Ein historisches Bild: Zwei Päpste begrüßen sich – links Franziskus, rechts Benedikt. In der Mitte Erzbischof Gänswein. dpa

Interview mit Georg Gänswein

Benedikts Rücktritt – eine Revolution im Vatikan

Rom - Es war wie ein Blitz aus heiterem Himmel, als Papst Benedikt heute vor einem Jahr seinen Rücktritt ankündigte. Sein Sekretär, Erzbischof Georg Gänswein, freilich war eingeweiht. Aber er hat das Geheimnis gewahrt, berichtet er im Interview mit unserer Zeitung.

Im Konferenzraum im Apostolischen Palast empfängt Georg Gänswein unsere Redakteurin Claudia Möllers zum Interview.

Der Schweizer Gardist Stanger führt den Fotografen und mich von der Porta S. Anna hinein in das Zentrum des Katholizismus, in den Vatikan. Es ist schon dämmerig an jenem Februar-Nachmittag. Links passieren wir den Turm Nikolaus V., wo die Vatikanbank residiert. Es geht durch verwinkelte Innenhöfe und kunstvoll geschmiedete Eisentore. Wir sehen Berninis 15 Meter hohe Kolonnaden und stehen schließlich vor dem Apostolischen Palast. Gardist Stanger geht voran in eine streng bewachte Pforte, nickt dem Wächter zu: Wir dürfen eintreten in die Päpstliche Präfektur, steigen hinauf in den ersten Stock über die mächtige Treppe Pius IX.

Oben erwartet uns ein junger Priester hinter einem Schreibtisch. Wir dürfen in einem kleinen Wartezimmerchen Platz nehmen. Doch nur wenige Minuten, dann geleitet uns der Geistliche in den Konferenzraum von Erzbischof Georg Gänswein. Ein hoher, mit weinroten Seidentapeten ausgeschlagener Saal. Vier goldene Rokokosessel mit rotem Samt bezogen sind in der Mitte gruppiert. Von der Wand blickt ein freundlicher älterer Herr im weißen Gewand – ein Gemälde des amtierenden Papstes Franziskus. Die Tür zum Nebenraum öffnet sich. In schlichter schwarzer Soutane mit weißem Römerkragen weht der 57-jährige Georg Gänswein herein. Mit einem freundlichen Lächeln drückt er mir die Hand und sagt: „Schießen Sie los!“

Vor einem Jahr hat Papst Benedikt vor den Kardinälen auf Lateinisch seinen Rücktritt erklärt. Seine Begründung: Er habe keine Kraft mehr für dieses schwere Amt. Wie geht es ihm heute?

Wie alle Welt sehen konnte, wirkte Papst Benedikt in der unmittelbaren Zeit vor der Verzichtserklärung abgespannt, erschöpft und kraftlos. In den beiden Monaten, die er nach dem Rücktritt in Castel Gandolfo verbracht hat, hat er sich nach und nach erholt und kam wieder zu Kräften, es ging gesundheitlich wieder bergauf. Es geht ihm heute seinem Alter entsprechend gut. Er lebt mit sich im Frieden und ist – Gott sei Dank – wohlauf.

Welches Bild hat sich Ihnen von dem 11. Februar eingeprägt?

Die Ankündigung des Amtsverzichts erfolgte am Ende eines Konsistoriums, das heißt einer Versammlung von Kardinälen im Apostolischen Palast. Zunächst ging es im Konsistorium um Fragen der Heiligsprechung, am Ende dann las Papst Benedikt in lateinischer Sprache seine Verzichtserklärung vor. Ich sehe, als ob es gestern geschehen wäre, vor mir die große Schar der Kardinäle, die nicht so recht wusste, was da eben geschah. Einige wirkten wie versteinert, andere schauten fassungslos vor sich hin, wieder andere waren sich nicht sicher, ob sie richtig gehört und verstanden hatten.

Es hat lange gedauert, bis die Nachricht richtig verstanden worden ist.

Erst als Kardinal Sodano, der Dekan des Kardinalskollegiums, nach der Verzichtserklärung des Papstes das Wort ergriff und versuchte, in Italienisch das Unfassbare in Worte zu fassen und Papst Benedikt für sein Pontifikat dankte, war allen Kardinälen klar geworden, was geschehen war. Es herrschte eine unbeschreibliche Atmosphäre.

