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Vor fünf Jahren raste der Orkan Kyrill mit 200 Stundenkilometern über Deutschland hinweg, riss Dächer und sogar Hauswände ein und entwurzelte ganze Wälder.

Historischer Orkan: Was von Kyrill blieb

Berchtesgaden - Kyrill war einer der schwersten Orkane in Europa. Fünf Jahre ist es her, dass der Sturm Menschen tötete, Häuser abdeckte und ganze Wälder entwurzelte. Wie hat die Natur in Bayern die Katastrophe verkraftet?

Sie haben angefangen zu wachsen, als Mozart geboren wurde und Friedrich der Große Preußen zur Großmacht führte – die kolossalen Fichten, die bis zum Nachmittag des 18. Januar 2007 an der Weißwand bei Berchtesgaden standen, waren Jahrhundertbäume. Bis Kyrill kam. Der Orkan knickte die Stämme, die 250 Jahre jedem Sturm getrotzt hatten, um wie Streichhölzer. Kyrill, das war im besonders gebeutelten Berchtesgadener Land, in Bayern, in Deutschland, in Europa Ausnahmezustand.

Heute jährt sich die Orkankatastrophe zum fünften Mal, und noch immer sind die Wunden nicht verheilt – nicht im Wald und schon gar nicht bei Menschen, die Schaden erlitten oder Familienangehörige verloren haben. In München-Milbertshofen zum Beispiel erschlug eine geschlossene Balkontür, die Kyrill aus den Angeln hob, die kleine Diana, 18 Monat alt. Das Mädchen schaute seinen Eltern durch die Scheiben zu, wie sie die Terrasse sturmfest machten. Dann kam die Böe. In Augsburg donnerte ein Scheunentor auf einen 73-Jährigen, auch für ihn gab es keine Rettung. In ganz Deutschland starben damals elf Menschen. Kyrill fegte mit bis zu 202 km/h übers Land, richtete Schaden in Millionenhöhe an, allein die Versicherungskammer Bayern vermeldete 65 Millionen Euro. Der Orkan deckte Dächer ab, riss Hauswände ein. Alle Züge bundesweit standen still, Straßen waren dicht.

Eines von Kyrills Opfern: der Wald. Der Orkan entwurzelte in Bayern vier Millionen Festmeter Holz, zweieinhalb davon bei den Bayerischen Staatsforsten (BaySF). Dabei sah die Lage zunächst nicht so fatal aus. In oberbayerischen Wäldern hatte Kyrill einiges umgeworfen, aber vor allem an einzelnen Stellen, nicht flächendeckend: „Im Großen und Ganzen sind wir glimpflich davon gekommen“, sagt zum Beispiel Martin Otter, Besitzer von 100 Hektar Privatwald auf Ebersberger Flur. Und so fiel eine erste Schadensbilanz der BaySF, damals noch keine zwei Jahre alt, noch recht erleichtert aus. Dann aber, als der Sturm endlich nachließ, setzte sich Daniel Müller, damals wie heute Forstbetriebsleiter in Berchtesgaden, zu einem Piloten in den Hubschrauber und flog über Lattengebirge, Weißwand und den Untersberg. Der Anblick: erschütternd. Kyrill hatte ganze Hänge plattgemacht.

Forstbesitzer in ganz Bayern, der Staat wie Privatleute, wussten damals: Das umgeworfene Holz muss so schnell wie möglich raus aus dem Wald. Sonst siedelt sich der Borkenkäfer an. In niedrigen Lagen war das enorm viel Arbeit, aber kein arges Problem. Im besonders geschädigten Berchtesgadener Land, wo Kyrill in Höhenlagen von bis zu 1700 Metern gewütet hatte, war das eine der größten Herausforderungen der Forstwirtschaft. „Dort oben gibt es keine Straßen, keine Wege“, sagt Forstchef Müller. Also wurden Hubschrauber gemietet – für horrende Summen. Ein Heli kostete pro Einsatzminute 20 Euro. Allein am Untersberg beliefen sich die Kosten für den Holztransport auf 3,5 Millionen Euro. Müller und seine Leute begannen schnellstmöglich mit der Aufforstung der 250 Hektar Kahlfläche, ein Großteil ist jetzt wieder bepflanzt. Doch der Wald ist geschwächt.

Die Sonne brennt gnadenlos auf den Boden, Schatten gibt es noch nicht. Die Erde trocknet aus – regnet es, schwemmt das Wasser Humus weg, die Wurzeln der Bäumchen sind noch zu klein, um das Erdreich zu stabilisieren. Eine Studie über den Humusschwund, die Müller in Auftrag gegeben hat, zeigt, dass der Boden ein großes Nährstoffproblem hat. Doch wann hat der Wald dort den Killer-Orkan endgültig verkraftet? „Das“, sagt Daniel Müller, „wird wohl erst in 250 Jahren der Fall sein.“

Carina Lechner

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