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Odilo Lechner: Der frühere Abt von St. Bonifaz wird morgen 80 Jahre alt.

Odilo Lechner drängt auf Aufhebung des Zwangszölibats

München - Der frühere Abt der Benediktinerklöster St. Bonifaz in München und Andechs, Odilo Lechner, wird 80 Jahre alt. In einem Interview mit dem Münchner Merkur dringt er angesichts des Priestermangels auf eine Aufhebung des Zwangszölibats.

Die Debatte um den Zölibat ist in der katholischen Kirche in Deutschland voll entbrannt. Der frühere Abt der Benediktinerklöster St. Bonifaz in München und Andechs, Odilo Lechner, dringt angesichts des Priestermangels in der katholischen Kirche auf eine Aufhebung des Zwangszölibats. Lechner sieht in dieser Frage eine klare Mehrheit in der Kirche hinter sich.

Erst am Freitag hatten mehrere prominente CDU-Politiker mit einem Appell an die deutschen Bischöfe für Aufsehen gesorgt, in dem sie angesichts des eklatanten Priestermangels zur Zulassung verheirateter Männer zum Priesteramt aufgerufen hatten (wir berichteten). In ihrer Erklärung verwiesen sie auf die „Not vieler priesterloser Gemeinden“, in denen es sonntags keine Messe mehr gebe.

Lechner wird am Montag 80 Jahre alt. 39 Jahre lang war er Abt der Benediktinerabtei St. Bonifaz in München, zu der auch das Kloster Andechs gehört. Anlässlich seines Geburtstags sprach er im Interview über Gott und die Welt, über Zölibat und Zivilcourage.

Abt Odilo, zur Zeit wird heftig über den Zölibat in der Kirche diskutiert. Ist die Ehelosigkeit der Priester überhaupt notwendig?

Wie realistisch halten Sie diese Überlegungen?

Steter Tropfen höhlt den Stein.

Wäre eine solche gravierende Änderung unter diesem Papst überhaupt denkbar?

Ich will keine Prognose wagen, weil man dem Wirken des Heiligen Geistes nie Grenzen setzen kann.

Warum bricht diese Diskussion jetzt wieder so vehement auf?

Weil solche Anliegen, wie sie bereits die Würzburger Synode vor 40 Jahren behandelt hat, eben nicht gehört worden sind.

Manche glauben, die Deutsche Bischofskonferenz könnte doch hier einen Alleingang wagen.

Eine Teilkirche kann nie etwas, das weltkirchliche Bedeutung hat, einfach aufheben. Das geht nur mit Rom!

Wo sehen Sie überhaupt die Zukunft der Kirche? Derzeit ist das Image nicht gut. Liegt die Zukunft darin, sich hinter den Kirchenmauern zurückzuziehen?

Ich denke nicht. Das Evangelium, der Kern der christlichen Verkündigung, bleibt ja das Große, das Sicherheit und Gewissheit gibt. Es ist eine Verkündigung, die durch die Jahrhunderte bleibt. Politische Ideologien oder spirituelle Ratschläge wechseln sich sehr rasch ab, aber das Evangelium Christi, das bleibt. Und das gibt Ruhe und Gelassenheit. Wir leben natürlich in einer ganz anderen Welt als noch vor 100 Jahren – nicht mehr in einer geschlossenen Gesellschaft, wo etwa Kirche eine Gesellschaft prägen kann. Sondern wir leben in einer Welt, die vielfältig und nicht christlich geprägt ist, aber die doch diese Botschaft braucht.

Wenn Sie auf Ihr Leben zurückschauen und nun sehen, in welchem Zustand die Kirche heute ist. Erfüllt Sie das mit Trauer?

Natürlich ist es traurig, was immer auch an Missbrauch oder an Fehlverhalten kirchlicher Amtsträger geschieht. Aber das gab es immer. Es gab immer soziale Ungerechtigkeit und Machtstreben. Es gab alles das, was die Versuchungen des Menschen ausmacht. Der Fehler war oft, dass man es verschwiegen oder zugedeckt hat und die Kirche als etwas Heiliges dargestellt hat. Sie hat eine Botschaft vom Heil und die Zeichen vom Heil, aber sie ist in ihren menschlichen Trägern nicht sakrosankt. Sie ist menschlichen Fehlern ausgesetzt.

Im Benediktinerkloster Ettal gab es schwere Missbrauchsvorwürfe. Als Kloster ist Ettal unabhängig vom Erzbistum München und Freising. Wieso hat das Erzbistum trotzdem so durchgegriffen?