An dem 11. Februar 2013 wussten Sie also, was passieren würde. Hatte Papst Benedikt Sie denn vorher in seine Überlegungen einbezogen oder kam die Entscheidung für Sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel?

Der Papst hatte mir seine Entscheidung lange vorher mitgeteilt. Natürlich unter dem Siegel absoluten Stillschweigens, dem Siegel des päpstlichen Geheimnisses. Ich durfte kein Wort darüber verlieren. So ist es auch geblieben. Ich habe geschwiegen und dicht gehalten.

Dieser Rücktritt ist Ihnen auch persönlich sehr nahe gegangen. Sie haben Ihre Tränen nicht verborgen. Was hat Sie so traurig gemacht?

Scheiden tut weh. Es waren acht sehr gefüllte und dichte Jahre, die ich als Sekretär an der Seite von Papst Benedikt verbrachte. Diese Zeit hat mich sehr geprägt; ich bin in diesem Dienst ganz aufgegangen. Davon Abschied zu nehmen, war schmerzhaft. Ja, es flossen auch Tränen – gerade an jenem 28. Februar, am letzten Tag des Pontifikats. Ich konnte die Tränen einfach nicht mehr zurückhalten.

Dieser Flug im Hubschrauber vom Vatikan nach Castel Gandolfo, wo dann am Abend das Pontifikat endete, wie war Benedikt und Ihnen da zumute?

Dieser Flug bleibt unvergesslich. Außer zwei, drei kurzen Sätzen wurde nichts gesprochen; es herrschte eine höchst sprechende Stille. Normalerweise nimmt der Hubschrauber die direkte Linie vom Vatikan nach Castel Gandolfo. Diesmal war die Linie eine andere. Der Hubschrauber machte eine Schleife um den Petersdom, hinweg über den Petersplatz und weiter über das alte Rom, das historische Zentrum mit seinen weltberühmten Sehenswürdigkeiten weiter Richtung Albaner Berge bis nach Castel Gandolfo. Der Flug hat im Zeitraffer noch einmal einen Rückblick geschenkt.

Inwiefern hat der Rücktritt das Papstamt verändert?

Darauf lässt sich noch keine abschließende Antwort geben. Zunächst musste der Schock verarbeitet werden. Ich glaube, dass durch den mutigen Akt von Papst Benedikt das theologische Nachdenken neue Kraft und Schwung erhalten hat. Sicherlich wird die Unterscheidung von Amt und Person, von Amt und Amtsinhaber deutlicher zum Vorschein kommen. Vergessen wir nicht, dass Benedikt am Anfang seines Pontifikats auf der Segensloggia gesagt hat: „Ich bin nur ein einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn“. Das ist nicht nur eine schöner Satz, darin kommt eine sehr demütige Haltung zum Ausdruck, die besagt: Herr solange ich gebraucht werde, bin ich mit ganzem Herzen dabei, bin ich ein Instrument in deiner Hand. Wenn es aber nicht mehr geht, weil meine Kräfte nicht mehr da sind, nicht mehr ausreichen, dann nimm aus Liebe zur Kirche das Instrument aus der Hand und gib es einem anderen.

Wie verbringt Benedikt heute seine Tage?

Er hat bei seinem Rücktritt – auf Moses verweisend – erklärt: „Ich steig’ hinauf auf den Berg, um zu beten.“ Seine Hauptaufgabe besteht nunmehr darin, die Kirche und seinen Nachfolger Papst Franziskus im Gebet zu begleiten und zu stützen. Vergessen wir nicht, dass die Kirche nicht nur mit Entscheidungen regiert wird, sondern insbesondere mit der Kraft des Gebets.

Der Tag beginnt also mit der Heiligen Messe?

Ja, so ist es. Danach folgt die Danksagung, das stille Gebet vor dem Tabernakel, dann das Breviergebet – und dann gibt es ein gutes Frühstück.

Da sind Sie dabei?

Ja, ebenso auch die vier Memores, die Papst Benedikt bereits im Apostolischen Palast den Haushalt gemacht haben. Diese vier italienischen Frauen, die einer religiösen Gemeinschaft angehören, leben wie ich an der Seite von Papst Benedikt im Kloster Mater Ecclesiae. Den Vormittag widmet Benedikt dem Gebet, der Lektüre, der Korrespondenz und auch Besuchern.

