1. August: Erster Weltkrieg beginnt

„Nun werden wir sie dreschen!“

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München - Jubel und Zuversicht, aber auch Spionagehysterie, Schlangen vor den Banken und bald Trauer über die ersten Toten – der Erste Weltkrieg, der heute vor 100 Jahren begann, stürzte die bayerische Bevölkerung in ein Wechselbad der Gefühle.

Alles Teile der Serie zum 1. Weltkrieg finden Sie hier. 

Der Abschied hatte auf 15 mal neun Zentimetern Platz, Seite 8, „Münchener Zeitung“ vom 27. August 1914: Der erste Weltkriegstote, den die Zeitung per Todesanzeige mitteilen musste. „Unser aller Stolz, unser heißgeliebter, einziger Sohn und Bruder“ Richard Braun war „auf dem Felde der Ehre“ gefallen. Es nehmen Abschied: Peter Braun, königlicher Oberinspektor nebst Gattin Helene sowie Schwester Helene und Ehemann August. Richard Braun, Leutnant und seit 1910 Berufsoffizier aus Freising, katholisch, geboren am 3. Dezember 1887, wie der Kriegsstammrolle zu entnehmen ist, war einige Tage zuvor, am 21. August 1914 um 12.30 Uhr, hinter der Front in Lothringen gefallen.

Der Erste Weltkrieg ist da gerade drei Wochen alt. Die Deutschen sind auf dem Vormarsch, Belgien ist besetzt, die gefürchtete Festung genommen. Es sieht gut aus. Die erste Nervosität weicht ruhiger Zuversicht. Daran können die ersten Nachrichten über Gefallene erst einmal nichts ändern.

Es waren aber auch drei hektische erste Wochen gewesen seit der Mobilmachung, die Kaiser Wilhelm II. vor nunmehr 100 Jahren am 1. August nachmittags um 17.15 Uhr in Berlin ausgerufen hatte – kaum zwei Stunden später wiederholte dies König Ludwig III. vom Balkon des Wittelsbacherpalais in München aus. Der Krieg beginnt fast zeitgleich an verschiedenen Fronten. Schon am 29. Juli beschießen die Österreicher von der Donau aus Belgrad; am 2. August besetzen deutsche Truppen kampflos Luxemburg, am Morgen des 4. August marschiert deutsche Infanterie bei Aachen unter der Verletzung der belgischen Neutralität über die deutsch-belgische Grenze – der sogenannten Schlieffen-Plan sieht vor, im Norden die französischen Befestigungen zu umgehen und ins Landesinnere vorzustoßen, um danach Russland anzugreifen.

„Von München über Metz nach Paris“ sollte es also zunächst gehen, so steht es mit Kreideschrift auf den Eisenbahnwaggons, die Anfang August aus Bayern Richtung Westfront rollen. Doch bis Paris sollten die deutschen Truppen in den über vier Jahren Krieg nicht kommen.

Auf dem Land gibt es keine Begeisterung über den Kriegsbeginn. „Düster und besorgt“ sei die Stimmung, notiert der Pfarrer Kaspar Wurfbaum aus Bruck (Bezirk Ebersberg) am 6. August in sein Tagebuch. Aber in München, da jubeln die Leute – nicht alle, aber das deutschnationale Bildungsbürgertum in der Großstadt, das es gar nicht erwarten kann, an die Front zu ziehen. Das ist das viel zitierte „August-Erlebnis“. Unter den Jubelnden ist auch ein gewisser Ernst Toller – er wird später, 1918, Rädelsführer der Revolution sein. Jetzt aber, 1914, ist er kriegsbegeistert. Der schmächtige 20-Jährige meldet sich zur Artillerie und berichtet darüber später: „Ich habe Angst, dass ich nicht angenommen werde, ich sage, der Augenschein trügt, ich bin stark und gesund, ich muss angenommen werden, ich will in den Krieg. Der Arzt lächelt gutmütig, ich bin angenommen.“

Toller ist froh. Er ist einer von Zehntausenden. Die Stärke des bayerischen Heeres beträgt im August 270 000 Mann im Feld und 137 000 Mann in der Etappe. Nur anfangs bilden die Bayern einen homogenen Truppenteil – vier bayerische Armeekorps formen den Kern der 6. Armee, die im August 1914 in Lothringen und in den Vogesen kämpft. Später findet man Bayern in jedem Truppenteil. Bis zum Ende des Krieges werden 1,43 Millionen bayerische Soldaten an der Front gewesen sein.

