Oberammergau vor haarigen Zeiten

Oberammergau - Wallende Haarprachten und rauschende Bärte haben in Oberammergau Hochkonjunktur. Bis zu den Passionsspielen 2010 herrscht die amtliche Aufforderung, Friseure und Barbiere zu meiden.

Nur selten ist ein Journalist bereit zuzugeben: Diese Geschichte hat einen Bart. Doch genau genommen ist es nicht die Geschichte, als vielmehr Anton Preisinger, der einen Bart hat. Zumindest lässt er ihn zurzeit wachsen. In vorauseilendem Gehorsam folgt der Oberammergauer seit drei Wochen der offiziellen Anordnung aus dem Rathaus: "Ab Aschermittwoch bitten wir Sie, sich die Haare wachsen zu lassen. Für die Männer gilt das Gleiche auch für Bärte."

Was für den Rest der Republik reichlich skurril anmutet, ist für gebürtige Oberammergauer eine alle zehn Jahre wiederkehrende Routine. Im 17. Jahrhundert hatte die Pest die Gemeinde im Landkreis Garmisch-Partenkirchen fest im Griff. Verzweifelt suchten die Bürger im Jahr des Herrn 1633 göttliche Unterstützung und legten das Gelübde ab, alle zehn Jahre die Passion Christi nachzuspielen, sollte das Leid ein Ende haben.

Ihr Gelübde haben die treuen Oberammergauer nicht vergessen. Der Authentizität des 375 Jahre alten Spektakels ist der "Haar- und Barterlass" geschuldet. Knapp die Hälfte der gebürtigen Oberammergauer im spielfähigen Alter (rund 2300 Bürger) wirkt bei der Passion 2010 mit und lässt sich Haare wachsen und – wenn vorhanden – Bärte stehen, wenn die Passionsspiele nahen. "Das ist einfach besser als ein angeklebter Bart", findet Preisinger.

Im Mai 2010 jähren sich die Passionsspiele zum 41. Mal. Bei den letzten im Jahr 2000 spielte Preisinger den Judas. 1990 war er ein Priester. 1980 spielte er als Schulkind im Volk mit – damals noch ohne Bart. Im normalen Leben steht der Juniorchef des Hotels Alte Post frisch geschniegelt und glatt rasiert hinter der Rezeption. Den bärtigen Preisinger sprechen immer wieder Gäste auf sein Äußeres an. "Die meisten fragen aber gleich, ob ich bei der Passion mitmache."

Die langen Haare geben ihm vor allem in der Übergangsphase ein "komisches Gefühl". Irgendwann gewöhne man sich aber daran. Schneiden sei streng verboten, Stutzen gerade noch erlaubt. "Sonst sieht man arg verlottert aus", so Preisinger. Er berichtet von einem Kenia-Urlaub 1990, als sein Bart in voller Blüte stand. "Ich konnte keine 100 Meter den Strand entlang laufen, ohne dass mir jemand Drogen angeboten hätte. Die dachten alle, ich sei Holländer." Besonders im Sommer könne die Haarpracht unangenehm werden. Beim Sport sei ein Stirnband Pflicht, beim Essen müsse man aufpassen, dass der Bart nicht in der Suppe landet.

Christusdarsteller Anton Burkhart berichtet, dass es früher ein "ungeschriebenes Gesetz" in Oberammergau gab. Metzger, Köche und Landwirte durften Römer mimen, weil die keinen Bart zu tragen brauchen. Für ihn selbst spiele der Erlass keine große Rolle. Vor den Passionsspielen 2000 trug er nie einen Bart, fand damals aber Gefallen an der Gesichtsbehaarung und trägt sie seitdem durchgehend. "Ich bin Förster, bei uns ist das ganz normal." Bei anderen jedoch, die außerhalb der Gemeinde ihrem Beruf nachgehen, gebe es hin und wieder Probleme. "Die sagen dann, ich muss Römer werden, sonst schmeißen die mich raus."

Von Thomas Schmidt

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