Kommen viele Besucher?

Der Besucherstrom wird immer größer. Er kann gar nicht alle Besuchswünsche erfüllen. Da ist es wichtig, auch einmal zu sagen: Es geht leider nicht.

Und wer darf zu ihm?

Es gibt keine Vorauswahl oder eine Checkliste. Ich lege ihm die Bitten und Anfragen vor, er selber entscheidet dann. Es ist ein schöner Querschnitt durch alle Schichten des Volkes Gottes.

Wie geht es weiter im Tagesablauf?

Der Vormittag schließt mit dem Mittagessen gegen 13.30 Uhr. Wie beim Frühstück sind die Memores und auch ich anwesend. Danach machen Papst Benedikt und ich einen kleinen Spaziergang gleich hinter unserem Haus in dem kleinen Wäldchen, das sich dort befindet. Dann folgt eine Mittagspause, die klassische Siesta, die darf natürlich nicht fehlen. Kurz nach 16 Uhr eröffnet der Rosenkranz, den wir gemeinsam während eines Spaziergangs beten, den Nachmittag. Danach geht Papst Benedikt wieder seiner Arbeit nach, widmet sich dem Gebet und der Lektüre, empfängt Besucher. Um 19.30 Uhr ist gemeinsames Abendessen, danach schauen wir meistens italienische Nachrichten. Nach einem kurzen Spaziergang auf der Dachterrasse zieht er sich zurück, manchmal setzt er sich dann auch ans Klavier.

Er spielt also wieder?

Ja, ab und zu schon.

Was spielt er denn am liebsten?

Das bleibt ein Geheimnis.

Wie sprechen Sie ihn an?

Heiliger Vater

Nach wie vor?

Ja, nach wie vor. Es ist nun einmal so, dass wir gegenwärtig zwei Päpste haben, einen emeritierten Papst namens Benedikt und einen regierenden Papst namens Franziskus.

Wie reden sich die beiden denn gegenseitig an?

Benedikt sagt zu Franziskus „Santo Padre“ oder „Santità“, das ist die italienische Form von Heiliger Vater bzw. Heiligkeit. Das gleiche gilt auch für Papst Franziskus. Er spricht Benedikt mit „Santità“ an.

Benedikts große Leidenschaft ist das Schreiben. Arbeitet er an einem Buch?

Ich werde von vielen Menschen gefragt: Arbeitet denn der Papst noch wissenschaftlich? Schreibt er? Da ich keine falsche Antwort geben wollte, habe ich Papst Benedikt selbst gefragt, was ich denn auf diese Frage antworten solle. Er sagte mir nur: „Wenn ich noch die Kraft zum wissenschaftlichen Arbeiten hätte, dann hätte ich nicht auf das Petrusamt verzichtet. Wäre die Kraft dagewesen, hätte ich den mir aufgetragenen apostolischen Dienst weitergeführt.“

Träumt der emeritierte Papst davon, doch noch einmal in seine Heimat Bayern zu kommen?

Dass das Bayernland traumhaft schön ist, wissen Sie und ich, obwohl wir Nichtbayern sind (lacht). Ich glaube, dass Papst Benedikt Realist genug ist, um einzusehen, dass eine Reise in seine bayerische Heimat kaum möglich sein wird. Ob er davon träumt? Das ist nicht auszuschließen.

Verfolgt er das kirchliche Leben in Deutschland, in Bayern?

Ja, natürlich, es gibt auch im Vatikan Kommunikationsmittel: Fernsehen, Zeitungen, Zeitschriften, Internet, Pressespiegel, etc. und natürlich über Direktkontakte! Dem Interesse an Bayern und an Deutschland kann er nun mehr Zeit widmen als vorher.

Wobei der Blick nach Deutschland derzeit betrüblich ist – wegen der Vorgänge im Bistum Limburg oder durch die Insolvenz des Weltbild-Verlags...

Auch das nimmt Papst Benedikt sorgfältig wahr. Anteilnehmen an der Heimat heißt auch Mitleiden. Allerdings darf der Blick nicht nur auf schwierige und heikle Angelegenheiten eingeschränkt werden.

Zurück zum Rücktritt von Papst Benedikt – wie hat der Ihr Leben verändert?

