Früher war sie Rettungsassistentin und Heilpraktikerin – jetzt kümmert sich Ruth Gerstner um ihre Oma Katharina (90).

Interview zu TV-Beitrag

Frau bald pleite - weil sie ihre Oma pflegt

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München - Ruth Gerstner pflegt ihre Oma Katharina (90). Die braucht ihre Enkelin rund um die Uhr - was die 41-Jährige praktisch in den Ruin treibt. Ein Interview.

Pflege daheim statt im Heim – das fordern Gesundheitspolitiker gerne. Die meisten Pflegebedürftigen werden tatsächlich von ihrer Familie versorgt. Wie belastend das ist, zeigt die Geschichte von Ruth Gerstner. Die 41-Jährige steht vor dem Ruin, weil sie ihre Oma pflegt. An diesem Samstag zeigt die Sendung „Mona Lisa“ (ZDF, 18 Uhr) einen Beitrag über sie. Thema: „Wenn Pflege in die Armut führt“.

Frau Gerstner, sind Sie arm?

Ich habe Schulden und bin bald zahlungsunfähig, aber noch haben wir etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf. Ich kann kein Geld verdienen – ich muss rund um die Uhr für meine Großmutter da sein.

Seit wann kümmern Sie sich um Ihre Oma?

Sie ist seit 2001 ein Pflegefall, es ging langsam los. Anfangs habe ich Vollzeit gearbeitet und sie nebenbei versorgt. Sie lebte in Haar, ich in Trudering, das ist nah. Als ihre Augen 2005 schlechter wurden, war klar: Ich kann sie nicht alleine lassen. Also bin ich auf Teilzeit gegangen und zu ihr gezogen. Nach dem Tod meines Vaters kam meine Mutter ins Heim am Ammersee – meine Oma ging mit. Ich zog damals extra in die Nähe, um mich um beide zu kümmern.

Ihre Mutter lebt immer noch im Heim. Warum holten Sie Ihre Oma raus?

Sie baute extrem ab, lag depressiv im Bett und wollte sterben. Mir war klar: Wenn ich sie nicht raushole, können wir bald ihre Beerdigung planen. Also suchte ich eine Wohnung für uns, was nicht leicht war, weil uns niemand haben wollte – wegen meiner Oma und weil ich Hunde habe. In letzter Sekunde bekam ich eine Wohnung in Königsbrunn bei Augsburg. Ich bin ein Naturmensch, jetzt sitze ich mitten in der Stadt, dritter Stock. Aber es geht nicht anders.

Könnten Sie in Teilzeit arbeiten?

Nein. Meine Oma ist dement und blind, braucht mich rund um die Uhr, sie kann zum Beispiel nicht alleine aufs Klo. Ich bin 24 Stunden für sie da. Freizeit habe ich nur ein paar Stunden pro Woche, dann kümmert sich eine liebe Nachbarin um sie – ihr kann ich 10 Euro Stundenlohn geben. Das Geld habe ich von der Pflegekasse, die pro Jahr 1550 Euro Verhinderungspflege für so etwas zahlt.

Wovon leben Sie beide denn im Moment?

Oma hat Pflegestufe III, für die Pflege, die ich leiste, bekommen wir 700 Euro. Sie hat zudem 1100 Euro Rente und 350 Euro Blindengeld. Ihre und meine Ersparnisse sind über die Jahre aufgebraucht. Meine Mutter hat uns bislang unterstützt – aber auch sie ist bei ihrer eisernen Reserve angelangt.

Haben Sie Anspruch auf Arbeitslosengeld beziehungsweise Hartz IV?

Ja. Ich habe im Januar einen Antrag gestellt, aber noch immer kein Geld bekommen. Die Sachbearbeiter haben unsere Kontoauszüge überprüft, auf meinem fanden Sie Geld, das mir meine Mutter geliehen hat, bis das Hartz IV genehmigt wird – sonst wäre ich im Januar schon zahlungsunfähig gewesen. Da hieß es dann, ich sei ja versorgt. Um Unterstützung zu bekommen, müsste ich auch mein Auto, einen Mercedes Vito, verkaufen – da ich nur 5000 Euro besitzen darf und er noch ein bisschen mehr wert ist. Aber das Auto habe ich vor vier Jahren extra für meine Oma und ihren Rollstuhl gekauft. Gebe ich ihn jetzt her, ist der Wertverlust enorm. Wäre ich arbeitslos, würde ich das einsehen – aber ich pflege meine Oma!

Warum machen Sie das alles?

Weil sie meine Oma ist. In unserer Gesellschaft gibt man gerne alles ab: Kinder, Eltern, Großeltern, Tiere. Ich bin ein Familienmensch. Ich kann nicht kein unbeschwertes Leben führen, während meine Oma vor sich hinvegetiert.

Interview: Carina Lechner

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