Der Autor Helmut Berschin ist emeritierter Professor für Romanistik. Er lebt in Regensburg und Tutzing.

Begriffe, die zu Antiquitäten wurden

Pfennig, Springinkerl, Harnisch: Wie Wörter verschwinden

München - Lebst du a no? Das sagt man, wenn man einen vergessenen Bekannten trifft. Aber so kann’s einem auch gehen, wenn man auf ein fast vergessenes Wort trifft. Auf den „Anstandswauwau“ zum Beispiel. Auch Wörter können verschwinden. Warum? Das lesen Sie hier.

Moderne Romane beginnen gern am Telefon. Zum Beispiel „Angstblüte“ (2006) von Martin Walser:

Es war Gundi. Sie klang, als sei jemand in der Nähe, der nicht hören dürfe, was sie sagt. Man sah förmlich, wie sie den Kopf senkte, um Mund und Hörer möglichst dicht zusammenzubringen.

Gundi hat noch ein traditionelles Telefon (amtlich: Fernsprechtischgerät), mit Wählscheibe und abnehmbarem Hörer. Im Unterschied zu Walser (Jahrgang 1927) stattet der fast 50 Jahre jüngere Daniel Kehlmann seine Figuren auf dem Stand der Technik aus: „Noch bevor Ebling zu Hause war“, lautet der erste Satz des Romans „Ruhm“ (2009), „läutete sein Mobiltelefon“. Weiter: „Zögernd hob er ab.“ Und schließlich: „Ebling legte auf und steckte das Telefon in die Jackentasche.“

Aber hat das Handy einen Hörer, den man bei Annahme eines Gesprächs abhebt und bei Beendigung auflegt? Nein, genau so wenig, wie der neue Chef, der die Zügel anzieht, ein Pferd reitet. Die Wörter abheben und auflegen sind bei einem Handytelefonat nicht wörtlich zu verstehen, sondern bildlich, im übertragenen Sinn. Der Sprachgebrauch ist hier noch im Fluss – neben „Ebling legte auf“ schreibt Kehlmann auch „Er drückte die Auflegetaste“ –, aber ein Kind sagt ohne weiteres zu seiner Mutter, die auf ein Handyklingeln nicht reagiert: Heb ab!

„Sprache ändert sich“, heißt es. Das stimmt, aber nur auf sehr lange Sicht. Verglichen mit dem sozialen oder gar technischen Wandel ist das Tempo des Sprachwandels ungemein langsam. Die Grammatik der deutschen Sprache hat sich seit Goethe, der 1832 starb, nur unwesentlich verändert, ebenso das Lautsystem: Die Stimme des 74-jährigen Reichskanzlers Bismarck, die auf der vermutlich ältesten Tonaufzeichnung der deutschen Sprache zu hören ist (7. Oktober 1889), klingt mit ihrer leicht berlinerischen hochdeutschen Aussprache wie aus der Gegenwart.

Bleibt der Wortschatz, für den gilt: Neue Dinge erfordern neue Benennungen. Wer heute über 30 Jahre alt ist, konnte als Kind den aktuellen digitalen Alltagswortschatz noch nicht lernen: Handy (Erstbeleg 1989), Smartphone, E-Book (elektronisches Buch), Blog (Tagebuch im Internet), WLAN (kabelloser Internetzugang) und viele mehr. Aber auch bekannte Dinge werden manchmal neu benannt, um ihnen einen modernen, innovativen Anstrich zu geben: Das Fahrrad heißt dann „Bike“, der Laden wird zum „Shop“, das Gefängnis amtssprachlich zur „Justizvollzugsanstalt“ und das Arbeitsamt zur „Agentur für Arbeit“.

Die vier häufigsten Substantive: Jahr, Zeit, Frau und Mensch

Neue Wörter fallen den Sprechern deshalb auf, weil die Masse ihres Wortschatzes – ein Durchschnittssprecher kennt 20 000 bis 30 000 Wörter – sich nicht verändert. Ändern kann sich allerdings die Häufigkeit, mit der ein Wort in der Sprachgemeinschaft benutzt wird. Zum Beispiel waren um 1900 die vier häufigsten deutschen Hauptwörter (Substantive): Jahr, Herr, Zeit und Frau. Heute sind es: Jahr, Zeit, Frau und Mensch; der „Herr“ ist im Laufe des 20. Jahrhunderts auf Platz 19 zurückgefallen.

Das Wort „Gott“ stand um 1900 auf Platz 11, vor „Welt“ (Platz 13). Die „Welt“ ist auch heute noch ein wichtiges Wort (Platz 14), aber „Gott“ kommt nicht mehr unter den 100 häufigsten Substantiven vor. Die Deutschen reden also wie früher über die Welt, aber weniger über „Gott und die Welt“.