Sekretär eines Papstes zu sein oder Präfekt des Päpstlichen Hauses, das sind sehr unterschiedliche Aufgaben mit sehr unterschiedlichen Zuständigkeiten, Kompetenzen und Verantwortungen.

Was ist denn Ihre Hauptaufgabe als Präfekt?

Die Hauptaufgabe des Präfekten besteht darin, dem Papst bei allen Außenkontakten behilflich zu sein, das heißt konkret, ihm die Audienzen zu organisieren. Die Audienzpalette ist groß und vielfältig: von den wöchentlichen Generalaudienzen, die meistens auf dem Petersplatz stattfinden, über die Privataudienzen von Staatspräsidenten, Regierungschefs, Botschaftern, Kardinälen und Bischöfen, kirchlichen und weltlichen Organisationen, bis hin zu Reisen in Italien etc. In persönlicher Zusammenarbeit mit dem Papst selbst und anderen Kurienorganen muss eine reibungslose Koordination und Zusammenarbeit gewährleistet werden. Bei allen Audienzen begleitet der Präfekt den Papst dann auch. Das ist meine Hauptaufgabe. Die zweite Aufgabe besteht darin, den Apostolischen Palast, aber auch andere Gebäude auf dem Vatikangebiet in Schuss zu halten. Es gibt einen großen historischen und künstlerischen Wert zu erhalten.

Sie dienen also beiden Herren. Wie geht das: Vormittags stehen Sie Benedikt zur Verfügung, nachmittags Franziskus?

Mit den zwei Herren ist das schon richtig, nur die Zuordnung stimmt nicht ganz. Vormittags begleitete ich Papst Franziskus zu den Audienzen, die er – wie schon seine Vorgänger – im Apostolischen Palast hält. Nachmittags ist hauptsächlich Schreibtischarbeit zu verrichten, die Korrespondenz verlangt viel Zeit und auch die Audienzvorarbeiten verlangen ihren zeitlichen Tribut; darüber hinaus stehen immer auch persönliche Begegnungen an. In den Abendstunden verrichte ich dann Sekretärsdienste für Papst Benedikt.

Wie nehmen denn Benedikt und Franziskus Kontakt zueinander auf? Ruft man sich an oder klopft Franziskus an der Tür?

Es geht ganz unkompliziert. Es gibt das Telefon, den Brief, die persönliche Begegnung, Essenseinladungen, Aufmerksamkeiten verschiedenster Natur… Die Verbindungsschiene läuft meist über mich.

Wie unterscheiden sich die beiden am augenfälligsten? Benedikt, der Strenge, Franziskus, der Barmherzige?

Das trifft so nicht zu. Ein augenfälliger Unterschied besteht in der äußeren Wahrnehmung der beiden Persönlichkeiten, vor allem in der Gestik. Es sind eben zwei grundverschiedene Naturelle. Wir kennen Benedikt als eher zurückhaltend im Umgang mit den Menschen. Wir nehmen Papst Franziskus wahr als jemand, der sich geradezu auf die Menschen stürzt. Wohlgemerkt, es geht hier lediglich um äußere Unterschiede.

Ist Ihnen da am Anfang bei den spontanen Aktionen von Papst Franziskus manchmal das Herz stehen geblieben?

Nein, das Herz ist mir bisher nicht stehen geblieben, die Luft habe ich allerdings schon manchmal angehalten. Aber inzwischen habe ich mich sehr gut an den Stil von Papst Franziskus gewöhnt. Seine Mitarbeiter haben sich ganz auf ihn einzustellen. Das verlangt Arbeit an der eigenen Person, und das ist doch völlig normal, überhaupt nicht dramatisch. Letztlich geht es darum, dem Nachfolger Petri, in der ganz konkreten Person des Bischofs von Rom, bei der Ausübung seines apostolischen Dienstes behilflich zu sein.

Für Benedikt muss es doch etwas gewöhnungsbedürftig sein, dass sein Nachfolger eine Umfrage über die Situation der Familien weltweit durchführen lässt. So etwas wäre in Benedikts Amtszeit wohl nicht denkbar gewesen?

Diese Umfrage muss man im Zusammenhang mit der Bischofssynode sehen, die im kommenden Oktober in Rom stattfinden wird. Sie hat als zentrales Thema die Familie. Offensichtlich sah das Sekretariat der Bischofssynode eine solche Umfrage als hilfreich an, um zu erfahren, was die Bischöfe über diese Thematik denken und wie es in den Diözesen aussieht. Die Umfrage soll in erster Linie Vorbereitungsarbeit leisten.

