Vereinbarkeit von Pflege und Beruf

Tabuthema am Arbeitsplatz

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München - Immer mehr Berufstätige kümmern sich um pflegebedürftige Angehörige. Eine Herausforderung für Arbeitnehmer. Aber auch für die Arbeitgeber. Viele Unternehmen tüfteln daher an Konzepten, um ihre Mitarbeiter im Pflege-Notfall zu unterstützen.

Die Pflege von Familienmitgliedern geben Angehörige nur ungern aus der Hand. Nach Angaben des Bayerischen Gesundheitsministeriums werden mehr als zwei Drittel der Pflegebedürftigen zu Hause von ihren Angehörigen versorgt. Für Berufstätige kann der Spagat zwischen Job und Pflege zu einer echten Herausforderung werden. Schon jetzt gibt es in Bayern 330 000 Pflegebedürftige. Tendenz steigend.

„Das Ziel muss es sein, die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf zu fördern“, forderte daher Martin Höhenberger, Amtschef des Staatsministeriums für Soziales und Arbeit, beim Pflege-Kongress der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Die Unternehmen spielen hierbei eine wichtige Rolle. Sie sind indirekt betroffen von den Auswirkungen, die die zusätzliche Belastung auf die pflegenden Arbeitnehmer haben kann. Sie fühlen sich von der ungewohnten Situation oftmals überfordert, worunter unter Umständen die Leistungsfähigkeit im Job leidet. Unternehmen müssten daher Rahmenbedingungen schaffen, um die Angestellten im Fall der Fälle zu unterstützen, vor allem aber zu entlasten, forderte Höhenberger. Ein Konzern, der zeigt wie’s geht, sei die BMW Group.

„Das Thema Pflege ist ein wesentlicher Aspekt für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit unserer Angestellten“, sagte Rudolf Reichenauer, Leiter der Abteilung Arbeitsumfeld und Gesundheit bei BMW. Der bayerische Automobilriese hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Maßnahmen und Konzepte erarbeitet, auf die Betroffene im Pflege-Notfall zurückgreifen können. So geben flexible Arbeitszeiten den Arbeitnehmern den nötigen Freiraum, um sich um ihre Angehörigen zu kümmern. Seit 2012 bietet BMW seinen Angestellten im Rahmen der firmeninternen Familienpflegezeit-Vereinbarung zudem die Möglichkeit, die wöchentliche Arbeitszeit bedarfsorientiert zu reduzieren und individuell zu verteilen. In akuten Pflegefällen können sich Beschäftigte bis zu zehn Tage unbezahlt freistellen lassen. Seit Neuestem steht den BMW-Mitarbeitern auch eine Anlauf- und Beratungsstelle zur Verfügung: die sogenannte Pflege-Couch.

Für den Millionenkonzern BMW ist die Realisierung dieses Angebots kein Problem. Kleinere Unternehmen dagegen hätten mit der finanziellen und personellen Umsetzung dieser Maßnahmen höchstwahrscheinlich zu kämpfen, räumt auch Rudolf Reichenauer ein: „In größeren Unternehmen ist das einfacher, da ist das in der Praxis kein großes Problem.“

BMW sieht sich dafür einem anderen Problem ausgesetzt: Viele potenziell betroffene Mitarbeiter scheuen davor zurück, ihre Sorgen und den Pflegebedarf ihrer Angehörigen ihrem Arbeitgeber gegenüber offen anzusprechen. Reichenauer arbeitet mit seinem Team daher derzeit daran, das „Tabuthema Pflege“ zu „enttabuisieren“ und bestehende Hemmungen abzubauen. Für die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf sei das notwendig. Reichenauer sagte: „Die Mitarbeiter dürfen, müssen und sollen sich öffnen.“

Rubriklistenbild: © dpa

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