Der Wortschatz einer Sprache ist in ständiger Bewegung: Neue Wörter treten hinzu, bekannte treten ab. Vor 30 Jahren war die Stenotypistin ein verbreiteter Büroberuf; sie nahm ein Diktat in Kurzschrift (Stenographie) auf und tippte dann den Text mit der Schreibmaschine. Die moderne Bürokommunikation hat diesen Beruf überflüssig gemacht, er erscheint nicht mehr in Stellenanzeigen. Die ältere Generation kennt zwar noch das Wort Stenotypistin, verwendet es aber kaum mehr, und so wird es an die Jüngeren nicht weitergegeben. Nach der Sache verschwindet das Wort aus dem kommunikativen Alltag.

Aktuell trifft dieses Schicksal den DDR-spezifischen Wortschatz, der nach der Wiedervereinigung funktionslos geworden ist: Staatsratsvorsitzender (= Staatsoberhaupt der DDR), Kombinat (Großbetrieb eines Industriezweiges), LPG (landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) und viele andere.

Der Autor Helmut Berschin ist emeritierter Professor für Romanistik. Er lebt in Regensburg und Tutzing.

Wörter können aber durchaus die Sache, die sie bezeichnen, gut überleben. Deutschland hat seit fast 100 Jahren keinen Kaiser mehr, das Wort bleibt aber lebendig, weil es sprachlich vernetzt ist: Es kommt in Eigennamen vor (Herr/Frau Kaiser, Kaiserstraße, Kaiserslautern), in Bibelzitaten (Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist), in Märchen, Redewendungen (um des Kaisers Bart streiten) und im übertragenen Sinn von „der Höchste, Beste“: Im Fußball gilt Franz Beckenbauer als „der Kaiser“, und bei einem „Kaiserwetter“ herrscht strahlender Sonnenschein.

Jedes Wort hat seine Geschichte. Neue Wörter können Eintagsfliegen sein – wer erinnert sich noch an das im Zusammenhang mit dem Rücktritt von Bundespräsident Wulff 2012 geprägte Wort wulffen? – oder sich im Wortschatz verankern: Zu online gibt es inzwischen Dutzende von Wortzusammensetzungen (Online-Dienste, Online-Bezahlung, Online-Terminvereinbarung usw.), die das Neuwort in den vorhandenen Wortschatz integrieren.

Alte Wörter erweitern oder verengen ihre Bedeutung, werden häufiger oder seltener. Geht die Häufigkeit gegen Null, kommt es zum Wortverlust. Der Wortverlust hat zwei Ursachen: Entweder verschwindet nach der Sache das Wort – das gilt vor allem für Fachbegriffe aus Handwerk, Technik und Institutionen –, oder es wird durch ein konkurrierendes Wort verdrängt. Bei diesem Wortwettbewerb gewinnt aber nicht immer das Neuwort: So wurde das alte Wort Lehrling im Berufsbildungsgesetz von 1969 amtlich durch Auszubildender ersetzt. Bis heute, fast ein halbes Jahrhundert später, hat sich diese neue Bezeichnung nicht durchgesetzt. Im alltäglichen Sprachgebrauch ist weiter vom „Lehrling“ die Rede, von „Lehrstellen“, „in die Lehre gehen“ und „Lehrgeld (be)zahlen“.

Gewinnt das Neuwort den Wettbewerb, wandert das alte Wort in sprachliche Nischen ab, häufig Redewendungen und Sprichwörter. Es wird sozusagen zur Antiquität (siehe unten), verschwindet aber meistens nicht ganz. Die Bilanz aus Wortgewinnen und Wortverlusten ist deshalb für eine Schrift- und Kultursprache insgesamt positiv.

Für die deutsche Sprache kommt eine digitale Auswertung riesiger Textmengen zu folgender Schätzung: Um 1900 zählte der deutsche Wortschatz 3,7 Millionen lexikalische Einheiten (Wörter); zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind es rund fünf Millionen – ein Drittel mehr.

Diese Begriffe sind zu sprachlichen Antiquitäten geworden

Manche Wörter und Wendungen, die wir kennen, sind aus dem sprachlichen Alltag verschwunden. Ab und zu tauchen sie wie in einem Antiquitätengeschäft wieder auf. Eine kleine Auswahl:

Anstandsdame (auch Anstandswauwau): ältere weibliche Person, die eine junge unverheiratete Frau aus besseren Kreisen begleitete, um sie vor sittlichen Abwegen zu schützen. Kommt seit Mitte des 20. Jahrhunderts nur noch in Theaterstücken vor.

Bauernfänger: Schwindler, dem einfache Leute auf den Leim gehen. Das Wort entstand um 1850 in der Berliner Gaunersprache und meinte ursprünglich die vielen Bauern, die auf Suche nach Arbeit in die Großstadt strömten und dort, besonders am Bahnhof, von Dieben, Trickspielern und falschen Freunden „abgefangen“ und ausgenommen wurden. Die wenigen Landwirte (1 bis 2 Prozent der Bevölkerung), die es noch in Deutschland gibt, fallen auf Bauernfänger nicht mehr herein.

