Offensive gegen die Landflucht

München – Die ländlichen Regionen Bayerns müssen für junge Menschen attraktiver werden. Angesichts der  Bevölkerungsprognosen muss die Politik reagieren. Innenminister Herrmann zeigt auf, was auf dem Land zu tun ist.

Die Boom-Region Oberbayern tanzt wieder einmal aus der Reihe. Während alle anderen Regierungsbezirke bis 2030 zum Teil erhebliche Bevölkerungsrückgänge zu befürchten haben, wird Oberbayern weiter wachsen. Nach Schätzungen des Bayerischen Landesamts für Statistik um 6,8 Prozent auf 4,681 Millionen. Der Rest Bayerns muss vor allem außerhalb der Ballungsräume gegen eine niedrige Geburtenrate und sinkende Bevölkerungszahlen kämpfen.

„Wir müssen die ländlichen Räume für junge Leute attraktiver machen“, sagte Innenminister Joachim Hermann gestern in München. Um in den strukturschwachen Regionen neue Arbeitsplätze zu schaffen, will er die regionale Wirtschaftsförderung gezielt in diese Räume lenken. Außerdem fordert er „mehr Geld im Verkehrshaushalt“, um bessere Anbindung an die größere Städte zu gewährleisten.

Auch die ärztliche Grundversorgung spiele eine wichtige Rolle. Denn auf dem Land ist die Zahl der Hausärzte rückläufig. Junge Ärzte zieht es in die Ballungsräume, viele ältere Mediziner gehen in den nächsten Jahren in Rente. Der Innenminister schlägt eine bessere Bezahlung der Ärzte in bevölkerungsschwachen Gebieten vor. Die Vergütung ist jedoch Sache des Bundes, liegt also nicht in des Ministers Hand.

Attraktiv für junge Menschen sei der ländliche Raum allerdings nur, wenn er leistungsfähig und einladend bleibt. „Die Bevölkerungsverluste dürfen nicht in eine Abwärtsspirale bei der Finanzkraft führen“, sagte Herrmann. Sinkende Einwohnerzahlen dürfen nicht sofort – sondern erst nach einigen Jahren – zu einer Reduzierung der Schlüsselzuweisungen führen. Diesen Zeitraum will der Minister 2012 von fünf auf zehn Jahre strecken.

15 Millionen Euro mehr will der Staat dafür zur Verfügung stellen. Jürgen Busse, Geschäftsführer des Bayerischen Gemeindetags, erkennt zwar die Bemühungen der Regierung, hält den Betrag allerdings für zu gering. Insgesamt 100 Millionen hatte der Gemeindetag gefordert, um neue Strukturen zu schaffen. „Wir brauchen neue Arbeitsplätze, nur so ist der ländliche Raum für junge Leute interessant.“

Auch in Oberbayern werden einige Landkreise von den Zusatzzahlungen profitieren. Während Städte wie München, Freising, Dachau oder Erding boomen, wird in den Landkreisen Altötting, Garmisch-Partenkirchen und Mühldorf die Bevölkerung bis 2030 zurückgehen – mit maximal rund fünf Prozent allerdings nicht so dramatisch wie in anderen Regierungsbezirken Bayerns. In Oberfranken ist der Rückgang im Schnitt mehr als zehn Prozent. Am schlimmsten trifft es den Landkreis Wunsiedel: Hier droht ein Minus von mehr als 20 Prozent.

Trotzdem liegt die für 2030 prognostizierte Einwohnerzahl in Bayern mit 12,53 Millionen nur leicht unter dem Niveau von heute. Diese positive Entwicklung wird weitgehend von Menschen mit Migrationshintergrund getragen (siehe Kasten), für die bis 2022 ein Anstieg um rund 23 Prozent auf 2,94 Millionen berechnet wird. Dank des jüngeren Durchschnittsalters und der höheren Reproduktivität kann diese Gruppe auch deutliche Geburtenüberschüsse verzeichnen. Gerade hier sieht Herrmann einen wichtigen Auftrag für die Zukunft: „Nur mit einer erfolgreichen Integrationspolitik können diese Menschen den dringend notwendigen Beitrag zur Bewältigung des demographischen Wandels leisten.“

Andreas Günthner

Fast jeder fünfte Einwohner Bayerns hat Migrationshintergrund

Menschen mit Migrationshintergrund tragen zu einem großen Teil dazu bei, dass die Einwohnerzahl Bayerns in den kommenden 20 Jahren zunimmt. Nach Informationen des Bayerischen Landesamts für Statistik hatten im Jahr 2010 rund 2,4 Millionen der insgesamt 12,51 Millionen Einwohner des Freistaats einen Migrationshintergrund. Das ist ungefähr jeder fünfte Einwohner.Mehr als zwei Drittel der in Bayern lebenden Migranten (69 Prozent oder 1,68 Millionen) verfügen über eigene Migrationserfahrung: Sie sind aus dem Ausland nach Deutschland zugewandert. Davon stammten 74 Prozent aus einem europäischen Land. Als derzeitige oder frühere Staatsangehörigkeit wurde am häufigsten die Türkei (189 000) genannt, gefolgt von Rumänien (149 000) und Russischer Föderation (135 000).

Das Jahr 2030 wird in der bayerischen Bevölkerungsentwicklung ein wichtiges Datum markieren: Dann wird aller Voraussicht nach die Altersgruppe der über 65-Jährigen erstmals die stärkste Altersgruppe im Freistaat sein. Diese Gruppe wird bis dahin um 35,1 Prozent auf 3,31 Millionen Menschen angewachsen sein.

Genau entgegengesetzt wird dann die Entwicklung bei der jüngeren Bevölkerung sein: Die Zahl der unter 20-Jährigen fällt nach Informationen der Statistiker um 12,5 Prozent auf geschätzte 2,12 Millionen. Natürlich verläuft diese Entwicklung nicht in allen Landkreisen oder kreisfreien Städten in dieser Richtung.

Doch selbst wenn hier und da deutlich höhere Wanderungsgewinne als in den vergangenen Jahren erzielt würden, kann der Alterungsprozess der Bevölkerung nicht gestoppt werden, betont das Statistische Landesamt. Allenfalls könne der Trend abgemildert werden.

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