Unbekannte Amateurfilme auf DVD

Oberbayern, wie es noch keiner sah

München - Das gab’s noch nie: einen Film über München und Oberbayern von 1919 bis 1945 – mit Original-Bildern von einst. Eine neue DVD enthält spektakuläre Amateur-Aufnahmen. Und zeigt den damaligen Alltag – seine Freuden, wie seine Schrecken.

Der Film ist schwarz-weiß und ein wenig verwackelt, aber der Münchner Luftwaffenoffizier, das ist deutlich zu sehen, der strahlt. Gemeinsam mit seiner Frau richtet er die Puppenküche her, die gleich die kleine Tochter geschenkt bekommt. Wir schreiben das Jahr 1942 – es ist Kriegsweihnacht. Ein Soldat beschert seine Familie. Für die Buben gibt es eine Rennbahn mit kleinen, aufziehbaren Autos. Familienidylle, unendlich kostbare Momente, gebannt auf einen 8-Millimeter-Film. Was aus der Familie wurde, ob sie den Krieg überstand, wir wissen es nicht.

So bekommen Sie die Dokumentation

„München und sein Umland 1919-1945“ heißt die Dokumentation, die Joachim Castan zusammengestellt hat. Sie enthält Aufnahmen von 32 Amateuren in Farbe und Schwarz-Weiß, ein Sprecher erläutert die einzelnen Filme. Die Laufzeit beträgt 52 Minuten, die Doku ist erhältlich auf einer DVD. Sie kostet 16,95 Euro und ist in allen Geschäftsstellen des Münchner Merkur und seiner Heimatzeitungen zu bekommen. Eine Bestellung ist im Internet möglich bei www.heimatshop-bayern.de(16,95 Euro inkl. MwSt. und zuzüglich Versandkosten).

Die Filmaufnahmen sind Teil einer neuen DVD, die der Filmproduzent Joachim Castan im Auftrag unserer Zeitung produziert hat. Entstanden ist eine 52-minütige Zeitreise durch München und Oberbayern in den 1920er-, 1930er- und 1940er-Jahren, komponiert aus Hinterlassenschaften von 32 Filmamateuren. Keiner von ihnen ahnte, dass ihre Bilder einmal großes Kino hergeben würden. Jahrzehntelang schlummerten die cineastischen Fundstücke im Verborgenen. Castan hat die Schätze gehoben. Er sagt: „Nicht die offiziellen Bilder der NS-Propaganda bestimmen das Bild der DVD, sondern private Aufnahmen, die Einblicke in das Alltags- und Familienleben gestatten.“

Die Geschichte der Olympischen Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen 1936, so wie sie bisher niemand sah, beginnt auf einem Flohmarkt in Berlin. Castan erstand eine „unansehnliche Kiste“ mit „verdreckten“ Filmen. Klebestellen waren marode, teilweise mussten die Streifen restauriert werden. Alsbald merkte Castan, dass er eine Rarität gefunden hatte: unbekannte Bilder von der Winterolympiade. Es beginnt mit der Eröffnungsfeier. Alle strecken sie im dichten Schneetreiben den rechten Arm zum „Führergruß“, auch die ausländischen Nationalmannschaften, fast ohne Ausnahme. Den olympischen Eid, das zeigt der Film, spricht der damals 26-jährige Skisportler Willy Bogner, Vater des heutigen Olympia-Botschafters. Ein Publikumsliebling ist die 22-jährige Skiläuferin Christl Cranz. Auch die damals noch mit den Armen rudernden Skispringer sind auf Celluloid gebannt, ebenso Bobfahrer auf halsbrecherischer Fahrt durch die berüchtigte „Bayernkurve“.

