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Der Mann, der die Oberbayern nach Niederbayern locken will: Heinz Pollak (Freie Wähler), der Bürgermeister von Waldkirchen.

„Wer will, der soll zum Probewohnen kommen“

Oberbayern zu teuer? Dieser Bürgermeister will Sie nach Waldkirchen locken - das sind seine Argumente

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Suchen Sie eine neue Heimat? Waldkirchen im Bayerischen Wald könnte die Lösung sein. Der Bürgermeister der kleinen Stadt kann das Gejammer vieler Oberbayern nicht mehr hören. 

Waldkirchen – Bürgermeister Heinz Pollak, 42, sitzt im Rathaus von Waldkirchen, 10 800 Einwohner plus Erlebnisbad mit 100-Meter-Rutsche, und erzählt von seinem Herzensprojekt – der Anwerbung von Münchnern, von Rosenheimern und allen anderen Oberbayern, die eine neue Heimat suchen. Kein Scherz, dieser Bürgermeister braucht neue Bürger. Gerne auch testweise. Plötzlich dahoam in Niederbayern. Waldkirchen, Kreis Freyung-Grafenau, Postleitzahl 94065, macht’s möglich. Man muss nur wollen.

„Wer will, der soll zum Probewohnen zu uns kommen“, sagt der Bürgermeister, „der soll einfach einen Monat Urlaub nehmen.“ Wohnungen gibt’s genug. Mietpreise: im Schnitt vier bis sechs Euro der Quadratmeter. Bierpreis: 2,70 Euro für die Halbe im Wirtshaus. „Ein neu gebautes Häuschen gibt’s bei uns für 300.000 Euro“, sagt Pollak, „mit allem Drum und Dran.“ Dafür wird in München derzeit manche 1,5-Zimmer-Wohnung gehandelt.

„Unsere Handwerker haben wahnsinnigen Bedarf“

Pollak liest unsere Zeitung, er kennt die Nöte der Oberbayern, die Mietpreise, die Chaostage in der S-Bahn, die Dauerstaus. So ist er auf die Idee gekommen, ein paar hundert Münchner oder Speckgürtler nach Waldkirchen zu locken. „Unsere Handwerker haben wahnsinnigen Bedarf“, sagt er, „wir haben 500 freie Stellen, Heizungsbauer, Elektriker, Maurer, Spengler, Köche, Pflegekräfte, Verkäufer, das Seniorenheim sucht Personal. Im September öffnet das Behindertenheim.“ Die Schnapsbrennerei Penninger zieht bald her. Sie machen hier dann Essig, Gin, Bärwurz, Blutwurz. Waldkirchen, eine Schnapsidee mit goldener Zukunft. So sehen sie das hier. Aber dazu brauchen sie Arbeitskräfte – und Zuzug.

Der Marktplatz – mit lauter inhabergeführten Geschäften, schwärmt der Bürgermeister

Auf den ersten Blick hört sich die Charmeoffensive schräg an – aber natürlich kann sie eine Lösung sein. Man muss nur groß genug denken. Die Ballungsräume platzen, die Provinz sandelt vielerorts vor sich. „Es gibt viele Familien in München, die müssen Unterstützung beantragen, obwohl beide berufstätig sind“, sagt Pollak, der früher mal Banker war. „Denen müsste man sagen, es gibt die Möglichkeit, in eine andere Region Bayerns zu ziehen. Das muss ja nicht zwingend Waldkirchen sein. Die Regierung könnte über Umzugspauschalen nachdenken.“

Acht Kindergärten, vier Grundschulen, 18-Loch-Golfplatz

Heimat als Verhandlungssache. Klingt gar nicht romantisch, aber Heimat muss man sich auch leisten können. Pollak deutet auf eine Luftaufnahme von Waldkirchen, die hinter ihm an der Wand hängt. Er kann minutenlang über die Vorzüge seiner Stadt reden. Er erzählt von den acht Kindergärten, den vier Grundschulen, dem 18-Loch-Golfplatz. Vom Skilift, der von der Stadt betrieben werde, Tageskarte zwölf Euro. Vom Kletterpark. Und vom Modehaus Garhammer, das wie ein Raumschiff über dem Marktplatz thront und das wir gleich noch besuchen werden. „Ois am Ort“, sagt Pollak. „Das Einzige, was wir nicht haben, ist ein Theater.“ Dafür ist man in 30 Minuten in Tschechien und noch schneller in Österreich.

Mehr zum Thema: An der Schmerzgrenze angelangt: Miete frisst in München das Einkommen auf

In Waldkirchen wird schon immer ein bisschen querer gedacht als anderswo. Monsignore Alfred Ebner, 77, ist Ehrenbürger und Pfarrer im Ruhestand. 30 Jahre lang hat er jeden Sonntag die Messe gelesen. 1988 haben sie die Pfarrkirche, in der er gerade steht, renoviert. Ebner hat der US-Regierung unter Präsident Reagan kurzerhand einen Brief geschrieben. Sie sollen sich, bittschön, an den Kosten beteiligen. Schließlich haben sie die Kirche bombardiert, damals im April 1945.