Was meinen Sie genau?

Es geht um die Familie; da haben sich in kurzer Zeit große, weitreichende Veränderungen ergeben, weltweit. Es ist wichtig, das realistisch zur Kenntnis zu nehmen, ehrlich und ungeschönt Bilanz zu ziehen über die gegenwärtige Situation. Natürlich wird da auch und gerade das Thema „gescheiterte Ehe“ Gegenstand der Diskussion sein. Aber die Frage kann nicht darauf eingeengt werden. Familie hat eine viel größere Dimension.

Halten Sie es als Kirchenrechtler denn nicht für möglich, dass die Kirche Geschiedene wieder zur Kommunion zulässt?

Kirchenrechtler hin oder her. Die Frage ist zu allgemein gestellt und lässt sich nicht mit einem knappen Ja oder Nein beantworten. Es geht um das Sakrament der Ehe, um die Unauflöslichkeit der Ehe! Und es geht um gescheiterte Ehe. Göttliche Stiftung und menschliches Versagen zeigen sich in ihrer Dramatik nirgends so deutlich wie hier. Die Frage der Barmherzigkeit, die hier hineinspielt, muss immer auch im Licht der Wahrheit gesehen werden. Die unauflösliche sakramentale Ehe nicht preiszugeben und zugleich den Menschen seelsorgerlich beizustehen, deren Ehe in die Brüche gegangen ist und die eine neue zivile Ehe geschlossen haben: Das ist in knappen Worten die Herausforderung, der sich die Bischofssynode stellen muss.

Das hieße: Wenn sich an der Seelsorgepraxis nichts ändern wird, könnten viele Menschen enttäuscht sein vom Reformer Franziskus?

Der Begriff „Reformer“ Franziskus wird inzwischen inflationär gebraucht. Was ist damit eigentlich gemeint? Papst Franziskus fällt mit augenfälligen Gesten auf, durch die Tatsache, dass er nicht im Apostolischen Palast wohnt, dass er in einem kleineren Auto fährt und mitunter auch seine Aktentasche selber trägt. Das sind zunächst äußere Eigenheiten, in die nicht wenige Menschen gerne inhaltliche Elemente hineinlesen möchten. Man muss die Frage stellen: Ist denn wirklich alles anders geworden? Gibt es in seinen bisherigen Aussagen einen Bruch mit dem vorherigen Lehramt? Oder besteht da nicht eher ein nahtloser Übergang, Kontinuität?

Am 12. März wird ein neuer Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz gewählt. Wie bedeutend ist dieses Amt aus römischer Sicht?

Der Vorsitzende einer Bischofskonferenz, nicht nur in Deutschland, überall auf der Welt, ist ein Moderator, nicht der Nationalpapst seines Landes. Er ist „primus inter pares“, Erster unter Gleichen. Er kann nur im Namen seiner Mitbischöfe sprechen, wenn er von ihnen dazu beauftragt ist. Er hat keinerlei Recht, in das Bistum eines andern Bischofs hineinzuregieren. Das Bischofsamt ist ein persönliches Amt, das in persönlicher Verantwortung ausgeübt werden muss.

In Deutschland wünschen sich manche, der Vorsitzende wäre mit mehr Kompetenzen ausgestattet, um das Image der Kirche nach außen zu stärken.

Es ist wichtig, dass die Bischöfe eines Landes sich treffen, sich austauschen, über anstehende Probleme diskutieren, miteinander beten, Richtlinien gemeinsamen Handelns festlegen, seelsorgliche Fragen koordinieren usw. Dass da unterschiedliche Auffassungen zum Vorschein kommen, ist völlig normal und auch richtig. Aber glauben Sie im Ernst, dass das Image der Kirche von viel oder wenig Kompetenz eines Vorsitzenden abhängt, egal in welchem Land? Der Bischof ist Nachfolger der Apostel und hat die Aufgabe, die ihm vom Papst übertragene Diözese zu leiten. Biblisch gesprochen: Er ist der Hirte seiner Herde. Mutiert der Vorsitzende einer Konferenz zu einer Art Überbischof, dann stimmt etwas nicht mehr.

