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Zahlreiche Medikamente in Deutschland könnten ihre Zulassung verlieren, weil die Tests in Indien manipuliert wurden. Die Patienten sind verunsichert.

80 Arzneien in Deutschland gestoppt

Medikamentenskandal: Viele sind verunsichert

München - Nach dem Medikamentenskandal dürfen in deutschen Apotheken 80 Arzneimittel nicht mehr verkauft werden. Obwohl es keine Hinweise auf gesundheitliche Risiken gibt, sind viele Patienten besorgt.

Die Abendnachrichten haben Johann Engels (Name geändert) vergangene Woche eine Menge Nerven gekostet. Über das Fernsehen erfuhr der Mühldorfer, dass auch das Medikament, das seine neunjährige Tochter seit drei Jahren wegen Epilepsie einnimmt, unter den Präperaten ist, die von dem Medikamentenskandal betroffen sind. Levetiracetam Beta 250 mg. Es wird von dem Augsburger Pharma-Unternehmen Betapharm hergestellt – und ist eines der 80 Generika, die in deutschen Apotheken nicht mehr verkauft werden dürfen, seit vor einigen Tagen herauskam, dass die Zulassungsstudien der indischen Firma GVK Biosciences gefälscht waren.

GVK Biosciences ist eines der größten Unternehmen für Auftragsforschungen in Asien, es hat bereits für viele weltweit agierende Pharmakonzerne Studien durchgeführt. Das Bundesinstitut für Arnzeimittel und Medizinprodukte (BfArM) hatte 176 Zulassungen von ingesamt 28 pharmazeutischen Unternehmen geprüft – und danach 80 zurückgerufen. Unter den betroffenen Präparaten sind Medikamente gegen hohen Blutdruck, Migräne, Depressionen, Mittel zur Vorbeugung von Herzinfarkt – und Mittel gegen Epilepsie.

Johann Engels rief direkt nach der Nachrichtensendung im Klinikum Vogtareuth an, wo seiner Tochter das Medikament verschrieben wurde. „Die diensthabende Ärztin wusste nicht, dass das Medikament nicht mehr verkauft werden darf“, erzählt er. Das hat den Familienvater noch nervöser gemacht, als er sowieso schon war. Er hat noch am selben Abend bei Betapharm in Augsburg angerufen – und ein E-Mail mit Rückrufbitte geschrieben, nachdem telefonisch niemand mehr erreichbar war. Den Rückruf bekam er am nächsten Tag. Die Mitarbeiterin von Betapharm versicherte ihm, dass es bei den betroffenen Generika lediglich um das Zulassungsverfahren gehe – es gebe keinerlei Hinweise, dass die Medikamente gesundheitsgefährdend sind. „Schriftlich wollte sie mir das allerdings nicht geben“, erzählt Engels.

Erst als der besorgte Vater in der Apotheke und von seinem Hausarzt dieselbe Auskunft bekam, war er beruhigt. Trotzdem kann Engels nicht verstehen, dass es bis jetzt noch keine Stellungnahme auf der Internetseite von Betapharm gibt. Auch eine Auskunft, ob das Unternehmen bereit sei, für die betroffenen Medikamente neue Studien durchführen zu lassen, war von dem Augsburger Pharmahersteller gestern nicht zu bekommen. Allerdings hat Betapharm – genau wie zwei andere Pharma-Unternehmen – gegen den BfArM-Bescheid inzwischen Beschwerde eingelegt. Solange diese Beschwerde geprüft wird, sind die betroffenen Betapharm-Präparate wieder auf dem Markt erhältlich.

Das Hin und Her macht es den Apothekern nicht leichter, den Überblick zu behalten. „Wir werden in einen Streit vieler Beteiligten hineingezogen“, sagt Thomas Metz, Sprecher des Bayerischen Apothekerverbands. Sie müssen täglich auf der aktualisierte Medikamenten-Liste auf der BfArM-Homepage (www.bfarm.de) nachsehen, welche Medikamente sie nicht mehr verkaufen können. „Wir können die Patienten nur über die Ärzte und Apotheker informieren“, sagt BfArM-Sprecher Maik Pommer. Das Bundesinstitut rät allen Betroffenen, ihre Medikamente nicht eigenmächtig abzusetzen, sondern sich bei ihren Hausärzten oder Apothekern Rat zu holen.

Aber Pommer betont: Es gibt keinen Grund zur Panik. Es handle sich bei allen Präparaten nicht um Wirkstoffe, die neu getestet wurden, sondern um solche, deren Wirkung und Sicherheit schon länger bekannt ist. Das Risiko könnte im schlimmsten Fall darin bestehen, dass die Generika weniger stark oder nicht so schnell wirken, wie die Originale – das wäre aber längst aufgefallen. Das BfArM bekommt jeden Tag 50 bis 100 Anfragen von besorgten Patienten – und hat deshalb auf der Internetseite die wichtigsten Informationen zusammengestellt. Doch Pommer räumt ein: Die meisten Nachfragen müssen wohl die Apotheker beantworten. Wie lange noch, das kann auch Apothekersprecher Metz nicht abschätzen. „Ich kann mich an keinen vergleichbaren Fall erinnern“, sagt er.

Katrin Woitsch

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