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Da war er: der erste deutsche Papst nach fast 482 Jahren. Josef Ratzinger wurde 2005 zu Benedikt XVI.

Die Geschichte von Josef Ratzinger

Benedikt XVI.: Vor zehn Jahren wurde Bayern Papst

München/Rom - Vor zehn Jahren wird der Bayer Joseph Ratzinger zu Papst Benedikt XVI. Der erste deutsche Pontifex nach fast 482 Jahren. Doch auf die Euphorie folgte die Ernüchterung.

Es ist 18.44 Uhr an jenem Dienstag, den 19. April 2005. 100 000 Menschen blicken auf dem Petersplatz in Rom wie gebannt nach oben auf die Loggia des Domes. Millionen in aller Welt hocken vorm Fernsehschirm. Sogar in der Sakristei der Münchner Frauenkirche steht ein TV-Gerät, Ministranten verfolgen den historischen Augenblick am Bildschirm.

Vor der Tür der Sixtinischen Kapelle, in der sich die Kardinäle zur geheimen Wahl versammelt haben, steht Georg Gänswein, der Sekretär von Kardinal Joseph Ratzinger. Ihm schlägt das Herz bis zum Hals, denn sein Chef, der Präfekt der Glaubenskongregation, zählt zu den Favoriten. Er erinnert sich im Gespräch mit unserer Zeitung an den Tag, als sei es gestern gewesen.

Als Sekretär des Kardinaldekans, der Ratzinger damals war, darf ihn Gänswein ins streng geheime Konklave begleiten – „natürlich nicht in die Capella Sistina, da dürfen nur die Kardinäle herein“. Aber bis zur Türe des Raumes, an dessen Nordwand das „Jüngste Gericht“ von Michelangelo prangt. Es ist der zweite Konklavetag. Der erste Wahlgang an diesem Dienstag ist ohne Ergebnis verlaufen. Nach dem Mittagessen im Haus Santa Martha und einer kurzen Pause kehren die Kardinäle an den Wahlort zurück. Ratzinger, der zuvor den Bus genutzt hatte, will diesmal lieber gehen. Bittet Gänswein, ihn zu begleiten. „Ich hatte den Eindruck, ihm schwante etwas...“, sagt er rückblickend. Auf dem Weg zur Sixtina aber sprechen beide kein Wort. „Mein Eindruck war: Jedes Wort ist jetzt zu viel. Nicht sprechen, die Stille spricht mehr.“ Und dann heißt es warten.

Die Wahl stand fest: Papst wird Josef Ratzinger aus Bayern

Am frühen Abend steigt weißer Rauch aus dem Kamin der Sixtina auf. Eineinviertel Stunden später tritt der Kardinalprotodiakon, der Chilene Jorge Arturo Medina Estevez, auf die Loggia des Petersdomes und verkündet „Habemus Papam“ – „Wir haben einen Papst“. Er macht eine kurze, dramaturgische Pause. Egal, wo man die Szene gerade verfolgt – man hört die Spannung förmlich knistern. Dann fährt er fort in seinem lateinischen Singsang: „Eminentissimum ac Reverendissimum Dominum, Dominum Josephum....“ – die Menschen halten die Luft an. Sollte wirklich der Deutsche, der oberste Glaubenswächter, der enge Vertraute von Papst Johannes Paul II. dessen Nachfolger werden? „...Sanctae Romanae Ecclesia Cardinalem Ratzinger.“

Da war es heraus – der Oberbayer, der frühere Münchner Kardinal, der gerade 78 Jahre alt gewordene Präfekt der Glaubenskongregation ist von den 115 Kardinälen im vierten Wahlgang zum Papst gewählt worden. Auf dem Petersplatz jubeln die Gläubigen „Benedetto, Benedetto“, nachdem der Papstname Joseph Ratzingers bekannt wird.

Erst nachdem die Kardinäle dem neuen Papst den Gehorsam versprochen haben, sieht Gänswein seinen Chef wieder. „Er hat ja weiße Haare und dazu das weiße Gewand des Papstes. Es war alles weiß, einschließlich der Gesichtsfarbe. Sonderbar, sehr sonderbar“, beschreibt Gänswein den ersten Moment. Tausend Gedanken schießen ihm durch den Kopf. Ihm kommt es vor, als sei er mitten in einem Tsunami. „Es war ein Gemisch aus großer Freude, aber auch großer Sorge, weil Kardinal Ratzinger ja schon 78 Jahre alt war. Und dann diese Riesenaufgabe.“ Gänswein weiß, dass sein Chef Papst Johannes Paul II. mehrfach gebeten hatte, ihn in den Ruhestand gehen zu lassen. „Giovanni Paolo hat es nicht getan – und nun geht es ganz im Gegenteil noch eine Stufe rauf...“

Kardinal Ratzinger war "papst-fähig"

In Deutschland läuten derweil die Kirchenglocken, im Erzbistum München und Freising eilen Menschen in die Kirchen. Im Geburtsort von Joseph Ratzinger, in Marktl am Inn (Kreis Altötting), düst die Feuerwehr durch den Ort, um über Lautsprecher zu einer spontanen Feier auf den Marktplatz einzuladen. Marktl schwebt im siebten Himmel – auch wenn es in Strömen regnet.

Winfried Röhmel, Pressesprecher des damaligen Kardinals Friedrich Wetter, hat sich minutiös auf diesen Tag vorbereitet. „Kardinal Ratzinger war papabile“, sagt er. Das ist das italienische Wort für „papstfähig“. Vor der Wahl, die am Montag hinter verschlossener Tür begonnen hatte, waren in den Medien der Welt viele Namen genannt worden: der Kardinal von Honduras, Maradiaga, Kurienkardinal Arinze aus Nigeria oder der Patriarch von Venedig, Angelo Scola. Auch immer wieder der von Joseph Ratzinger.

