Mehr Zeit für die Menschen wünschen sich viele Pflegekräfte. Der Pflege-TÜV könnte mehr Bürokratie bedeuten.dpa/Jiri Hubatka

Interview

Wegen neuem Pflege-TÜV: Heimleiter befürchtet „hundert Stunden Bürokratie“

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Anfang Oktober ist das viel kritisierte Noten-System für Heime durch einen Pflege-TÜV ersetzt worden. Die Bewohner sollen künftig detailliert befragt werden, dazu kommen Prüfungen des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK).

Deggendorf – Johann Weiss (60) leitet seit 18 Jahren das Elisabethenheim in Deggendorf mit knapp 100 Betten. Er ist mehr als skeptisch, dass das neue System die Pflege in Deutschland verbessern wird.

Mit dem Pflege-TÜV sollen Heime aussagekräftiger bewertet werden. Ist das neue System aus Ihrer Sicht eine Verbesserung?

Ich finde den Ansatz eigenartig. Er konzentriert sich auf die Folgen unserer Arbeit. Meiner Meinung nach müsste man viel mehr auf die Bedingungen in den Pflegeheimen schauen – dann ändern sich die Folgen von selbst. Mit dem Pflege-TÜV verschaffen wir uns aber vor allem einen Überblick über die Mängel. Das kann doch nicht das Ziel sein. Wie soll ich meine Mitarbeiter motivieren, wenn immer nur von den Defiziten gesprochen wird?

„Kontrollen sind absolut nötig“

Was schlagen Sie vor? Nur noch Kontrollen durch die Heimaufsicht, gar keine Bewertungen mehr?

Kontrollen sind absolut nötig. Aber auch wenn wir immer mehr und mehr kontrollieren, wird sich nichts an den Arbeitsbedingungen und der Pflegesituation für die Menschen verändern. Ich frage mich wirklich, warum wir uns diese Doppelprüfung durch MDK und Heimaufsicht leisten. Lieber wären mir häufigere unangekündigte Kontrollen der Heimaufsicht, wenn das Geld, das der Pflege-TÜV kostet, dafür in die Pflege investiert wird.

Johann Weiss, Pflegeheim-Leiter

Ist das Bewertungssystem denn wenigstens für die Angehörigen eine Hilfe, um sich für ein Pflegeheim zu entscheiden?

Sie können sich nach diesem System ja nur zwischen Mängel-Listen entscheiden. Die Menschen haben ganz andere Sorgen, wenn sie einen Heimplatz suchen.

Welche?

Viele Senioren haben Angst, abgeschoben zu werden. Und ihre Angehörigen haben ein schlechtes Gewissen, selbst wenn sie sich lange aufopferungsvoll gekümmert haben. Darüber reden wir bei den Informationsgesprächen. Fast nie über Geld oder über die Ausstattung der Zimmer. Nicht mal die Wohnortnähe ist der entscheidende Faktor. Denn die Situation ist nicht so, dass man sich ein Heim aussuchen kann – die meisten Menschen sind froh, wenn sie einen Platz finden. Ich muss täglich zwischen fünf und zehn Leute wegschicken, weil wir keine freien Betten haben.

„Wir Heime leben von unserem Ruf“

Trotzdem möchte jeder seine Angehörigen gut gepflegt wissen. Ist die Bewertung nicht zumindest eine Orientierungshilfe?

Ich habe bisher noch niemanden in meinem Büro sitzen gehabt, der mich nach Noten gefragt hat. Wir Heime leben von unserem Ruf.

Wenn Sie mehr Anfragen als Plätze haben, scheint Ihr Heim einen sehr guten Ruf zu haben. Was machen Sie anders als andere?

Die Philosophie unserer Arbeit ist: Wie möchte ich selbst einmal gepflegt werden? Das Ziel muss es sein, dass die Menschen trotz Pflege Lebensqualität haben. Ich habe hier sehr gute und engagierte Mitarbeiter – weil ihre Arbeit hier im Haus sehr viel Wertschätzung bekommt. Das ist wichtig: Nur zufriedene Mitarbeiter pflegen gut.

Das klingt fast ein bisschen zu einfach. Haben es die Heimleiter in der Hand, wie gut die Pflege ist?

Ich bin immer wieder erstaunt, was wir im Rahmen unserer Möglichkeiten tun können. Wir müssen einfach weniger in Problemen denken, mehr in Lösungen. Es ist nicht so schwer, die Fachkräfte im Alltag zu entlasten. Ich habe zum Beispiel Zusatzpersonen für Hilfstätigkeiten eingestellt. Die räumen die Wäsche ein oder wischen die Nachtkästchen ab. Die Fachkräfte haben dadurch mehr Zeit für andere Aufgaben. Die Medikamente werden bei uns von Kräften zusammengestellt, die wegen der Kinder nicht Vollzeit arbeiten können. Sie können sich ihre Arbeitszeit frei einteilen. Für die anderen Fachkräfte ist das eine Entlastung. Es sind viele kleine Schritte, die etwas verändern können.

Welcher Arbeitsaufwand kommt durch den Pflege-TÜV auf die Fachkräfte zu?

Ich habe das ausgerechnet und konnte es selbst kaum glauben. Sie müssen künftig zweimal jährlich 98 Fragen von allen Bewohnern beantworten lassen. Bei unseren 93 Bewohnern kommt man auf jährlich 18 228 Fragen. Alles muss schriftlich festgehalten werden. Das sind hundert Stunden im Jahr – hundert Stunden weniger für die Bewohner. Ich sehe momentan nur diese Zahlen – und noch mehr Bürokratie auf uns zukommen. Und ich habe Zweifel, dass die Pflege dadurch besser wird.

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