1. Startseite
  2. Bayern
  3. Nürnberg & Franken

„Lege es auf Verurteilung an“: Bayerischer Priester provoziert Strafprozess - um auf Missstand hinzuweisen

Erstellt:

Von: Florian Naumann

Kommentare

Jesuiten-Priester Jörg Alt erklärt in einem Video, warum er es „auf eine Verurteilung anlegt“.
Jesuiten-Priester Jörg Alt erklärt in einem Video, warum er es „auf eine Verurteilung anlegt“. © Screenshot: Vimeo

Ein Priester will vor Gericht verurteilt werden - für eine Aktion kurz vor Weihnachten. Vor allem aber will der Jesuit Jörg Alt auf einen Missstand hinweisen.

Nürnberg - Der Nürnberger Jesuiten-Priester Jörg Alt verbringt dieser Tage nach eigenen Angaben ein Weihnachten, wie er es „noch nie hatte“. Er hat just am 23. Dezember vor einem Strafverfahren gegen seine Person erfahren. In höchster Sorge wird Alt dennoch nicht schweben - denn er hat die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ganz bewusst provoziert. Der Geistliche will, so sagt er, auf einen Missstand aufmerksam machen.

Wie Alt selbst auf Twitter mitteilte, ermitteln die Behörden wegen „besonders schwerem Diebstahl“ gegen ihn. „Recht so!“, kommentierte Alt kühl. Denn der 60-Jährige hat sich natürlich nicht als Taschendieb betätigt. Er hat am Dienstag (21. Dezember) Lebensmittel offen auf der Straße verteilt, wie unter anderem der Bayerische Rundfunk berichtete - zusammen mit Aktivisten und Aktivistinnen sei er zuvor über Zäune geklettert und habe verschlossene Supermarkt-Müllcontainer geöffnet. Alt hat also „containert“, wie diese Tätigkeit auch genannt wird. In einer Videobotschaft hat der Jesuit auch erklärt, was ihn zu dem Schritt veranlasste.

Nürnberg: Priester Alt will vor Gericht verurteilt werden - und freut sich über „Welle der Solidarität“

„Tiefpunkt für mich war das Jahr 2018“, sagte Alt - und erhob Vorwürfe gegen den Christsozialen Ministerpräsidenten Markus Söder. „Auf der einen Seite hat ein Ministerpräsident angeordnet, in allen öffentlichen Gebäuden ein Kreuz aufzuhängen. Aber es war derselbe Ministerpräsident, der die Flüchtlingskrise 2015 mit dem Narrativ des Aslytourismus geframet hat.“ Der Priester nannte aber auch in schneller Folge weitere Probleme - allen voran die Klimakrise, aber auch nahende Lebensmittelengpässe und Naturkatastrophen. Er lege es mit seiner Aktion auf eine Verurteilung an.

Der Advent sei eine Zeit der Hoffnung, erklärte Alt, noch könne man das Ruder herumreißen. Mit seinem „zivilen Ungehorsam“ wolle er Menschen zum Nachdenken bringen. Das scheint teils gelungen: Am ersten Weihnachtsfeiertag bedankte sich Alt auf Twitter für eine „unglaubliche Welle der Solidarität“. Ein Hintergrund: Alt hat öffentlich um Spenden gebeten. „Ich möchte kein Geld des Ordens oder unseres Hilfswerks jesuitenweltweit für meine Anwaltskosten nehmen“, betonte er.

Containern ist weiterhin strafbar - auch Studentinnen bekamen in München eine Strafe

Der wichtigste Erfolg für den Jesuiten dürfte allerdings das öffentliche Aufsehen sein. Auf einen Freispruch darf der Geistliche nicht unbedingt hoffen. Zwei Studentinnen aus Olching bei München waren 2018 bei ihrem „Containern“ von Polizisten ertappt und in der Folge angezeigt worden - sie wurden in zwei Instanzen schuldig gesprochen, wenn auch zugleich die Strafe milde ausfiel. Auch in diesem Fall verwies der betroffene Supermarkt, ein Edeka, darauf, dass das Wegwerfen der Lebensmittel nach Gesetzeslage nötig sei.

Eine Änderung der Lage wird vermutlich nicht durch Rechtsauslegung, sondern von der Politik vorgenommen werden müssen. 2019 war ein entsprechender Anlauf gescheitert. Auf der Justizministerkonferenz der Länder war eine Initiative gescheitert, die Entnahme von Lebensmitteln aus Supermarkt-Müllcontainern nicht mehr unter Strafe zu stellen. Vor allem die Unions-Minister - die in dem Gremium die Mehrheit stellen - hatten sich nach damaligen Angaben der Grünen nicht zu einer Neuregelung durchringen können.

CDU und CSU in der Kritik: Nürnberger Geistlicher zitiert den Papst und hofft auf die Ampel

Alt ist sich dieser Probleme bewusst, wie er in einem Interview mit der Webseite katholisch.de erklärte. „Gerichte können nicht anders entscheiden, solange der Gesetzgeber diesen Sachverhalt nicht entkriminalisiert hat“. sagte er: „Die bisherigen C-Regierungen haben sich dieses Problems nicht angenommen und meine Hoffnung ist, dass die neue Regierung, die ja das Problem der Lebensmittelverschwendung im Koalitionsvertrag auf Seite 45 aufgeführt hat, schneller und sachangemessener aktiv wird“, betonte Alt - und richtete somit eine klare Aufforderung an die Ampel-Koalition.

Alt und seine Mitstreiter berufen sich bei ihrer Aktion übrigens unter anderem auf keinen Geringeren als Papst Franziskus. „Wir müssen der Wegwerfmentalität ein Ende setzen, wir, die wir den Herrn um das tägliche Brot bitten“, zitiert Alt auf seiner Homepage den Pontifex: „Die Verschwendung der Lebensmittel ist mit schuld am Hunger und am Klimawandel.“ (fn)

Auch interessant

Kommentare