Bilder: Oberbayern, wie es noch keiner sah

Oberbayern, wie es noch keiner sah

Die Zeitreise beginnt mit ganz frühen Aufnahmen einer Dachauer Familie – ein Familienvater filmt 1919 seine Frau und seine neu geborene Tochter. „Onkel Willi“, ein bei einem Gasangriff erblindeter Kriegsinvalider, sitzt im Kreise seiner Familie. Es ist die Frühzeit des Films, die Bilder lernten laufen. Plötzlich kam Bewegung in die Aufnahmen, sie zeigen den Viktualienmarkt und den Lenbachplatz, Kinder beim Taubenfüttern vor der Feldherrnhalle in München – gedreht von einer reichen amerikanischen Familie auf Europareise. Köstlich ist die Szene mit einer Bankiersfamilie aus Bogenhausen, die hochherrschaftlich zum Baden im See schreitet. Es gibt Filmstücke über die Kreuzeckbahn bei Garmisch-Partenkirchen, über Oberammergau, über die neue, damals menschenleere Autobahn.

Von 1931 stammen Bilder vom Tegernsee, die erschreckend sind: kleine Buben in Uniform. Es handelt sich, wie Filmemacher Castan erläutert, um Abteilungen der Hitlerjugend und des Jungvolkes, die hier offenbar auf Wanderausflug sind. Ein Schlaglicht auf den Nationalsozialismus werfen auch Szenen von 1935, als der ehemalige, hochdekorierte Weltkriegs-General Erich Ludendorff in Tutzing seinen 70. Geburtstag feiert, er gehörte zur völkischen Rechten. Schon 1923 war er Rädelsführer beim Hitlerputsch.

Von 1936 stammen Straßenszenen auf dem Münchner Stachus, die eine Amateurin aus London aufnahm – laut Castan die frühesten Farbaufnahmen von München, die es gibt. Das hier verwendete Kodachrome-Material war damals eine Rarität. Erst 1939 kam in den USA der erste Farb-Spielfilm in die Kinos – „Vom Winde verweht“ mit Clark Gable war damals „eine Sensation“, erzählt Castan. Zwei Jahre später, 1941, kam der erste deutsche Spielfilm in Farbe heraus – „Frauen sind doch bessere Diplomaten“ mit Marika Rökk.

Nur 13 der etwa 4000 in der NS-Zeit gedrehten deutschen Spielfilme waren farbig – das zeigt, wie kostspielig der Farbdreh damals war. Die meisten Amateure nutzten Schwarz-Weiß-Filme von Agfa oder Kodak im 16-mm- oder 8-mm-Format, ab und zu auch 9,5-mm-Material. Der „Super-8-Film“ ist ein Produkt der Nachkriegszeit, seit 1965 im Handel. Erst dann wurde Filmen zum „Volkssport“, so Castan.

In Farbe zu sehen sind auf der DVD auch die protzigen Festumzüge „2000 Jahre Deutsche Kultur“ 1937 und 1938 in München – kolossale NS-Propagandashows, halb komisch, halb schrecklich. Gast und im Kreise seiner Satrapen ganz unpropagandistisch zu sehen: Hitler. Die Aufnahmen stammen von einem Amateur, sie lagern in einem privaten Unternehmensfilmarchiv und sind auf der DVD erstmals so ausführlich zu sehen.

Ein Einschnitt auch aus filmischer Sicht ist der Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939. Zwar ist die Front weit weg, aber sie hinterlässt Spuren in Oberbayern. Eine Münchner Artillerie-Einheit macht sich, wohl 1941, frohgemut auf den Weg an die Ostfront. Die DVD enthält rare Aufnahmen von der Me 262, dem als „Wunderwaffe“ gepriesenen ersten deutschen Düsenflugzeug. Beklemmend die Szenen, die aus den Cockpits amerikanischer Jagdflieger wenige Tage vor Kriegsende aufgenommen wurden – geschossen wird auf Züge, Gehöfte, Gespanne, auf alles, was sich bewegt. Und beklemmend ist auch die Filmsequenz über den Soldaten Josef Zitzelsberger aus Freising, der im Sommer 1942 auf Heimaturlaub zuhause ist. Die Frau hält das mit der 9,5-mm-Kamera fest. Er drückt seine Buben, herzt sie. Wenige Monate später, im Dezember 1942, das weiß Castan von der Familie, wird Soldat Zitzelsberger vor Stalingrad als vermisst gemeldet.

Dirk Walter

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