Trotzdem wollte man in München nicht so recht daran glauben. Röhmel, inzwischen im Ruhestand, berichtet: „Ich habe mich natürlich vorsichtshalber so vorbereitet, als würde er gewählt. Man hat damals über meinen Eifer etwas milde gelächelt. ,Der Röhmel macht viel Wind‘, hieß es.“ Als der Augenblick kam, weißer Rauch aufstieg und der Kardinaldekan den Namen ,Josephum‘ sagte, „da hab ich erst einmal geheult“, verrät Röhmel und schiebt erklärend hinterher: „Das war so eine Anspannungssituation. Jetzt stimmte das plötzlich, was man so gründlich vorbereitet hatte.“ Einen kurzen Moment ist es völlig still – dann geht der Trubel los. Röhmels Ansage an die Mitarbeiter: „Alles, was wir vorbereitet haben, geht auf Sendung.“ Bis in den frühen Morgen klingeln die Telefone in der Pressestelle. Journalisten aus aller Welt, aus Russland, Argentinien, Italien, den USA wollen Informationen über den bayerischen Papst, sein Leben, seinen Werdegang. Und das hält noch Wochen an.

Ratzinger hatte als Glaubenspräfekt nicht immer die Sympathien auf seiner Seite

Die Begeisterung über den deutschen Papst überrascht den Pontifex. „Das war schon auch eine schöne Erfahrung, dass in der Heimat eine echte Freude über die Wahl herrscht“, sagte Gänswein. Schließlich hatte Ratzinger in seiner Zeit als strenger Glaubenspräfekt nicht immer die Sympathien auf seiner Seite. Doch jetzt rollen Sonderzüge voll mit bayerischen Pilgern in die Ewige Stadt, bei Generalaudienzen werden weiß-blaue Fahnen geschwenkt, Blaskapellen sind allenthalben auf dem Petersplatz zu hören. Der Weltjugendtag im August 2005 in Köln wird zu einem Benedikt-Festival. Auch der Heimatbesuch Ratzingers vom 9. bis 14. September 2006 ist ein riesiges Fest. Unvergessen die Feier an der Mariensäule mitten in München am 9. September, der Gottesdienst mit 250 000 Gläubigen am Tag darauf auf dem Messegelände.

Spätestens im Januar 2009, als der Papst eine Versöhnung mit den traditionalistischen Piusbrüdern anstrebt – darunter Bischof Williamson, der den Holocaust leugnet –, kühlt die Begeisterung der Massen ab. „Wir sind Papst“, die Boulevard-Schlagzeile vom Tag nach der sensationellen Wahl, ist vier Jahre später Geschichte. Die Hosianna-Rufe sind verstummt, jetzt wächst die Kritik am deutschen Papst.

Nach noch schwierigeren Jahren, als dem Papst von seinem Kammerdiener geheime Unterlagen vom Schreibtisch gestohlen werden („Vatileaks-Skandal“), als der Missbrauchsskandal 2010 die Kirche erschüttert, undurchsichtige Geldgeschäfte für Schlagzeilen sorgen, da merkt Benedikt – inzwischen 86 Jahre alt –, dass er nicht mehr die Kraft für das schwierige Amt hat. Sein spektakulärer Rücktritt am 11. Februar 2013 (ausgerechnet am Rosenmontag) nach sieben Jahren, zehn Monaten und neun Tagen auf dem Stuhl Petri verschafft ihm aber großen Respekt weltweit. Benedikt entmystifiziert das Papstamt. Er ist das erste Kirchenoberhaupt seit dem Mittelalter, das diesen Schritt wagt. Nach ihm müssen Päpste nicht mehr bis zum Lebensende im Amt bleiben. Benedikts Rücktritt macht den Weg frei für seinen Nachfolger, den Argentinier Jorge Mario Bergoglio, der seit dem 13. März 2013 als 266. Papst versucht, Kirche und Vatikan zu reformieren.

Papst Benedikt XVI. lebt inzwischen verborgen - und spricht über den Tod

Inzwischen lebt Benedikt XVI. mehr oder weniger verborgen im Kloster Mater Ecclesiae im Vatikan. Hin und wieder lädt Franziskus ihn zu größeren Feiern ein. „Vater Benedikt“ geht es gut – entsprechend seinem hohen Alter. Er geht spazieren, inzwischen aber mit Hilfe eines Rollators. Er liest viel, spielt wieder mehr Klavier – vor allem Mozart. „Wenn er abends noch ein wenig in die Tasten greift, dann war es ein guter Tag“, weiß Gänswein. „Sein Kopf funktioniert bestens, sein Gedächtnis ist ausgezeichnet“, sagt Gänswein.

Schreibt er noch? Nein, nur private Korrespondenz. Immer wieder sprechen ihn Menschen darauf an, dass er nun doch Zeit zum Schreiben habe. „Wenn ich die Kraft hätte zum Schreiben, dann hätte ich selbstverständlich nicht auf das Amt verzichtet. Ich habe nicht verzichtet, damit ich schreiben kann und den Rücken frei habe, sondern weil ich einfach keine Kraft mehr habe“, erwidere Benedikt dann. Vor kurzem gab es einen dpa-Bericht, dass sich Papst Benedikt auf den Tod vorbereitet.

Den 10. Jahrestag seiner Papstwahl wird Benedikt morgen ruhig verbringen. Mit seinem Bruder, den ihn versorgenden Ordensschwestern und seinem Sekretär. Vielleicht schaut aber Franziskus vorbei? „Er wird sich selbstverständlich in irgendeiner Form rühren. Den Tag wird er nicht so vorbeigehen lassen“, ist Gänswein überzeugt.

Claudia Möllers

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