Sepp Daxenberger

Pendler zwischen den Welten

Waging – Nach den Strapazen der Landtagswahl wollte Sepp Daxenberger kürzer treten. Es blieb ein Wunsch: Daxenberger zog als Grünen-Fraktionschef ins Maximilianeum. Wie er trotz seiner Krankheitsgeschichte den 60-Stunden-Job bewältigt – ein Hofbesuch in Waging am See.

Im Frühjahr gab es einen Morgen, da hat er seine Entscheidung bereut. „I hab mi gfragt, ob des net a schwerer Fehler war, den Fraktionschef zu machen“, sagt Daxenberger. Richtig schlecht ging es ihm damals. „Ein Virus nach dem andern hat mi niedergworfen.“ Unter Journalisten kursierten schon Gerüchte, der Krebs sei zurückgekehrt. Dann kam endlich der Frühling – und Daxenberger wieder zu Kräften. „Seitdem geht’s mir guad.“

Das sieht man auch. Braungebrannt sitzt Daxenberger am Küchentisch. Dunkle Stoffhose, helles Hemd, die Ärmel hochgekrempelt. Seine Kleidung passt nicht zur rustikalen Bauernküche. Daxenberger wirkt wie ein Gast im eigenen Haus. Er ist mal wieder auf der Durchreise. „Meine Familie is nix anders gwohnt.“ Der 47-Jährige spricht Dialekt, nicht nur am Küchentisch.

Daxenberger hat am Nachmittag einen Bauernhof in Obing (Kreis Traunstein) besucht. Kinder aus München lernen dort, wie zum Beispiel aus Milch Käse entsteht. Gleich fährt er zu den Grünen nach Teisendorf, um über Milchpreise und Gentechnik zu diskutieren. Sein blauer Arbeitsoverall bleibt im Schrank. Heute ist Daxenberger Politiker, morgen wird er wieder auf seinem Traktor sitzen, Gülle ausfahren oder Heu wenden.

Spitzen-Politiker und Öko-Bauer – Daxenberger wechselt oft mehrmals täglich die Rollen. „Das ist alles eine Frage der Organisation“, sagt er. Doch Krankheiten lassen sich nicht planen. Sie bringen ein Leben von heute auf morgen aus den Fugen. Das hat Daxenberger vor sechs Jahren erlebt.

Im Dezember 2003 entdecken Ärzte bei ihm Morbus Kahler, eine Mischung aus Blut- und Knochenkrebs. Daxenberger ist damals Bürgermeister in Waging. Die Nachricht trifft ihn mitten in seiner zweiten Amtszeit. Fast ein Jahr dauern Chemo- und Stammzellentherapie. Morbus Kahler ist unheilbar, die Krankheit lässt sich nur stoppen. Ende 2004 geht es ihm besser. Anfang 2006 kehrt der Krebs zurück. Wieder Bestrahlung. Daxenbergers Immunsystem wird zerstört, damit es fremde Stammzellen annimmt. Die Therapie zeigt Wirkung, im Herbst 2006 ein neuer Rückschlag: Sein geschwächter Körper hat sich mit dem Epstein-Barr-Virus infiziert.

„Es ging mir damals richtig dreckig“, erinnert sich Daxenberger. Er ist abgemagert, fühlt sich müde und abgeschlagen. Nach Jahren zwischen Hoffnung und Bangen ist er am Tiefpunkt angelangt: „Es gab Tage, da hab i mia dacht: Wenn i jetzt einschlaf und net wieder aufwach, dann wär’s mir a recht.“ Daxenberger spricht offen über diese dunklen Momente. Es ist seine Art, mit der Angst umzugehen. Die Angst, dass der Krebs jederzeit wieder ausbrechen könnte. „I kann net den ganzen Tag daheim sitzen und jammern. I will noch viel bewegen.“ Zumindest eine Mission ist seit letzten Herbst Realität – die absolute Mehrheit der CSU in Baern gebrochen. Fünf Parteien sitzen jetzt im Landtag. Für die Grünen ist es nicht einfacher geworden. „Bei drei Oppositionsparteien, da wirst leicht überhört.“

