Corona in Nürnberg

Dritte Welle? Chefarzt warnt vor zu frühen Lockerungen und schlägt Strategie vor: „Dann können wir aufmachen“

  • Jonas Napiletzki
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Ein Arzt des Nordklinikums Nürnberg warnt vor einer dritten Corona-Welle. Statt auf Discounter-Schnelltests solle man auf dokumentierbare Strategien setzen.

Nürnberg - Der Chefarzt der Covid-Station am Nürnberger Nordklinikum, Prof. Dr. Joachim Ficker, warnt vor zu frühen und zu starken Lockerungen. Zudem empfahl er, sich nicht auf die Verfügbarkeit von „Teststäbchen in Discountern“ zu verlassen. Stattdessen forderte er klare Vorgehensweisen wie dokumentierte Tests und und mehr Impfungen. „Solche Strategien brauchen wir. Dann können wir aufmachen, dann sind wir safe“, so Ficker im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk (BR).

Konkret begründete Ficker dies mit seiner Sorge um steigende Corona*-Zahlen - ausgelöst auch durch die Verbreitung der britischen Coronavirus-Variante B.1.1.7*. Würde in der aktuellen Phase gelockert, bestehe das Risiko einer dritten Welle, sagte der Chefarzt dem BR.

Corona in Nürnberg: Virusvariante auf dem Vormarsch - dritte Welle unaufhaltbar?

Die Corona-Variante B.117 sei um etwa ein Drittel infektiöser und mache fast die Hälfte der Neuinfektionen aus. Ficker erklärte gegenüber dem BR, dass die Mutation* zwar nicht stärker durch Masken* dringen könne oder Abstandsregeln nicht mehr funktionieren würden. Aber: Personen, die an der Variante erkranken, seien etwa ein bis zwei Tage länger infektiös*. Die Lockerungen müssten sich an diese neue Situation anpassen. Sollte die Zahl der Neuinfektionen wieder exponentiell wachsen, dann werde es unweigerlich zu einer dritten Welle kommen, meinte der Arzt. Eine Prognose, wann es dazu kommen könnte, habe Joachim Ficker nicht geben wollen.

Der Intensivmediziner habe indes empfohlen, sehr vorsichtig zu sein. Jeder Mensch müsse entweder dokumentiert geimpft* oder dokumentiert frisch getestet* sein, um in ein Flugzeug zu steigen, an Kongressen oder Ähnlichem teilzunehmen. So sehr auch er selbst sich ein Ende des Lockdowns wünsche, als Mediziner müsse er aktuell vor verfrühten Lockerungen warnen, schreibt der BR weiter.

Während er forderte, die Errungenschaften durch den Lockdown* nicht zu verspielen, appellierte der Arzt, auch andere Patienten zu behandeln. Wegen Corona hätte die Behandlung von Tumor-Patienten gelitten und Operationen mussten verschoben werden. Noch Ende März vergangenen Jahres hatte sich Ficker für eben dieses Vorgehen ausgesprochen.

Nürnberg: Covid-Chefarzt sprach sich vergangenes Jahr für eine Verschiebung anderer Operationen aus

Jetzt zitiert der BR den Mediziner: „Wir müssen jetzt endlich eine ruhige Zeit haben, in der wir uns um diese Patienten kümmern können. Wir können jetzt keine dritte Welle brauchen, die uns da wieder zurückwirft.“ Die Zahl der freien Intensivbetten in den Krankenhäusern dürfe nicht das entscheidende Kriterium sein, wie viel unser Gesundheitssystem vertrage. Sicherlich sei es wichtig, genug freie Intensivbetten zu haben. Aber viele Covid-Patienten müssten gar nicht auf die Intensivstation, weil sie einen leichten oder mittelschweren Verlauf* hätten. Auch diese Erkrankungen müsse man den Menschen jedoch ersparen, habe Ficker im Interview gesagt. „Die machen Leid und die machen Not und die machen Angst“, soll der Mediziner betont haben.

Auch leichte Verläufe könnten dem Interview zufolge schwere Langzeitfolgen haben. So soll es Patienten geben, die noch heute an ihrer Erkrankung aus der ersten Welle im März und April vergangenen Jahres leiden. „Wir dürfen doch nicht weitermachen mit einer Pandemie, die solchen langfristigen Folgen auslösen kann“, sagte Ficker dem BR. (nap) *Merkur.de und tz.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA

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