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Rente mit 67? Darüber kann Otto Greither nur lachen.

Er führt die Firma Salus in Bruckmühl

90 Jahre! Das ist der älteste Manager Deutschlands

Bruckmühl - Rente mit 67? Darüber kann Otto Greither nur lachen. Er ist 90 und führt seit mehr als sieben Jahrzehnten die Firma Salus, ein führender Naturarzneimittel-Hersteller aus Bruckmühl. Doch jetzt läutet er den Generationenwechsel ein.

Bevor Otto Greither, amtierender ältester Manager Deutschlands und vielleicht sogar der ganzen Welt, seinen ersten Arbeitstag als Chef hat, muss er erst einmal in den Wald. 1945, der Krieg ist gerade vorbei, aber überall an den Hängen des Tegernseer Tals liegen noch alte Fahrräder herum, die Menschen auf der Flucht, in der Hektik des Schreckens liegen gelassen haben. So ein Radl schnappt sich Greither. Er muss von Bad Wiessee nach München, nachsehen, was die Bomben von der Firma seines Vaters übrig gelassen haben.

Otto Greither senior ist zu diesem Zeitpunkt bereits einige Jahre tot. Aber er hat seinem Sohn ein Erbe hinterlassen, eines, das heute 100 Millionen Euro Umsatz im Jahr macht, für das 400 Menschen arbeiten. Otto Greither senior war Arzt, ein Visionär, der selbst von Gicht und Darmleiden geplagt war und deshalb eine „Salus-Kur“ erfindet. „Heilen heißt Reinigen“, war sein Mantra.

Er entwickelt Gesundheitstees, Heilmoor, Heilerde, ein spezielles Öl. Produkte, die er in zig Salus-Häusern verkauft, in Bad Wiessee zum Beispiel gibt es sogar ein „Salus-Kurhaus“ – dort lebt die Familie damals auch. Das alles ist der Grundstein für die heute weltweit bekannte Salus-Gruppe mit Sitz in Bruckmühl, Kreis Rosenheim. Und der Chef ist: Otto Greither junior, 90 Jahre alt, ein freundlicher Herr mit weißem Haar und einer Energie, dass es kracht.

Heute ist er spät – erst mittags – in die Firma gekommen, ein dunkelgrün gestrichenes Gebäude am Bahnhof Bruckmühl. Am Vortag war er in Frankfurt bei Kundengesprächen, das Taxi hat ihn schon um 5 Uhr abgeholt, erst spät in der Nacht war er wieder daheim. Normalerweise sieht der Tag von Otto Greither so aus: 6.30 Uhr aufstehen. Halbe Stunde Schwimmen. Klimmzüge am Beckenrand. Frühstück. Müsli, und natürlich hauseigener Kräutertee, heute war’s ein grüner. Und dann: zu Fuß von seinem Haus zur Arbeit. Nur manchmal, wenn er es eilig hat wie heute, steigt er in sein Auto, ein silberner Tesla mit Elektromotor. „Ich will schließlich nicht die Umwelt verpesten, wenn ich unterwegs bin“, sagt er und klopft auf den Sportwagen. So geht es, das Rezept für sein langes Leben. Achte auf Dich, aber vor allem achte auf die Umwelt und Deine Mitmenschen.

Otto Greither ist ein Unternehmer, von deren Schlag es heutzutage nicht mehr viele gibt. Aus der Generation, die in ihrer Jugend Krieg, Tod und Verderben gesehen hat. Die Träume hatte, die aber die Wirklichkeit über den Haufen warf. Die in den ersten Friedensjahren geschuftet hat wie blöd, und diesen Fleiß nie wieder rausgekriegt hat aus dem Kopf. Eigentlich wollte Otto Greither auch Arzt werden, wie sein Vater. „Aber jemand musste die Firma wieder aufbauen“, erzählt er und reckt die Hände, mit denen er das geschafft hat, in die Luft.

Als er 1945 in München ankommt, gibt es die Firma in der Nähe des 60er-Stadions in Giesing praktisch nicht mehr, auch der frühere Firmensitz in der Türkenstraße ist zerstört. Otto Greither hat von seiner Mutter, die gerade erst verstorben ist, Geld geerbt. „Aber das hat mir nichts gebracht.“ Geld – das ist in jenen Zeiten nicht mehr wert als das Papier, auf dem es gedruckt wird. Otto Greither braucht vor allem Material. Und kräftige Helfer. Neun Monate lang schläft er in Baracken, mitten im zerbombten München, jeden Morgen geht er auf die Baustelle. Greither, sein jüngerer Bruder, und treue ehemalige Mitarbeiter klopfen Ziegelsteine, versuchen, Fenster und Türen dicht zu kriegen, bauen, hämmern, sägen. „Zum Glück habe ich im Krieg einen Lastwagenführerschein gemacht“, sagt Otto Greither. „Auf einem Holzvergaser.“

In ganz München sind die Überbleibsel der Firma damals verstreut. In Wirtschaften rund um das Stadion lagern einzelne Säcke mit Tee. Im angrenzenden Harlaching ist ein Büro-Provisorium. Ein Durcheinander. Und: Die Zeit drängt. Denn die Kunden werden ungeduldig, fragen schon, wann es endlich wieder Salus-Tee zu kaufen gibt. „Wir mussten schauen, dass wir so schnell wie möglich Tee mischen und abpacken“, erinnert sich Greither. Doch es ist wahnsinnig schwer, die Rohstoffe zu organisieren. Um Lieferanten bei der Stange zu halten, legt er ab und zu mal ein gutes Flascherl Wein aus dem Weinkeller der verstorbenen Eltern drauf. Es ist mühsam, aber Greither schafft es, er baut die Firma aus den Ruinen wieder auf. Und er schafft es, auf dem strengen Bio-Kurs zu bleiben, den sein Vater, der Öko-Pionier, einst vorgegeben hat. Obwohl das manchmal nicht so leicht ist.