Eine Flut von Gerüchten ergießt sich über Bayern. Am 3. August macht ein Fliegerangriff auf Nürnberg die Runde – eine Falschmeldung, wie man heute weiß. Damals heizt es die Stimmung auf. Überall wittert man Spione. Gerüchte über ein „Attentat auf den Bahnkörper“ schreibt auch Pfarrer Wurfbaum aus Ebersberg in sein Tagebuch. Dann wieder heißt es, eine Brücke sei „angebohrt“ worden. Alles falsch. Wer in München auf der Straße Französisch spricht, wird nicht selten verprügelt. Der Münchner Romanist Victor Klemperer wird im Haus von einem Knirps angesprochen: „Sie, das Wasser is vergift’. Die Russen haben’s vergift.“ Klemperer lächelt und denkt sich seinen Teil. So ein Quatsch. Aber fünf Minuten später kommt der Hausmeister und teilt mit, er habe vorsichtshalber die Wasserleitung abgestellt.

Ein Blick nach Berlin: Von der Euphorie und Hektik lässt sich auch die Sozialdemokratie anstecken. Am 4. August 1914 stimmt die SPD-Fraktion im Reichstag geschlossen für die Kriegskredite in Höhe von fünf Milliarden Reichsmark. Sogar Karl Liebknecht, erbitterter Kriegsgegner und später Galionsfigur der Revolution, stimmt mit „Ja“ – aus Gründen der Parteiräson. „Eine wundervolle Reichstagssitzung“, schreibt in München ein patriotisch gestimmter Victor Klemperer in sein Tagebuch. In Deutschland herrscht nun der „Burgfrieden“ – der Kaiser verkündet, er kenne keine Parteien mehr, er kenne „nur noch deutsche Brüder“.

Ganz so harmonisch ist es natürlich nicht im Land. Im Gegenteil. Die Zahnarzt-Gattin Michal bemerkt Schattenseiten des Krieges. Sie schreibt am 5. August aus München an ihre Kinder: „Der Trambahnverkehr ist schon sehr eingeschränkt, die wenigen Wagen, die laufen, sind meist überfüllt. Fuhrwerke gibt’s fast keine mehr“ – die Pferde sind von der Armee eingezogen. Weiter schreibt sie: „Ich wollte heute den Zins auf der Sparkasse bezahlen, da standen die Leute in dreifachen Reihen bis auf die Straße, bewacht von zwei Schutzleuten. Sie alle nehmen ihre Einlagen heraus aus Angst vor dem Krieg.“ Der Verein Münchner Tanzlehrer gibt in der „Münchener Zeitung“ eine Annonce auf: „In Anbetracht der sehr ernsten Zeiten“ werde es keine Tanzkurse mehr geben – „jetzt, wo Tausende auf den Schlachtfeldern bluten“. Am 20. August stirbt Papst Pius X. – die „Münchener Zeitung“ meldet es auf Seite 3, unten rechts in einem Einspalter. Es gibt jetzt Wichtigeres: Kronprinz Rupprecht führt die 6. Armee am 20./21. August zum ersten großen „deutschen Sieg bei Metz“. Im Königshaus werden schon Pläne für eine Annexion geschmiedet – Elsaß-Lothringen könnte doch bayerisch werden. „Nun werden wir sie dreschen!“, titelt die „Münchener Zeitung“. Irrtum – der Sieg ist nicht kriegsentscheidend. Es ist der Tag, an dem der Freisinger Richard Braun fällt. Drei Gewehrschüsse ins Herz trafen den Verpflegungsoffizier im 1. Jäger-Bataillon. So wird handschriftlich in die Kriegsstammrolle eingetragen. Der Tod muss sofort eingetreten sein.

Die Zahl der Toten, das wird schnell klar, ist schon am Anfang enorm. Mitte August treffen die ersten Eisenbahnzüge mit Toten und Verwundeten in Bayern ein. Noch im August genehmigt der Münchner Magistrat eine Sektion für Militärgräber auf dem Waldfriedhof. Am 27. August 1914 erscheint in der „Münchener Zeitung“ die Verlustliste Nr. 2. Unter der Überschrift „Bayerische Helden“ notiert die Zeitung 65 Tote und 403 Verwundete. Einen Monat später veröffentlicht die Zeitung bereits Verlustliste Nr. 15. Bis Ende 1918 sterben geschätzt 200 000 bayerische Soldaten.

Bereits im September erstarrt die Westfront. Ein Ende ist nun nicht mehr absehbar. Der Schlieffen-Plan: Makulatur. Und der Münchner Klemperer notierte in sein Tagebuch Mitte September 1914: „Immer wieder betont man, daß jetzt die Entscheidungsschlacht in Frankreich geschlagen wird“. Aber, so Klemperer: „Was geschieht, wenn dieser unentschiedene Zustand andauert?“

Von Dirk Walter

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