Es wäre sicher auch nicht klug gewesen, wenn der Abt von Ettal sich dem Bestreben des Erzbischofs, zu einer raschen und radikalen Klärung zu kommen, widersetzt hätte. Von daher wird man ja auch sehen, dass man nach Möglichkeit ein gemeinsames Vorgehen sucht. Rom hat ja dann deutlich gemacht, dass die Diözese natürlich nicht in das Innenleben eines Klosters hineinregieren kann, weil das Kloster selbstständig ist. Aber wo es um ein öffentliches Ärgernis geht, da müssen auch wohl alle zusammenhelfen, weil ja auch die Diözese mitbetroffen ist.

Als vor einigen Jahren die neuen Räume von Donum Vitae eröffnet wurden, war es für Sie eine Selbstverständlichkeit, den Segen zu erteilen – trotz der Kritik der Amtskirche an dem Verein. Welche Bedeutung hat für Sie Zivilcourage innerhalb der Kirche?

Der seliggesprochene Kardinal Newmann spricht den ersten Toast auf das Gewissen – und das ist die letzte Instanz. Es kann eben auch in kirchenpolitischen Fragen verschiedene Meinungen geben. Das Büro von Donum Vitae ist vis a vis unserem Garten von St. Bonifaz. Ich schätze die Arbeit von Donum Vitae, also den Einsatz von Laien, die sich in dieser offiziellen Beratung für das ungeborene Leben einsetzen. Das ist eine ungeheuer wertvolle Arbeit. Ich denke, dass ich da mit sehr vielen Christen und Geistlichen übereinstimme. Es war ja auch so, dass diese Art der Beratung innerhalb der gesetzlichen Regelung zunächst auch von den deutschen Bischöfen getragen wurde. Dann kann es sicher nicht ganz falsch sein – ich denke, dass das eine wichtige und notwendige Arbeit ist. Eine Diskriminierung der Leute, die sich für das ungeborene Leben einsetzen, ist ein sehr bedauerlicher Vorgang.

Was macht einen Benediktiner aus?

Dass er ein Mensch ist, der zu frohem Gotteslob, also zu einer Jubilatio, bereit ist. Dass er nämlich bestellt ist, auch das Gute und Schöne in der Welt zu sehen, etwas von Gott zu entdecken und ins Wort zu fassen. Das soll dem Leben eine frohe Note geben. Dass ich dankbar sein kann für das Gute und dass ich weiß, trotz allem Elend: das Gute und die Gnade überwiegen. Und daher darf ich Gott loben und zuversichtlich sein.

In diesem Jahr kommt der Papst nach Deutschland. Ist zu befürchten, dass ihm angesichts des Glaubwürdigkeitsverlustes ein unfreundlicher Empfang bereitet wird?

Ich denke nicht. Es war ja dieselbe Frage im vergangenen Jahr in England, wo es viele kritische und ablehnende Stimmen gegeben hat mit allen möglichen Vorschlägen, wie man man den Papst desavouieren könnte. Und er hat dann doch mit seiner bescheidenen und demütigen Art die Menschen überzeugt, dass es ein echtes Anliegen ist, das ihn trägt. Das hoffe ich, wird auch in Deutschland, sogar in Berlin, so sein.

Abt Odilo, Sie werden jetzt 80 Jahre alt. Wo sehen Sie Ihre Zukunft?

Die Zukunft sehe ich weiter in meinem Kloster. Ich habe ja die Stabilität, also die Beständigkeit gelobt, und will solange, wie Gott mir das Leben schenkt, hier meinen Dienst tun. Selbstverständlich weiß ich auch, dass es irgendwann mal zur Vollendung geht, zum Tor des Todes, das hinüberführt ins Ewige Leben.

Sie sagen das so gelassen. Ist das nichts, dass Ihnen Furcht bereitet?

Zur Zeit auf jeden Fall nicht...

Sie sind ja auch guter Gesundheit.

Wehwehchen gibt es schon, aber ich kann mich noch ganz gut fortbewegen.

Und wenn die Straßen vom Schnee befreit sind, sind Sie wieder mit dem Radl unterwegs...

Ja, dann fahre ich wieder Fahrrad. Aber das ist keine Tugend, sondern Dummheit, weil ich keinen Führerschein habe.

Was wünschen Sie sich zu Ihrem Geburtstag?

Besondere Wünsche habe ich nicht. Sondern nur, dass ich auf dem Weg, den ich einmal eingeschlagen habe – bei allen Fehlern, die man gemacht hat, bei allem, was man versäumt hat – weitergehen kann. Dass es ein Weg zu Gott ist und ein Weg, der auch anderen hilft, zu Gott zu kommen.

Das Interview führte Claudia Möllers

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