Ein Schulkreuz, im Hintergrund ein Klassenzimmer mit leeren Bänken.
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Für alle christlichen Schüler: das Kreuz im Klassenzimmer

Für die Dauer der Pandemie

Revolution in Bayern: Katholische und evangelische Schüler haben gemeinsam Religionsunterricht

  • Dirk Walter
    vonDirk Walter
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Für die Dauer der Corona-Pandemie üben sich die katholische und evangelische Kirche im ungewohntem Schulterschluss: Es soll gemeinsamen Religionsunterricht für beide Konfessionen geben, zum Teil sogar noch mit Ethik. Für Bayern ist das revolutionär.

München – Jede Erfindung benötigt einen neuen Begriff: Temporär kooperativer Religionsunterricht nennt sich das Projekt, auf das sich die beiden Kirchen zusammen mit dem Kultusministerium vergangene Woche geeinigt haben. Auf sechs Seiten erläutert das Ministerium in einem Schreiben an alle Schulen, was es damit auf sich hat. Dieses Schreiben liegt unserer Zeitung vor.

Die Grünen loben die ungewohnte Kooperation

Der konfessionsgebundene Unterricht ist in Bayern heilig und durch Konkordat und das Grundgesetz garantiert. Die Regel vor Corona war, dass im Fach Religion die katholischen bzw. evangelischen Schüler aus verschiedenen Klassen in eine Gruppe geholt und getrennt nach Konfessionen unterrichtet werden. Dies ist aber nun an vielen Schulen nicht mehr möglich, da die Klassen-Mischung wegen erhöhter Infektionsgefahr vermieden werden soll. In der Not haben Oberkirchenrat Stefan Blumtritt für die evangelische Kirche und Prälat Lorenz Wolf für die katholischen Kirche mit dem Ministerium ein Konzept mit vier Modellen entworfen. Von der Grünen-Bildungspolitikerin im Landtag, Gabriele Triebel, gibt es dafür Lob: Beide christlichen Kirchen hätten „in ökumenischer Zusammenarbeit eine pragmatische Lösung“ auf den Weg gebracht. „Außergewöhnliche Zeiten braucht Flexibilität, die die Kirchen hier beweisen.“

Ein Modell sieht vor, dass die Schüler einer Klasse gemeinsam unabhängig von ihrer Konfession unterrichtet werden, wobei sich die Religionslehrer alle zwei bis drei Monate abwechseln. Es ist alternativ auch möglich, den Ethiklehrer ins Boot zu holen und abwechselnd katholische, evangelische und weltanschaulich neutrale Inhalte unterrichtet werden. Wem das schon zu viel ist, der setzt vielleicht auf ein weiteres Modell: Die Religionslehrer wechseln sich ab, die Schüler der jeweils anderen Konfession sitzen im Klassenzimmer, werden aber formell nur „beaufsichtigt“ und üben sich in Stillarbeit. Welches Modell die Schule wählt, ist ihr überlassen.

Alle Eltern müssen zustimmen - das ist schwierig

Einen heiklen Punkt spricht für das Kultusministerium der Referatsleiter für Ethik, Wolfgang Mutter, in dem Schreiben an. Für jedes Modell ist die Zustimmung aller betroffenen Eltern notwendig. Außerdem muss im Zeugnis eine Extra-Bemerkung aufgenommen werden, dass Schüler und Schülerinnen eben an einem temporär kooperativen Religions- oder Ethikunterricht teilgenommen haben.

Wie praxistauglich die Modelle wirklich sind, muss sich erst noch erweisen. An der Grundschule Knabenstraße in Haar (Kreis München) etwa wurden die Schüler vor den Herbstferien noch gemischt. Das werde nun nicht mehr gemacht, sagt Schulleiterin Andrea Zran. Die Modelle hätten aber einen „organisatorischen Vorlauf“, die Lehrer müssten prüfen, welche Themen sich für den neuen Religionsunterricht eignen. Parallel müsse die Zustimmung aller Eltern eingeholt werden. Angesichts der neuen Corona-Hygienebestimmungen türmen sich ohnehin viele Aufgaben in den Schulleitungen. Auch Andrea Zran sagt: „Diese Woche setze ich das sicher noch nicht um.“

In Bayern gibt es rund 640 000 katholische Schüler, 290 000 sind evangelisch, weitere 290 000 haben sich für Ethik entschieden. Eine Dauerlösung soll die Aufhebung der Glaubensschranken nicht werden, das betonen alle Beteiligten. „Sobald die Auflagen zum Gesundheitsschutz auslaufen, ist der reguläre konfessionelle Religionsunterricht wieder aufzunehmen.“

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