Zurück in Bruckmühl, wo die Firma hinzog, als der Standort in München zu klein wurde. Direkt neben dem Salus-Gelände, in dem 290 Mitarbeiter Kräuter aus aller Welt zu Natur-Arzneien verarbeiten: ein Auwald. Greithers eigener Auwald. Vor 20 Jahren hat er das 2,7 Hektar große Biotop gekauft, das heute vor allem Schulklassen besuchen. „Ich wollte das einfach erhalten“, sagt Otto Greither und geht langsam über die weichen Wege, vorbei an einem Beet mit Hexenkräutern, am Insektenhotel, um das kleine Moorgebiet mit Moorpflanzen. Hier gibt es praktisch jede Pflanze, die in Bayern wächst. Am Fischteich bleibt er stehen, zieht seinen Geldbeutel aus der Hosentasche und kramt nach einem Zehnerl. Er wirft die Münze in einen Automaten in einen Schlitz, unten kommt Futter raus. „Für die Fische“, sagt er und lächelt. Greither mag Chef einer Weltfirma sein, die Politik hat ihm sämtliche Orden, die es gibt, ans Revers gesteckt. Und doch sind es die kleinen Dinge, die Greither freuen. Und die ihn zu dem gelassenen Menschen machen, der er ist. Dabei hat er schwere Zeiten hinter sich. „Zwei Mal war ich richtig hoffnungslos“, sagt er.

Einmal, kurz vor der Währungsreform, glaubt er: „Ich schaffe das nicht.“ Er denkt, das Teegeschäft sei tot, die Verantwortung für seine Mitarbeiter erdrückt ihn schier. Es ist so unglaublich schwer, an gute Waren ranzukommen. Und den Preis für den Tee kann er nicht einfach erhöhen – das würde die Kundschaft nicht mitmachen. Greither hört von einem Bekannten, der nach Argentinien auswandert. Er beschließt mitzukommen und packt seine liebsten, seine wichtigsten Dinge in eine Kiste. Seine Ziehharmonika, die Abfüllanlage für Ampullen. Seinem Spezl gibt er die Kiste mit. Und sieht sie nie wieder. Denn Greither bleibt. Die Währungsreform spült neue Waren ins Land, plötzlich läuft das Geschäft wieder.

Der nächste Tiefschlag: Tschernobyl. Nach der Atomkatastrophe 1986 sind die Rohstoffe, die Salus vor allem aus Plantagen in Osteuropa bezieht, verseucht. „Ich habe einfach keine Kräuter mehr bekommen“, erinnert sich Greither. Und die, die er kriegt, sind ihm und seinen Kunden, den Reformhäusern in ganz Deutschland, nicht gut, nicht rein genug. Wieder glaubt er: „Jetzt ist es vorbei.“ Doch dann kauft er eine Farm in Chile, Südamerika, und baut dort seither Kräuter an, nach strengsten Standards.

Noch eine Katastrophe, an die sich in Bruckmühl noch viele erinnern können: Am 15. März 1986 brennt das Produktionsgebäude nieder, der Funkenflug eines Schweißers hat den Brand ausgelöst. „Dann haben wir halt alles wieder aufgebaut“, sagt Greither und zuckt mit den Schultern. Bei Null anfangen – das hat er schon einmal mitgemacht. Zwei Wochen nach dem Brand liefert Salus wieder aus, vom Azubi bis zum Chef haben alle mitangepackt.

Otto Greither ist ein Chef, der weiß, dass nicht er, sondern seine Mitarbeiter die Firma tragen. „Einen Betriebsrat haben wir nie gebraucht“, sagt er stolz, er zahlt freiwillig Extra-Leistungen. Ein firmeneigenes Kindergeld zum Beispiel. Er ist aber auch ein Chef, der alle Fäden in der Hand hält, auch mit 90. Er geht auf Messen, denkt sich neue Produkte aus, fliegt nach Chile. Wenn er im Urlaub ist – zweimal im Jahr verbringt er vier Wochen in Südfrankreich – mischt er trotzdem mit. Er telefoniert mit seinen Leuten, lässt sich wichtige Dokumente per Fax schicken, zu dem er Fernschreiber sagt.

Seit 1. Juli ist er nicht mehr der alleinige Chef. Der Mann seiner Enkelin, 35, ist jetzt Geschäftsführer, Greither lernt ihn gerade ein. „Daran muss ich mich erst gewöhnen“, sagt er und klopft seinem Nachfolger auf die Schulter. „Aber so kompliziert ist es ja nicht.“ Greither lächelt. Irgendwann muss sogar einer wie er die Jungen ranlassen. Aber wenn er die Treppen zu seinem Büro hochgeht, dann nimmt er zwei Stufen auf einmal. Immer noch.

Von Carina Zimniok

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