Was braucht die deutsche Kirche jetzt? Einen spirituellen Vorsitzenden oder einen politischen?

Das wissen die deutschen Bischöfe selber besser als ich. Ich habe ihnen keine Ratschläge zu erteilen.

Wer wäre denn aus römischer Sicht der beste Kandidat?

Ich bin doch nicht das römische Orakel!

Am Anfang des Pontifikats von Benedikt hieß es in Deutschland: Wir sind Papst! Am Ende gab es auch viel Kritik. Wie möchte Benedikt gesehen werden von seinen Landsleuten?

Papst Benedikt hat sein Handeln nie nach äußeren Kriterien gerichtet, sich gar gemäß Umfragewerten verhalten. Maß seines Dienstes war die Liebe zum Herrn und zu seiner Kirche. Ob Umfrageergebnisse großartig waren oder weniger großartig, das ist kein Maßstab für apostolisches Handeln.

Beneidet Benedikt Franziskus um seine Popularität?

Es wäre ganz und gar unchristlich, wenn Benedikt eifersüchtig wäre auf seinen Nachfolger. Es geht ja nicht darum, ob der eine Papst oben auf der Beliebtheitsskala steht oder nicht. Es geht nicht um Quoten. Es geht darum, dass der Papst seinen apostolischen Dienst so verrichtet, dass er vor seinem Gewissen und vor Gott bestehen kann. Wenn Franziskus jetzt einen so großen Zulauf hat, auch Menschen anspricht, die mit der Kirche eher Schwierigkeiten haben, dann kann das nur ein Grund der Mitfreude sein.

Wie wird Benedikt XVI. den 11. Februar verbringen. Wird die Erinnerung an den Rücktritt eine Rolle spielen?

Ich glaube nicht, dass der Tag anders ablaufen wird als andere. Natürlich werden wir auch über den 11. Februar 2013 sprechen.

Hatten Sie jemals das Gefühl, dass er seinen Rücktritt bedauert hat?

Nein, diesen Eindruck hatte ich nie.

*

Der Konferenzraum im Apostolischen Palast, in dem wir das Interview geführt haben, gehörte ursprünglich zur Wohnung eines Kardinals. Oben an der reich ausgemalten Decke prangt im weißen Stuck das Wappen von Papst Julius III. An der Wand ein kostbares Triptychon, das unter anderem Maria mit dem Jesuskind zeigt. Reiche kirchliche Historie und das kirchenpolitische Alltagsgeschäft liegen hier Tür an Tür – denn nebenan befindet sich Gänsweins Arbeitszimmer.

Ein kurzer Blick ist erlaubt; rund um den Schreibtisch stapeln sich Bücher. Auf dem Schreibtisch eine kurze Notiz von Papst Franziskus für die bevorstehende Audienz. In winzigen Buchstaben. Handgeschrieben. Gänswein lacht: „Er hat extra groß geschrieben. Seine privaten Notizen sind noch kleiner.“

In der Ecke stapeln sich Kisten. „Nicht erschrecken: Die Bücherkisten stehen hier seit einem Jahr. Ich bin noch nicht dazu gekommen, sie auszupacken“, entschuldigt er sich. Gänswein ist entspannt, freundlich, leutselig – und äußerst charmant. Dass er von vielen als Konservativer abgestempelt wird, schert ihn so wenig wie die ewigen Vergleiche mit dem Filmschauspieler George Clooney. Inzwischen hat der gut aussehende Theologe seinen Frieden damit gemacht. Kürzlich scherzte er sogar, dass er sich mit dem Filmstar ja mal treffen könnte.

Über Gänsweins Zukunft wird viel gemunkelt. Man hört seinen Namen bei Spekulationen um die Neubesetzung von Bischofssitzen in Deutschland. Der smarte Schwarzwälder lächelt – und wiegelt ab. „Wenn mein Name auf einer Liste stehen würde, habe ich den Eindruck, dass ich in keiner Diözese gewählt würde...“ Und außerdem: Wer hier im Schatten des Petersdoms seinen Dienst tut, im Zentrum der Weltkirche, der hat schon eine ganz besondere Aufgabe im Weinberg des Herrn. Und das in einer Zeit, die in die Kirchengeschichte eingehen wird. Als Zeit der zwei Päpste. Gänswein dient beiden.

Claudia Möllers

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