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519 Kilometer bis Padua will Tony Seidl auf seinem Liegefahrrad zurücklegen. Er hat es sich selbst versprochen

Altöttinger lebt mit der Krankheit 

Trotz Parkinson: Tony Seidl radelt bis nach Padua

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Altötting - Tony Seidl wird sich am Samstag auf sein Fahrrad setzen und ein Versprechen einlösen. Er hat es sich vor einer OP am offenen Hirn gegeben. Seidl ist an Parkinson erkrankt und hat es geschafft, damit zu leben.

Er wollte sie feuerrot. Rot wie Kraft. Rot wie Lebensmut. Und rot, damit niemand es schafft ihn zu übersehen. Also hat Tony Seidl Haare gefärbt. „Ich habe gehofft, dass die Leute sich nach mir umdrehen. Dass sie vielleicht lächeln müssen wegen der roten Haare.“ Denn er weiß: Ein Lächeln, das ist was wert im Leben. Das kann einem helfen an sich zu glauben. Oder etwas zu bewegen.

Vorerst einmal will Tony Seidl sich selbst bewegen. Und zwar 519 Kilometer – bis ins italienische Padua. Per Fahrrad. In knapp zwei Wochen will er am Grab seines Namenspatrons Anton von Padua stehen. Diese Tour plant er seit genau zwei Jahren. Er hat an einem Tag damit begonnen, als er nicht einmal mehr die Kraft hatte, 50 Meter zu gehen.

An seinem 48. Geburtstag ging es Tony Seidl so schlecht, dass es keine Alternativen zum Kämpfen mehr gab. Er lag auf einem Operationstisch im Klinikum Großhadern und versprach sich selbst, mit dem Rad nach Italien zu fahren – wenn alles gut geht.

Die Symptome kamen langsam

Tony Seidl ist 38, als ihn die Diagnose völlig unvorbereitet trifft. Er ist verheiratet, beruflich erfolgreich, gerade Vater einer Tochter geworden. Die Symptome kommen langsam. Erst fühlt er sich unwohl, dann zittert die Hand, einfache Tätigkeiten fallen ihm plötzlich schwer. Er denkt es sind Verspannungen, schiebt es auf den Stress in der Arbeit. Irgendwann kann er seine Oberlippe nicht mehr kontrollieren. Erst da stellen die Ärzte fest, was er hat: Parkinson. „Ich dachte, das kann doch nicht sein. Das ist doch eine Krankheit für ältere Menschen.“

Der Mann mit den feuerroten Haaren: Tony Seidl hat sie absichtlich so gefärbt. Rot steht für Lebensmut, sagt er.

Die Krankheit schreitet schnell und aggressiv voran. Tony Seidl muss starke Medikamente nehmen, braucht einen Gehstock, dann einen Rollator. Dann einen Rollstuhl. Seine Arbeit als Abteilungsleiter für Telekommunikation in einem mittelständischen Betrieb wird unmöglich. Er muss in Frührente gehen. Mit 45. Er ist zu schwach, um allein in den Keller zu gehen, kann kaum noch sprechen. Um den Rasen zu mähen braucht er vier Tage.

Tony Seidl kann nicht akzeptieren, was mit seinem Körper passiert. Er beginnt im Internet zu recherchieren und stößt schließlich auf eine Behandlungsmöglichkeit: die Tiefe Hirnstimulation – kurz THS. Ein neurologischer Eingriff am offenen Hirn ist dafür nötig. Eine Art Schrittmacher des US-Medizintechnikherstellers Boston Scientific wird implantiert. Über dünne Kabel sendet er leichte elektrische Signale an Elektroden in bestimmte Bereiche des Gehirns. Das soll die Symptome der Krankheit lindern. Die Ärzte machen ihm trotzdem keine Hoffnungen, dass er sein eigenes Versprechen einlösen könne. Undenkbar, sagen sie.

"Mein Zustand hat sich von Tag zu Tag verbessert"

Schon am Tag nach der OP merkt Seidl, dass seine Hand nicht mehr so stark zittert. „Mein Zustand hat sich von Tag zu Tag verbessert.“ Er ist noch nicht einmal von der Kur zurück, als er mit den Vorbereitungen für die Tour nach Padua beginnt. „Das hat mir Kraft gegeben“, sagt er heute – kurz bevor er in seiner Heimatstadt Altötting starten wird.

Knapp 70 Kilometer pro Tag will er zurücklegen. Und er will Menschen mit derselben Krankheit unterwegs treffen. Die Europäische Parkinson Vereinigung hat ihm dabei geholfen, die Treffen mit Selbsthilfegruppen auf seiner Route zu organisieren. Tony Seidl will sich mit ihnen austauschen – über die Krankheit, über Therapien. „Das hat mir damals sehr gefehlt.“ Er will Mut machen– etwas bewegen. Mehr als sich selbst über die Alpen.

"Ich bin stärker geworden"

Am Samstag ist Tony Seidls 50. Geburtstag. Doch der Mann, der heute auf das Liegefahrrad steigt, ist nicht mehr derselbe, der damals die Diagnose bekam. „Ich bin stärker geworden.“ Seine Krankheit hat ihn stark gemacht. „Es gibt Tage, an denen ich sie sogar als großes Glück bezeichne“, sagt er. „Ich hätte mich in meinem Beruf sonst kaputtgearbeitet.“

Vielleicht wird er eines Tages wieder arbeiten. Aber dann, sagt er, wird die Arbeit einen anderen Stellenwert haben. Für Tony Seidl sind es andere Dinge im Leben, die jetzt zählen. Seine Familie, seine Freunde, sein Versprechen. Und die ganz kleinen Dinge. Zum Beispiel, wenn sich jemand nach ihm umdreht und wegen seiner feuerroten Haare schmunzelt.

Der Altötting hat einen Blog eingerichtet, auf jeder seine Tour nach Padua mitverfolgen kann.

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