Osterkrippen – ein vergessener Brauch

Oberammergau - Der Brauch Osterkrippen aufzustellen ist weniger bekannt. In der Pfarrkirche St. Peter und Paul  in Oberammergau zeigt eine Passionskrippe alle 12 Stationen des Leidensweges Jesu. 

„Schwarz-gelb muss er sein, der Judas“, brummt Herbert Haseidl (58) in seinem urigen Oberammergauer Dialekt und deutet auf die geschnitzte Figur, die von einem Ast baumelt. Judas hat sich mit dem Strick an einem Baum erhängt, aus Reue für seinen Verrat an dem Gottessohn.

„Gelb steht für Neid und Eifersucht“, erklärt der hagere Mann und zieht seine grauen Augenbrauen hoch. Deswegen hat er dem Judas ein schwarzgelbes Gewand auf den hölzernen Körper gemalt, so wie es die Liturgie vorsieht. An der Judas-Figur hat der Holzbildhauer zwei Tage lang geschnitzt. Das war vor 15 Jahren – nachdem er vom damaligen Dorfpfarrer den Auftrag bekam, gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Tobias eine Passionskrippe zu schnitzen.

Passionskrippen sind selten geworden

Schließlich gehört es sich für einen Passionsspielort, nicht nur eine Weihnachts-, sondern auch eine Osterkrippe in der Kirche stehen zu haben. Zwei volle Jahre hat es gedauert, bis die Krippe der Haseidls 1996, zwei Wochen vor Ostern, eingeweiht wurde. „Am Ende gab es nur noch schlafen, essen und schnitzen.“ Während Weihnachtskrippen in jeder Kirche und vielen Stuben ihren festen Platz haben, sind Passionskrippen heute selten. Dabei haben sie eine lange Tradition: Im 18. und 19. Jahrhundert hatten sie ihre Blütezeit, gerieten dann aber wieder in Vergessenheit. Haseidl erklärt das so: „Die Weihnachtsgeschichte ist etwas Freudiges: Der Erlöser ist geboren.“

Bei einer Passionskrippe müsse man sich dagegen auch mit unangenehmen Darstellungen auseinandersetzen, so wie Blut, Leid und Schmerz. Die Krippe der Gebrüder Haseidl erzählt das Leben und Sterben Jesu in zwölf Szenen: Beginnend bei der Taufe im Jordan bis zum Tod am Kreuz und zur Auferstehung.

Die Figuren sind aus Zirbelkiefer geschnitzt, der Ölberg aus Isoliermaterial geformt, die Landschaft gestaltet aus Ästen, Wurzeln und Moos, gesammelt in den Oberammergauer Alpen. Beim Gestalten der Gebäude und Torbogen von Jerusalem kramte Haseidl alte Urlaubsfotos heraus: 1989 war er mit einer Reisegruppe in Israel. „Ich bin unter dem Tor gestanden, durch das Jesus in die Stadt Jerusalem gezogen sein soll. Seitdem weiß ich, wo was hingehört.“

Haseidl ist bekannt unter deutschen Holzschnitzern, er ist ein Meister seiner Kunst: Er kann Engelshände schnitzen, so klein wie Maiskörner, und komplette Krippen, die in eine Walnussschale passen. Zwölf Mal haben er und sein Bruder den Jesus für die Osterkrippe geschnitzt und bemalt: Wie er sich vom Heiligen Johannes taufen lässt, und sich dabei hingebungsvoll über das Wasser beugt. Wie er am Palmsonntag stolz auf dem Esel sitzt, und das Volk Kleider und Palmwedel vor ihm auf den Boden breitet. Wie er ans Kreuz genagelt ist, die Rippen zeichnen sich unter der Haut ab, das Blut fließt in feinen Linien von den Fußrücken.

An Ostern zeigt Haseidl die Krippe seinen Enkeln

Wie schafft Herbert Haseidl mit seinen rauen, trockenen Händen das bloß: Einem Stück Holz so viel Leben einzuschnitzen? „Ich studiere jedes Gesicht ganz genau“, erklärt der gebürtige Oberammergauer. „Wenn jemand auch nur ein einziges Mal in meiner Werkstatt gestanden ist – ich erkenne ihn noch nach 20 Jahren wieder.“ Jetzt an Ostern werden wieder besonders viele Kirchengänger im kühlen Nebenraum von St. Peter und Paul stehen und die Osterkrippe betrachten. Kinder werden Münzen in den kleinen Blechkasten werfen, sodass warmes Licht auf die einzelnen Stationen scheint und dazu ein Trauermarsch erklingt.

Und die Oberammergauer werden sich amüsieren, wenn Touristen sich gegenseitig „irgendeinen Schmarrn erzählen“, wie Haseidl schmunzelnd erzählt. „Manche haben einfach keine Ahnung von der Passion.“ Der gläubige Herrgottsschnitzer selbst wird an Ostern natürlich auch zu seiner Krippe gehen. Seinen beiden Enkeln will er Jesus zeigen, wie er von den Toten auferstanden ist. Vielleicht sperrt er dann auch den Glaskasten auf, rückt dem Gottessohn die Dornenkrone zurecht, legt einen Palmwedel wieder an den ihm zugedachten Ort. Kleine Handgriffe, die seine Krippe noch schöner machen. „Ich will, dass die Leute kapieren, was damals passiert ist, wenn sie die Krippe betrachten. Viele verstehen in unserer Zeit ja gar nicht mehr, warum wir überhaupt Ostern feiern.“

Stephanie Wolf

Ausstellung

Plakat der Sonderausstellung im Jagd- und Fischereimuseum München.

Passions- und Fastenkrippen sind bis Sonntag, 18. April, in einer Sonderausstellung in München zu sehen.

Das Jagd- und Fischereimuseum zeigt in der Augustinerkirche, Neuhauserstraße 2, Krippen aus Kirchen und Klöstern, die Leidensweg und Auferstehung Christi nachbilden.

Rubriklistenbild: © Jagd- und Fischereimuseum München

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