Habe die Ehre! Bairischer Gruß. Neben anderen bairischen Grußformeln (Grüß Gott, Griaß di) zunehmend verdrängt durch das Kontaktsignal Hallo!

Harnisch: Ritterrüstung, im engeren Sinn Brustpanzer; waffentechnisch seit 400 Jahren überholt. Sprachlich noch üblich in Wendungen wie „in Harnisch bringen“ (wütend machen).

Herrenzimmer: Arbeitszimmer des Hausherrn, in das er sich auch zum Rauchen und für Gespräche mit Freunden zurückzog. Im modernen Haushalt wegrationalisiert.

Die Frau hat die Hosen an: Sie führt statt des Mannes das Regiment. Seit dem Mittelalter belegte Redensart mit heute altmodischem Bild; denn die meisten Frauen tragen im Alltag Hosen.

Junggeselle: ursprünglich junger Handwerksgeselle (im Unterschied zum Altgesellen), später noch nicht verheirateter (meist junger) Mann. Wohnte häufig als „möblierter Herr“ zur Untermiete. Ein alter oder eingefleischter Junggeselle galt als hoffnungsloser Fall für Ehe und Familie, eine Junggesellin als irgendwie merkwürdige Person. Heute abgelöst vom Wort Single, das – unabhängig von Geschlecht und Familienstand – eine Person ohne festen Partner bezeichnet.

Kutscher: jemand, der per Kutsche Personen oder Frachten transportierte. Verschwindet seit Anfang des 20. Jahrhunderts, mit der Verbreitung des Automobils, aus dem Straßenbild. Kutscher galten – wie heute Taxifahrer – als unhöflich und ungehobelt. In „Fluchen wie ein Kutscher“ (bairisch: Bierkutscher) hat sich dieses Bild erhalten. Lausbub: frecher, junger Bursche, der immer etwas „anstellt“. Klassisch-bayerische Schilderung in den „Lausbubengeschichten“ von Ludwig Thoma (1907). Heute häufig „schwer erziehbares Kind“, das ärztlich behandelt und pädagogisch betreut werden muss.

Leseratte: ein Kind, das viel und gern liest, auch nachts unter der Bettdecke, damit die Eltern das Licht nicht sehen. Im Internetzeitalter durch das vielfältige Medienangebot bedroht. Ich bin Nichtraucher: Bis in die 1980er-Jahre Entschuldigungsfloskel, wenn jemand nicht am gemeinsamen Rauchen teilnehmen wollte. Heute muss sich der Raucher entschuldigen und ins Freie begeben.

Pfennig: 1871 bis 2001 Bezeichnung für die kleinste Münze der deutschen Währung. In der Euro-Währung abgelöst vom Cent. Erhalten in Wortzusammensetzungen, zum Beispiel „Pfennigfuchser“ (Geizhals), „Pfennigabsätze“ (bei Stöckelschuhen), bairisch „pfenningguad“ (gebraucht, aber noch sein Geld wert), sowie in Sprichwörtern und Redewendungen: „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert“, „keine fünf Pfennig(e) wert sein“ usw.

Schreibmaschine: (elektro)mechanisches Schreibgerät, 1873 erstmals fabrikmäßig hergestellt. Seit den 1980er-Jahren durch den PC ersetzt und museal geworden. Kein Autor setzt sich mehr vor die Schreibmaschine, spannt ein Blatt Papier ein, starrt auf das weiße Blatt und – klapper klapper – beginnt zu tippen.

Springinkerl: bairische Bezeichnung für „sehr unruhiger, unkonzentrierter Mensch“ (vor allem Schulkind). Heute Fall von „Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung“ (ADHS).

Untermieter: bis in die 1970er-Jahre übliche Wohnform für Alleinstehende, besonders Junggesellen. Dann wegen des wachsenden Wohlstands der Vermieter und der gestiegenen Ansprüche der Mieter auslaufend. Wäre aktuell zur Lösung der Wohnungsfrage für Flüchtlinge das einfachste Mittel, zudem ökologisch und integrationsfreundlich.

Ein X für ein U vormachen: täuschen, betrügen. Im Mittelalter wurden die Zahlen mit römischen Ziffern geschrieben, wobei der Buchstabe X für 10 steht und V, das auch den Laut „u“ wiedergab, für 5. Verlängert man die Schenkel des V nach unten, ergibt sich ein X: Aus 5 wird 10 – ein damals beliebter Trick der Wirte beim Anschreiben der Zeche auf eine Kreidetafel.

Von Helmut Berschin

Helmut Berschin ist emeritierter Professor für Romanistik. Er lebt in Regensburg und Tutzing.

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