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Aschauer Original: Paul Kink hat sich einen Nachbau des Gipfelkreuzes in den Garten bauen lassen. Davor steht er gerade. Das echte Kreuz ist auf der Kampenwand.

Wahrzeichen auf Kampenwand beschützt den ganzen Chiemgau

Das Kreuz seines Lebens

  • Stefan Sessler
    VonStefan Sessler
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Paul Kink, 88, hat vor 70 Jahren ein tonnenschweres Trumm auf die Kampenwand gehievt. Das Gipfelkreuz beschützt heute den ganzen Chiemgau. Kink sagt: „Des war a Spezialarbeit, des muass i scho sogn.“

Aschau – Es gibt Dinge, die begleiten einen ein ganzes Leben lang. Es können Höchstleistungen sein, Katastrophen, Zufälle, es kann die Liebe sein. Bei Paul Kink, 88, ist es ein Kreuz. Ein Gipfelkreuz. Das größte in den Bayerischen Alpen.

Er hat es auf den Berg gebracht, mit Köpfchen, zwei Muli und der Kraft seiner Hände. Es war, wenn man so will, ein bayerischer Kreuz-Zug. Ein Kraftakt auf 1664 Metern überm Meer.

Sie hatten keinen Strom, sondern nur ihre Muskeln

Von seinem Haus in Aschau, Höhenberg 3, wo seine Familie seit Generationen ein Ausflugscafé betreibt, muss man vielleicht zwanzig Meter vor auf die Wiese gehen, dann sieht man sie – die Kampenwand. Die schroffe Königin des Chiemgaus. Mit dem eisernen Gipfelkreuz auf dem Ostgipfel. Kinks Kreuz, zwölf Meter hoch, 54 Zentner schwer. Es wacht über ihn. Seit fast 70 Jahren jetzt schon.

Der Mann mit dem weißen Rauschebart und der speckigen Lederhose, der jeden sofort duzt, sitzt in seiner Stube, trinkt einen Schluck Helles aus der Flasche und schaut zum Fenster raus Richtung Berge. „Heid sigd ma nix“, sagt er. „Nebel.“

Mittags um 12 Uhr stand das zwölf Meter hohe Gipfelkreuz am 24. September 1950.

Vor ihm auf dem Tisch liegen Fotos von damals, vom Transport des Eisenkreuzes. Männer mit Lederhosen und weißen Hemden, die ein Mordstrumm Eisen mit zwei Muli transportieren. Männer, die zehn Meter lange Eisenteile an den senkrechten Felsen vorbei auf den Gipfel hieven. Männer, die mit Schaufeln das Fundament in den Fels graben, ohne Strom, ohne Kompressor. „Ich bin der Letzte vom Transport nauf, der noch lebt“, sagt Paul Kink. „Vor zwei Jahren ist der Vorletzte gestorben.“

Der letzte Einheimische, der bei dem Abenteuer dabei war 

Er ist der letzte Einheimische, der bei dem verrückten, unendlich mühsamen Abenteuer dabei war. „Das Kreuz ist damals in Höslwang gebaut worden“, sagt Kink. „Die Idee hatten ein gewisser Hell und sein Nachbar.“

Josef Hell war Schmiedemeister. Sein Nachbar Franz Schaffner, der im Winter 1947 aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt war, machte eines Tages eine Bergtour zur Kampenwand. Dort entdeckte er ein kaputtes, hölzernes Gipfelkreuz irgendwo zwischen den Felsen, in das der Blitz gefahren war. Es war den Gefallenen des Ersten Weltkriegs gewidmet.

Schaffner ließ dieser Anblick nicht mehr los. Der Schreiner wollte das Kreuz erneuern – mit Eisen. Hell und Schaffner ließen statische Berechnungen machen, sie warben bei den Gemeinden in der Region für ihr Projekt und sie bauten ein Miniatur-Modell des Kreuzes, damit man sich im Tal vorstellen konnte, was sie auf dem Gipfel planten. Irgendwann begann Josef Hell zu schweißen, er war damals 65 Jahre alt. Er benutzte Alteisen, vor allem auseinandergeschnittene Sauerstoffflaschen. Der Sockel des Kampenwand-Kreuzes besteht heute noch aus Stahlplatten eines zerlegten Panzers. 2000 Arbeitsstunden, heißt es, hat der Schmied gebraucht.

Der Aufbau geht voran: (v.l.) Franz Schaffner, Herrmann Hell und Schmied Josef Hell balancieren auf dem Kreuz.

