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München 1972: Innenminister gibt letzte Olympia-Akten frei – um Eklat zu vermeiden

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Von: Dirk Walter

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Hubschrauber
Fürstenfeldbruck 1972: In diesem ausgebrannten Hubschrauber des BGS starben mehrere Geiseln. © Franz Schmotz/Fürstenfeldbrucker Tagblatt

In drei Monaten soll es Gedenkfeiern zum Anschlag auf die israelischen Sportler bei den Olympischen Spielen 1972 geben. Bayerns Innenminister hat nun letzte Akten freigegeben. Er hofft, dass ein Streit mit den Familien der Opfer beigelegt werden kann.

München – Ankie Spitzer ist die Witwe von Andre Spitzer. Der 27-Jährige war Trainer der israelischen Fechter – er wurde in einem der Hubschrauber, die am 5. September 1972 auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck gelandet waren, von den Terroristen erschossen. Seit langer Zeit ist Ankie Spitzer Sprecherin der Hinterbliebenen. Sie macht jetzt in mehreren Interviews deutlich, dass die Angehörigen den geplanten Gedenkfeiern fern bleiben könnten. „Wir wurden eingeladen und natürlich würden wir kommen, wenn es einen Grund zum Dank gäbe“, sagte sie der ARD an ihrem Wohnort Tel Aviv. „Ich soll dort sprechen und kann mir nicht vorstellen, da zu stehen und zu sagen: Vielen Dank, für alles was getan wurde. Nein, Deutschland hat gar nichts getan.“

Die Opferfamilien, so macht sie deutlich, warten auf Signale, dass jemand für das Desaster bei der versuchten Befreiung der Geiseln die Verantwortung übernimmt. Keiner habe gesagt: „Es tut uns leid. Wir haben falsch entscheiden. Wir waren inkompetent“, sagte Ankie Spitzer. Und weiter: „Sie waren arrogant und haben uns die ganze Zeit gedemütigt.“

Vor Gedenkfeier in München: Innenminister gibt letzte Olympia-Akten frei

In Bayern wächst die Sorge vor einem Eklat. Dass die Angehörigen die Gedenkfeiern boykottieren, würde wohl weltweit registriert. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagt unserer Zeitung: „Ich hoffe sehr, dass wir im September auch alle Opfer-Angehörigen begrüßen können, um gemeinsam ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen.“ Als Zeichen setzt Herrmann nun auf „maximale Transparenz“, wie er betont. Kürzlich wurden die letzten Akten des Ministeriums an die Archive übergeben – Akten aus dem Ministerium selbst, aber auch „Restakten“ aus dem Polizeipräsidium München.

Die Akten thematisieren Vorab-Planungen zu etwaigen Polizeieinsätzen rund um die Spiele. Unter anderem wird darin die Einrichtung einer „Bannmeile“ rund um die Olympia-Einrichtungen erwogen. Sie kam aber nicht zustande. Der damalige Münchner Polizeipräsident Manfred Schreiber hatte 1972 die Einsatzführung, die bis heute harsch kritisiert wird. Die meisten Akten waren schon 2013 in die Archive gewandert, darunter auch Bestände des LKA und des Landesamts für Verfassungsschutz. Die Dokumente seien „insbesondere für Opfer und Angehörige“ einsehbar, versichert Herrmann. „Darüber werde ich Frau Spitzer auch persönlich informieren.“

London 2012 - Olympische Spiele
Sprecherin der Opfer-Familien: Ankie Spitzer © dpa Picture-Alliance / Karel Prinsloo

Olympia 1972 in München: Gedenkfeiern im September geplant - mit den Angehörigen?

Bisher sind am 5. September zwei Gedenkfeiern mit den Angehörigen geplant. Am Vormittag soll es am sogenannten Erinnerungsort im Olympiapark eine Zeremonie geben. Es gebe „positive Signale“, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und sein israelischer Amtskollege Isaac Herzog kommen, sagt der in die Vorbereitungen eingebundene bayerische Beauftragte für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, Ludwig Spaenle. Am Nachmittag desselben Tages ist ein Gedenkakt mit Staatsempfang am Fliegerhorst Fürstenfeldbruck geplant. Eingeladen sind 800 bis 900 Personen, darunter auch eine 100- bis 200-köpfige Delegation aus Israel. Seit Monaten plant das für politische Strategie zuständige und hier federführende Sachgebiet PK S1 im bayerischen Innenministerium die Feiern.

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Zum Streit über Schuld kommt ein Streit um Geld. Die Angehörigen fordern eine weitere Entschädigung. Der Vorschlag von Ankie Spitzer ist es, dass von der Bundesrepublik eingefrorenes Geld aus Libyen für die Opferentschädigung verwendet. Aus Regierungskreisen heißt es dazu, die Entschädigungsfrage sei abgeschlossen. „Ich kann die Haltung der Angehörigen nachvollziehen“, sagt indes Ludwig Spaenle, „vor allem, wenn man sieht, was in anderen Fällen gezahlt wurde.“

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