Er hat keine Antwort von Reagan bekommen, lediglich ein Mitarbeiter des US-Konsulats in München hat die Bitte freundlich abgeschlagen. „Man muss immer alles probieren“, sagt Ebner. Gerade sind die ersten Bewohner ins Neubaugebiet Kapellenfeld gezogen. Dort gibt es einen Pfarrer-Ebner-Ring. Ehrenhalber. Der Geistliche besucht jeden, der in seine Straße zieht. Kürzlich hat er geklingelt – bei einer Familie aus Freising, die neu in Waldkirchen ist. Er hat gesagt: „Grüß Gott, wissen’S, wer ich bin?“ Dann hat er die Antwort selbst gegeben. „Ich bin der, nach dem Ihre Straße benannt wurde.“ Waldkirchen, eine Wundertüte mit 67 Ortsteilen. Heimat ist, wenn der Pfarrer i. R. ins Neubaugebiet kommt und alle kennenlernen will. Muss man auch aushalten.

Chef des Modehauses: Johannes Huber, 38.

Johannes Huber, 38, ist der Chef des traditionsreichen Modehauses Garhammer, das 500 Mitarbeiter beschäftigt. Es ist das größte in Ostbayern. Huber sitzt an einem Tisch im obersten Stock. Dort hat er sich einen Traum verwirklicht – das Sternerestaurant „Johanns“, wo es mittags für 16 Euro Gulasch vom Bayerwald-Rind mit Mohnnockerl gibt. „Wir haben alleine in München 3000 Kundenkarten-Inhaber“, sagt Huber. Er hat selbst acht Jahre in der Landeshauptstadt gelebt. „Als ich 18 war, hab ich gesagt: Ich komm’ nie mehr zurück.“ Er ist mit 30 dann doch zurückgekehrt – und will nie mehr weg. Prag ist zwei Stunden entfernt, genau wie München und Salzburg. „Wir sind in der Mitte, das ist perfekt“, sagt er. Und er sagt: „Die Preise sind unschlagbar.“ Er hat einen Bekannten, der hat grad für eine Dreiviertelmillion Euro eine Wohnung in München gekauft, keine 90 Quadratmeter groß. „Da würde ich meine Familie nicht reinpferchen“, sagt er. „Hier könnte man dafür einen Palast bauen.“

Der König der Holzstühle: Gerhard Wimmer, 55.

Leben ist immer die Frage, was man will. Kurze Wege zum Hofbräuhaus? Ein Palast im Nirgendwo? Stadt? Land? Geld? Jeder sucht sein Glück auf andere Weise. Gerhard Wimmer, 55, ist der Geschäftsführer von Wimmer Wohnwelt, einer Firma, die sich auf hochwertige Holzmöbel spezialisiert hat. Gegenüber vom Pfarrer-Ebner-Ring steht der Firmensitz, ein Hingucker aus Holz und Glas. Hier arbeiten Marketing-Leute, Designer und Konstrukteure. Gleich hinter dem Haus beginnt die Natur. Im Erdgeschoss stehen Schneeschuhe, mit denen man eine kleine Tour machen kann. Der Firmenchef sitzt in seinem Büro, das ausschaut wie ein besonders aufgeräumtes Vorzeigezimmer aus dem Holzmöbel-Katalog. Er sagt: „Der Standort ist für uns optimal – weil wir hier leichter naturverbundene Ideen finden.“ Er kann sich im Traum nicht vorstellen, seine Zentrale irgendwo in München zu haben.

„Solange sie aus Bayern kommen ist es einfach“

Wimmer sucht immer wieder Angestellte. Gerne welche aus der Region oder auch von weiter weg. Aber lieber nicht von ganz weit weg. „Solange sie aus Bayern kommen“, sagt er, „ist es einfach.“ Nordrhein-Westfalen oder Hessen ist schwieriger. Alles schon gehabt. Die wollten dann, dass alle Hochdeutsch sprechen. In diesem Punkt hat selbst das fremdenfreundliche Städtchen im Bayerischen Wald seine Grenzen.

Letzter Besuch des Tages. Josefa Stamm, 64, ist Direktorin des Johannes-Gutenberg-Gymnasiums. Sie sitzt in ihrem Büro und kommt gleich auf den Punkt: „Wir haben super Parkplätze und einen Kreisverkehr.“ Aber trotzdem hat sie Probleme, genug junge Lehrer an ihre Schule zu locken. Die Schulleiterin erzählt vom WLAN, von den exzellenten Schülerlotsen und dem digitalen Elternportal, wo man sich für Sprechstunden anmeldet. „Wir sind besser ausgestattet als viele großstädtische Schulen“, sagt Josefa Stamm. Es gibt zudem eine Instrumentalklasse, die die Kapellen im Umkreis mit neune Talenten versorgt. Und selbst der Tanzkurs kommt in die Schule. „Wir haben sogar Elterntanzkurse in der Schule“, sagt Stamm. Sensationell.

Hier gibt es wirklich alles – und noch mehr. Alles außer einer Großstadt. Wer jetzt nicht zumindest über einen Schnupperbesuch in Waldkirchen nachdenkt, der hat die Provinz nie geliebt.

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Stefan Sessler

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