„Manche Einheimische“, sagt Kink in seiner Stube, „haben gsagt, dass des ned zum schaffen ist.“ Sie waren skeptisch, ob man so ein gigantisches Kreuz mit dem Almkarren überhaupt den vielleicht 1,20 Meter breiten Kampenweg hochbringt. Allein der Mittelbalken wiegt 600 Kilo.

Kink: „Des war a schwierige Gschicht“

Die Kinks hatten damals einen kleinen Fuhrbetrieb, sie haben mit ihren Muli Bergtransporte zu den Almen in der Gegend gemacht, manchmal haben sie auch Holz transportiert. Die beiden Höslwanger Kreuzmacher wussten das, man kannte sich. „Wir saßen unten zusammen“, erzählt Paul Kink und deutet zum Nebengebäude. „Da haben sie mich und den Vater gefragt, ob wir das Kreuz zur Kampenwand bringen können.“ Die Kinks haben Bedenkzeit erbeten. „Man hat da nicht gleich zusagen können“, sagt Paul Kink. „Weil des war a schwierige Gschicht.“

Schließlich haben sie zugesagt, Stundenlohn eine Mark. Plus fünf Mark pro Zentner Last. Ab der Steinlingalm, wo es besonders steil wurde, haben die Fuhrleute 1,10 Mark bekommen. „Gefahrenzulage“, sagt Paul Kink und lacht. Aber natürlich war es ernst.

Er war damals 19 – und er wird die Tage am Berg nie vergessen. Startpunkt war am Bahnhof Aschau. Sie hatten vorne ein Muli und hinten ein Muli – wie bei einem Langholzfuhrwerk. Serpentine für Serpentine meisterten die Kinks und ihre Helfer. „Wir haben den ganzen Tag gebraucht bis zur Steinling-alm“, sagt Kink. Dort haben sie durchschnaufen und die eine oder andere Halbe Bier trinken können.

Der Transport des Kreuzes, 1949: Paul Kink hat mit seinem Vater die Muli geführt. Stundenlohn: eine Mark.

Noch heute sagt Kink: „Des war irgendwie a scheener Auftrag, man hat gwusst, warum man es macht.“ Weil man der ganzen Region ein Denkmal schenkt. Von der Alm schafften sie Stück für Stück zum Gipfel. Die Männer bauten einen Seilzug, der mit einem Motor verbunden war. Sie wuchteten das Material teilweise frei schwebend zum Gipfel. Rechtzeitig vorm Wintereinbruch waren sie fertig. Es lief ohne Zwischenfälle, ohne Unfälle, nur einmal hat der Motor der Seilwinde Feuer gefangen. Paul Kink hat das Feuer gelöscht. „Am Ende“, sagt er, „hob i mei Joppn drübergworfen.“

Am 70. Geburtstag war er zum letzten Mal auf dem Gipfel

Nach der Schneeschmelze gingen die Arbeiten im Sommer 1950 weiter. Aber da war Kink nicht mehr dabei, er musste im Tal arbeiten. Im September 1950 haben sie das Kreuz aufgerichtet, tausende Menschen haben zugeschaut. Im Sommer 1951 wurde das Chiemgau-Kreuz mit einer Gedenkmesse offiziell eingeweiht. 3000 Menschen aus dem Chiemgau waren dabei.

Paul Kink trinkt noch einen Schluck Bier. Dann erzählt er, dass er schon lange nicht mehr oben war. „Zuletzt am 70. Geburtstag.“ Er muss den weiten Weg zum Gipfel auch gar nicht mehr auf sich nehmen – denn er hatte vor zehn Jahren eine Sensationsidee. Er hat sich ein zwei Meter hohes Miniaturmodell des Kreuzes in den Garten bauen lassen. „Gewidmet den Gefallenen des Chiemgaus“ steht oben auf dem Kreuz. Unten bei Kink steht „Chiemgau Kreuz“, ansonsten geht es als perfekter kleiner Bruder durch. Ein Schmied aus Aschau hat das Kreuz geschmiedet.

Einmal im Jahr hat das Mini-Kreuz seinen großen Auftritt. Kink ist Mitglied beim Trachtenverein Edelweiß. Immer wenn Trachtenfest ist, nimmt er es aus der Verankerung, stellt es auf den Festwagen und setzt sich daneben. Es ist ein Gipfelkreuz zum Mitnehmen, ein Stück Heimat to go.

Auf so eine Idee muss man erst mal kommen. Aber wer als junger Mann ein haushohes Kreuz auf den höchsten Berg, den er finden kann, schleppt, der ist auch im Alter für den einen oder anderen Kracher gut. Der kann gar nicht anders. Gut so.

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