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„Personallockdown verhindern“: Chef des Gaststättenverbands über die Krise

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Von: Carina Zimniok

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Thomas Geppert, Chef des Hotel- und Gaststättenverbands, beunruhigt die Personalkrise.
Thomas Geppert, Chef des Hotel- und Gaststättenverbands, beunruhigt die Personalkrise. © Nicolas Armer/dpa

Wieder in die Lieblingsbar gehen, mal ins schicke Restaurant, einen Ausflug machen – seit einigen Wochen ist das wieder normal – das Gastgewerbe hofft auf jede Menge Gäste im Sommer. Doch die Branche hat ein Problem: Es fehlen tausende von Arbeitskräften. Ein Interview mit Thomas Geppert, dem Chef des Hotel- und Gaststättenverbands.

Wie dramatisch ist der Personalengpass in der Gastronomie?

Viele Betriebe können Aufträge nicht mehr annehmen. Endlich finden wieder Veranstaltungen statt – aber es gibt kein Personal. Die Gastronomen führen zusätzliche Ruhetage ein, streichen Angebote wie Mittagstisch. Das ist bitter, weil jetzt eine Phase der Erholung sein sollte. Jetzt müsste der Umsatz gemacht werden, um die Betriebe nach den Corona-Einbußen wieder zu sanieren.

In welchen Bereichen ist es besonders schlimm?

Der Koch wurde auch vor der Pandemie schon gesucht. Aktuell ist vor allem der Service betroffen. Von Februar 2019 auf 2020 haben wir 8,5 Prozent der Festangestellten verloren, auch bei den Aushilfen. Die waren da, um flexible Spitzen abzudecken. Zum Beispiel im Biergarten: Die Sonne scheint, der Biergarten ist voll, man braucht Leute.

Wo sind die denn alle hin?

Für die Aushilfen gab es kein Corona-Kurzarbeitergeld. Die Deutsche Bahn hat massiv abgeworben, sogar Prämien bezahlt. Viele sind in den Einzelhandel gegangen und zu Impfzentren oder Teststationen. Die immerhin kommen langsam wieder zurück. Bei uns schlägt auch die Demografie zu: Viele Ältere sind in den Ruhestand gegangen.

Sie haben während der Lockdowns auch geholfen, zum Beispiel in die Pflege oder an Spargelbauern zu vermitteln. War das ein Fehler?

Nein. Wir haben uns als Teil der Lösung gesehen. Aber wir haben jetzt wirklich ein Arbeitskräfteproblem, wir müssen einen Personallockdown verhindern.

9-Euro-Ticket, Reisechaos, Hitzewelle und Ukraine-Krieg: Corona ist derzeit Nebensache. Beendet ist die Pandemie allerdings nicht. Wie ist der aktuelle Stand?

Bayern: Gastgewerbe fehlt 10 bis 15 Prozent Personal

Wie viele Stellen sind denn offen?

Wir sprechen von 10 bis 15 Prozent. Vor Corona waren es in unserer Branche 447 000 Erwerbstätige. Das Problem ist, dass wir die reinen Zahlen gar nicht haben. Viele Betriebe melden ihre offenen Stellen gar nicht mehr ans Arbeitsamt. Die machen die Erfahrung, dass das eh nichts bringt.

Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus?

Wir versuchen stark, dass wir wieder Auszubildende anwerben. Wir konnten wegen Corona auch nicht in die Schulen reingehen. Bei den Azubis haben wir acht Prozent verloren.

Was ist mit Studenten, die sich ihr Studium finanzieren?

Das wären auch klassische Aushilfen. Aber die Universitäten waren auch im Lockdown, viele Studenten wohnen noch bei den Eltern und gehen per Videoschalte in die Vorlesung. Es dauert, bis dort wieder Normalzustand herrscht.

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Personalmangel auch beim Oktoberfest? „Auch da wäre noch Luft nach oben“

Haben die Wiesn-Wirte schon genügend Bedienungen und Kellner?

Als das grüne Licht für die Wiesn kam, gab es viele Anfragen – aber auch da wäre noch Luft nach oben. Das hören wir auch von anderen Volksfesten. Wir brauchen Leute, die anpacken! Das gilt für alle Bereiche.

Was ist die Lösung? Ausländische Arbeitskräfte?

Die Planungsunsicherheit, ob es wieder zum Lockdown kommt, hinterlässt Spuren. Wir konnten im Herbst keine Leute aus Drittländern oder aus dem europäischen Ausland anwerben. Wir haben angeboten, dass wir auch ukrainische Flüchtlinge integrieren.

Aber so einfach ist es ja auch nicht – ein Kellner muss zumindest ein wenig Deutsch verstehen, oder?

Wir waren schon immer die internationalste Branche überhaupt. Aber klar: Ukrainische Flüchtlinge müssen schnell die Möglichkeit haben, die Sprache zu lernen. Eine weitere Herausforderung: Weil die ukrainischen Flüchtlinge Hartz IV bekommen, bekommen sie keinen Deutsch- und Integrationskurs mehr bezahlt, wenn sie arbeiten. Das ist natürlich das falsche Signal.

Ihren Betrieben fehlt das Personal – und dann liest man von Flüchtlingen, die abgeschoben werden, obwohl sie in Oberbayern ausgebildet wurden und fester Bestandteil der Firmen sind. Ist das logisch?

Das ist die Zweischneidigkeit. Die Politik will keine Pull-Effekte erzeugen, andererseits wollen wir sie beschäftigen. Es wird schwierig, eine Pauschal-Lösung zu finden. Klar ist: Unser Fachkräftezuwanderungsgesetz muss geändert werden. Wir brauchen nicht nur Ingenieure, sondern auch einfache Arbeitskräfte.

Interview: Carina Zimniok

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