Welpen Hundetransport Polizei
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Die 101 aufgegriffenen Welpen stehen momentan nicht zur Vermittlung. Trotzdem rufen immer mehr Menschen im Tierheim an - und drohen mit schlechten Bewertungen.

Transport durch Polizei gestoppt

Tierheim nimmt 101 Hundewelpen auf: Jetzt erhalten Mitarbeiter „armselige“ Anrufe - Leiterin reagiert

  • Jonas Napiletzki
    vonJonas Napiletzki
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Das Tierheim Nürnberg wird nach der Aufnahme von 101 Welpen aus einem illegalen Transport von Anrufern bedroht. Jetzt wehren sich die Mitarbeiter dagegen.

Nürnberg - Nachdem Beamte der Polizeiinspektion Nürnberg-Ost kürzlich einen illegalen Tiertransport mit 101 Hundewelpen stoppen konnten, nahm das Tierheim Nürnberg alle Hunde auf. Über den Zuspruch vieler Menschen inklusive zahlreicher Spenden freuten sich die Mitarbeiter des Tierheims zunächst - bis die Flut der Anrufe eine andere Wendung nahm.

„Warum versucht ihr, uns zu erpressen“, fragt das Tierheim die nervigen Interessenten in einem Facebook-Post. Und: „Warum bedroht ihr uns damit, schlechte Bewertungen im Internet zu schreiben, nur weil ihr keinen Welpen jetzt und gleich bekommt und wir auch keine reservieren oder Fragen beantworten?“

Merkur.de hat mit der Leiterin des Tierheims, Tanja Schnabel, gesprochen. Die Nürnbergerin erklärt die Hintergründe der wütenden Reaktion und ringt um Verständnis und mehr Geduld bei den Menschen. Das Kernproblem: „Die Leute denken nur an sich und wie sie möglichst bald einen Hund bekommen können, die Situation der Welpen ist vielen völlig egal.“ Zur Vermittlung stünden die Tiere aber frühestens in vier Wochen - und in dieser Zeit müsse auch erst geklärt werden, ob der ursprüngliche Besitzer noch Anspruch auf die Tiere hätte.

Nürnberg: Tierheim-Mitarbeiter müssen Welpen in Quarantäne betreuen, leisten Überstunden und werden bedroht

„Gemäß den Bestimmungen dürfen Welpen nur dann nach Deutschland eingeführt werden, wenn sie zwölf Wochen nach der Geburt gegen Tollwut geimpft und anschließend eine dreiwöchige Quarantäne angetreten haben“, erklärt Schnabel. Die bei dem Transport aufgegriffenen Tiere waren zwar auf dem Papier 15 Wochen alt und geimpft - tatsächlich aber „durch die Bank zwischen sechs und elf Wochen alt“. Selbst innerhalb Deutschlands dürften Welpen unter acht Wochen niemals von ihrer Mutter getrennt, geschweige denn transportiert werden.

Die nun im Tierheim Nürnberg befindlichen Welpen seien derzeit in ihrer dreiwöchigen Tollwut-Quarantäne. „In dieser Zeit macht unsere Belegschaft viele Überstunden“, sagt die Leiterin. Bereits in Rente gegangene Mitarbeiter seien ebenso eingesprungen wie einige, die eigentlich Urlaub hätten. Und dennoch: „Das Telefon steht nicht mehr still.“ Über 100 Anrufe gehen pro Tag im Tierheim ein - trotz mehrfachen Bitten, davon abzusehen. Am Ende der Leitung befinden sich immer mehr Menschen, die „unbedingt jetzt und gleich einen Welpen aus dem Transport haben oder reservieren wollen“.

Tierheim Nürnberg: Drohungen am Telefon „armselig“ - Zeit am Telefon fehlt den Welpen

„Wenn man diesen Menschen dann erklärt, dass wir am Limit arbeiten und solche Anrufe nicht nur unnötig sind sondern auch enorm aufhalten, drohen manche mit schlechten Bewertungen im Internet.“ Schnabel urteilt: „Das finde ich sehr armselig.“ Die Zeit fehle am Ende schließlich auch den Welpen. „Und wir Mitarbeiter drehen am Rad und müssen uns mit sowas herumschlagen.“ Sie selbst habe aktuell keine Zeit dafür, sich dafür zu interessieren wer gerne wann welchen Welpen hätte - „es geht momentan primär darum, die Tiere überhaupt durch zu bringen“.

Auf Facebook hat der erste Post des Tierheims mittlerweile über 4.000 Likes und knapp 1.000 Kommentare gesammelt. Schnabel und ihr Team danken in einem zweiten Beitrag dem Zuspruch der teils verständnisvollen Nutzer: „Wir geben wirklich alles, aber ein paar Nerven brauchen wir wohl noch. Wir machen weiter - für die Welpen und euch liebe Menschen.“ Auch fachliche Expertise findet sich in den Kommentaren: „Die Leute wissen gar nicht, was es bedeutet, sich einen Transportwelpen zu holen“, schreibt ein Nutzer. Er gibt an, für seine beiden Hunde aus einem Transport vor acht Jahren bereits 25.000 Euro für Operationen ausgegeben zu haben und mahnt vor Züchtungen ohne Rücksicht auf Erbkrankheiten.

Ein anderer Nutzer schreibt: „Unglaublich, wie dumm manche Menschen sind.“ Welpen bräuchten Ruhe und Zeit, müssten in Quarantäne oder seien krank - für all das wirbt er um Verständnis. Immer wieder werden Tiertransporte aufgegriffen. Kürzlich schockierte ein bei Markt Schwaben gestoppter Transport besonders: Die Hunde waren bis zum Bauch in Plastiktüten eingewickelt und harrten in ihren eigenen Exkrementen aus. Eine Tierschützerin traf sich kürzlich mit illegalen Hundehändlern - während die Polizei im Hintergrund wartete. Im Laufe der Pandemie stieg die Zahl der Hundeanmeldungen im Vergleich zum Vorjahr um etwa 20 Prozent - was auch die illegalen Transporte befeuern könnte. (nap)

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