Der Grünen-Fraktionschef fremdelt noch ein wenig mit der Arbeit im Landtag: „Es ist mühsamer als gedacht“, gesteht er. „Oft hab i des Gefühl, i arbeit für den Papierkorb.“ In der Gemeinde sei das anders gewesen. „Jede Entscheidung hast gleich gmerkt.“ Die Gemeinde – das ist Waging am See, 6500 Einwohner. Daxenberger kennt fast jeden persönlich. Hier ist er aufgewachsen. Hier hat er als Bürgermeister zwölf Jahre lang Schützenvereinen zum Jubiläum gratuliert, Kindergärten eingeweiht und Senioren im Altenheim besucht. Auch ein Jahr nach seinem Wechsel in den Landtag ist Daxenberger noch Bürgermeister – zumindest in Gedanken. Auf dem Weg zu seinem Hof sprudelt es aus ihm heraus. „Die unscheinbaren Häuschen“, er zeigt auf einige Holzhütten an der Straße, „sind Brunnen. Die ham wir wiederbelebt. Jetzt hat die Gemeinde wieder ihr eigenes Wasser.“ Daxenberger ist stolz. Wenig später eine schmucke Siedlung, typische Reihenhäuser mit Garten und Garage: „Des haben wir für Einheimische geschaffen, 50 Mark der Quadratmeter Grund.“

Hier draußen fühlt sich Daxenberger wohl. Erst am Morgen ist er aus Berlin gelandet. Für den Grünen-Politiker fast eine Weltreise. „I bin jedes Mal froh, wenn i wieder daheim bin“, sagt er. „Daheim“, das ist nicht nur eine Floskel. „Daheim“, das sind vor allem die Menschen. Seit er nicht mehr Bürgermeister ist, hat Daxenberger Angst, sich von ihnen zu entfernen, sein Markenzeichen zu verlieren: die Bodenständigkeit. „Im Landtag kannst dich einmauern, dann kriegst net mit, was draußen passiert.“ Rundgang über den Hof. Elf Kühe hat der Öko-Bauer, 23 Jungtiere, 22 Hektar Land. Ein kleiner Hof. Für einen Spitzenpolitiker, der Montag bis Freitag im Landtag sitzt, groß genug. „Ohne die Familie ging des net.“ Daxenbergers Eltern helfen mit, und auch die Kinder müssen anpacken. „Die beiden Älteren machen grad an Melkkurs.“ Er schmunzelt. „Um fünf Uhr früh müssen sie raus. Des is auch mal net schlecht.“ Die Nachfolge des Hofs ist also gesichert? „Des woaß i net.“ Erstmal will Daxenberger ausbauen.

„Wir brauchen einen neuen Stall.“ Im Kopf ist alles schon fertig. Er skizziert in der Luft den neuen Bau. Daxenberger strotzt vor Tatendrang, am liebsten würde er gleich mit dem Spaten losziehen. Doch es gibt einen Termin im November, der jede Planung zunichte macht. Er muss wieder ins Krankenhaus.

„Weil es mir grad guad geht, bekomm i im Herbst Blutblättchen transplantiert.“ Daxenberger sagt das, als wäre es etwas ganz Normales, wie ein Routinebesuch beim Zahnarzt. Die Ärzte wollen sein geschwächtes Immunsystem stärken. Ob dies gelingt, ist ungewiss. Die Erfolgsaussicht liegt bei 30 Prozent. Sicher ist nur eines: Die Behandlung verursacht heftige Nebenwirkungen. „Es trifft die größten Organe, erst die Haut, dann den Darm. Es kann gut sein, dass i sechs bis acht Wochen von der Bildfläche verschwind.“ Angst vor neuen Schmerzen? „Je näher der Termin rückt, umso mulmiger wird einem“, gesteht Daxenberger. „Aber i bleib Optimist. Man derf si net unterkriegen lassen.

Steffen Habit

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