztpraxen schon letzte Woche aufgehoben. Auch Bayern zieht nun mit. Hausärzte in Nürnberg sind darüber besorgt.

Nürnberg - Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte angekündigt, die Impfpriorisierung bei Hausärzten in ganz Bayern aufzuheben. Bisher hing ein Impftermin von Alter, Beruf und Vorerkrankungen ab, auch der Kontakt zu möglichen Risikopatienten spielte eine Rolle. Lediglich die Impfstoffe von Astrazeneca* und Johnson & Johnson* waren bislang unabhängig von der Priorisierung in Arztpraxen freigegeben. Nun soll es für alle Corona-Impfstoffe gelten. Ab dieser Woche kann sich jeder, ob jung oder alt, um einen Impftermin gegen das Coronavirus* bemühen. So viel zur Theorie. In der Praxis sieht das jedoch ganz anders aus, wie einige Hausärzte in der Region Nürnberg* berichten.

Laut Gesundheitsminister Klaus Holetscheck (CSU*) kennen Ärzte ihre Patienten am besten und könnten so am besten einschätzen, wer die Corona-Schutzimpfung am dringendsten braucht. „Diese Entscheidung sorgt für eine noch flexiblere und raschere Verimpfung der vorhandenen Impfstoffe.“

Bayern hebt Impfpriorisierung auf: Hausärzte warnen vor zu großen Hoffnungen bei Jüngeren

Mehrere Gründe gibt es, warum Jüngere trotz Aufhebung der Impfpriorisierung* wohl erstmal nicht an die Reihe kommen. „Wir haben im Zuge der Priorisierung Wartelisten erstellt, die wir jetzt selbstverständlich erst abarbeiten“, erklärt der Geschäftsführer des Medic-Center Nürnberg, Dr. Michael Langer gegenüber nordbayern.de. Es gebe außerdem schlichtweg nicht genügend Corona-Impfstoff*. „Die Freigabe suggeriert, dass es jetzt plötzlich genug davon gibt, aber das ist einfach nicht der Fall.“

Ein weiterer Grund sei, dass genau in der folgenden Woche bei vielen die ersten Zweitimpfungen anstehen würden. „Im Endeffekt haben wir also überhaupt nur zehn bis 20 Prozent der Vakzine für Erstimpfungen zur Verfügung.“ Langer findet den Schritt der Aufhebung prinzipiell gut, weil dadurch die Entscheidung den Impfenden gegeben wird. „Aber ich mache mir schon Sorgen, dass es uns in der kommenden Woche Patienten übel nehmen werden, dass wir sie noch nicht dran nehmen“, sagt er.

Hausärzte in der Region sind besorgt - „Eine Aufhebung der Priorisierung steht bei uns noch gar nicht zur Diskussion“

Auch Dr. Franz Jobst aus Fürth* ist besorgt: „Eine Aufhebung der Priorisierung steht bei uns noch gar nicht zur Diskussion. Dafür haben wir derzeit noch zu viele ältere Patienten, die bislang durchs Raster gefallen sind und die wir jetzt erst abarbeiten müssen.“ Er erklärt nordbayern.de, er habe zudem gar nicht genügend Kapazitäten in seiner Praxis. „Was man nicht vergessen darf, ist, dass wir uns auch noch um kranke Patienten kümmern müssen. Und die Einbestellung der Menschen zu den Impfungen, die im übrigen sehr zeitaufwendig ist, kommt da zusätzlich dazu.“

Jobst sehe die Aufhebung der Priorisierung daher gemischt. „Für mich macht es im Endeffekt keinen Unterschied, weil ich ja selbst weiß, wer bei meinen Patienten was hat und ich deswegen die Priorisierung auch selbst vornehme.“ Der Vorsitzende des bayerischen Hausärzteverbands, Markus Beier, bittet die Bürger daher noch um etwas Vernunft: „Man kann die Leute wirklich nur bitten, noch ein bisschen Geduld zu haben und es gilt weiterhin, dass es keinen Sinn macht, dass alle in Scharen in die Praxen rennen.“ 

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz kritisierte die Freigabe aller Corona-Impfstoffe in Arztpraxen scharf. Solange es nicht genügend Impfstoff gebe, setze die Politik mit einer solchen Entscheidung einen „Spaltpilz“ in die Gesellschaft, sagte Vorstand Eugen Brysch der Deutschen Presse-Agentur. „Nicht die Priorisierung ist der Hemmschuh beim Impffortschritt, sondern einzig der Mangel an Impfstoff.“ Die Entscheidungen in Bayern wie auch in Baden-Württemberg seien ein Beispiel, „wie man sowohl den Impfdruck auf Ärzte erhöhen kann“ als auch Frust in der Gesellschaft schaffe. (dpa/tkip) *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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Rubriklistenbild: © Patrick Pleul

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