Die Allzeit-Bereit-Familie: Natalie Mayer (Name geändert) mit ihren drei Kindern im Garten. Vor ihnen auf dem Stuhl stehen die Schuhe von ihrem Pflegekind Laura.

Pflegefamilie auf Abruf - Ein Nest für den Notfall

München - Sie sind Eltern und Geschwister auf Zeit - und gefragter denn je: Bereitschaftspflegefamilien springen kurzfristig ein, wenn Kinder nicht bei ihren leiblichen Eltern bleiben können. Doch die Interims-Familien stecken in einem Dilemma: Sie sollen Geborgenheit geben - aber auch nicht zu viel Nähe zulassen.

Als Laura vor Familie Mayers Tür stand, lächelte sie zahnlos. Gerade einmal elf Kilo wog die Fünfjährige. Ihre Hand umklammerte einen Plüschteddy - ein Abschiedsgeschenk ihrer Mutter. Kurz zuvor hatte das Jugendamt beschlossen: Laura kann nicht mehr bei ihren alkoholabhängigen Eltern leben. Noch am selben Tag klingelte bei Bereitschaftspflegefamilie Mayer das Telefon. Keine drei Stunden später zog das Mädchen ein.

88 Kinder haben deutsche Jugendämter 2008 durchschnittlich in Obhut (also aus den eigenen Familien) genommen - täglich. Insgesamt, aufs Jahr gerechnet, waren es 32 300 Kinder. Die Zahl ist zuletzt stark gestiegen: 2007, im Jahr davor, waren es rund 4100 Kinder weniger. Meist waren die leiblichen Eltern mit der Erziehung überfordert, viele der Kinder wurden vernachlässigt, misshandelt oder missbraucht. Bereitschaftspflegefamilien wie die Mayers sind für diese Kinder da, fangen sie auf, betreuen sie. So lange, bis Ämter und Behörden wissen, wie es mit ihnen weitergeht. Eine wichtige und schwierige Aufgabe, die sich nur wenige Familien zutrauen. Zu wenige. In München zum Beispiel gibt es nur 45 Bereitschaftspflegefamilien. Sind die belegt, kommen sogar ganz kleine Kinder im Alter bis sechs Jahre in ein erziehungs-therapeutisches Heim.

Natalie Mayer hat sich die Entscheidung, Kinder aufzunehmen, nicht leicht gemacht. Als Pädagogin organisierte sie einen Info-Abend für potenzielle Pflegeeltern. „Von da an hat mich das Thema nicht mehr losgelassen“, erinnert sich die dreifache Mutter. Wer helfen will, muss einige Kriterien erfüllen: Bereitschaftspflegeeltern sollten eine pädagogische Ausbildung absolviert und/oder viel Erfahrung mit der Erziehung eigener Kinder gesammelt haben. Zudem muss genug Platz für den Familienzuwachs vorhanden sein, am besten ein separates Zimmer. Bei den Mayers sind diese Voraussetzungen gegeben. Trotzdem diskutierten sie ein Jahr lang. Dann kam Max, das erste Pflegekind.

Der Zweijährige roch nach Zigarettenrauch, konnte nicht laufen und reagierte auf niemanden. „Ich fand ihn überhaupt nicht süß“, erzählt Natalie Mayer. „Damals habe ich mich schon gefragt, was ich hier eigentlich tue.“ Sie steckte Max erst einmal in die Badewanne, seine Kleidung in die Waschmaschine. „Danach roch er wie wir, das schafft Nähe.“ Therapeuten gingen bei den Mayers nun ein und aus. Gemeinsam versuchten sie nachzuholen, was Max’ depressive Mutter versäumt hatte - ihren Sohn zu fördern. „Max wurde von Tag zu Tag schöner, wir waren alle stolz auf ihn“, erinnert sich Natalie Mayer. Vor allem zu ihrer damals zwölfjährigen Tochter baute der Kleine eine enge Beziehung auf, die beiden haben heute - fast zwei Jahre später - noch Kontakt. Das Mädchen war der erste Mensch, den Max an sich herangelassen hat.

Neun Wochen wohnte der Junge bei den Mayers, ehe eine Dauerpflegefamilie ihn aufnahm. Zu den leiblichen Eltern kehrt nicht einmal die Hälfte der Kinder zurück: 2008 waren es dem Statistischen Bundesamt zufolge 44 Prozent. In rund 90 Prozent der Fälle haben die Eltern zugestimmt, dass ihre Kinder vom Jugendamt betreut werden. In mehr als 4100 Fällen geschah dies sogar auf deren ausdrückliche Initiative. Auch bei Laura und Max haben sich Mutter und Vater selbst eingestanden, dass eine Trennung, zumindest auf Zeit, für ihre Kinder besser ist.

Mit den Gedanken an Lauras Eltern gehen Natalie Mayer und ihr Mann sehr unterschiedlich um. Die Pädagogin hat viel über Alkoholismus gelesen. Sie empfindet gegenüber der ihr fremden Frau Mitgefühl, ist überzeugt: „Lauras Mutter ist sehr unglücklich mit der Situation, aber es war ihr nicht möglich, etwas besser zu machen.“ Roland Mayer dagegen stellt sich die Frage: „Wie kann man einem so tollen Kind so viel Leid zufügen?“ Laura gegenüber darf er sich das nicht anmerken lassen.

Bei Gesprächsbedarf können sich Bereitschaftspflegeeltern an ihre Betreuer in den Jugendämtern oder bei den freien Trägern wie „Fluchtpunkt“ wenden.

In den beiden oberbayerischen Landkreisen Miesbach und Rosenheim heißt die Betreuerin der Bereitschaftspflegefamilien Cordula Meyer-Erben. Rund um die Uhr ist die Sozialpädagogin des Caritas Kinderdorfs Irschenberg für die Ersatz-Mütter und -Väter erreichbar. 2005 vermittelte sie 40 Kinder und Jugendliche in Bereitschaftspflegefamilien, 2007 schon 51 und im vergangenen Jahr 68. „Unsere Zahlen steigen enorm an“, sagt sie. 68 Fälle für insgesamt 15 Familien.

Die größte Herausforderung für Bereitschaftspflegefamilien: eine Beziehung anbieten und diese nicht zu eng werden zu lassen. Denn irgendwann kommt der Abschied. Gerade am Anfang fällt er vielen Notfall-Müttern, -Vätern und -Geschwistern schwer. „Beim ersten Kind überlegen einige sogar, ob sie es nicht dauerhaft bei sich behalten sollen“, sagt Cordula Meyer-Erben.

Für Familie Mayer war die Trennung von Max noch nicht so schwierig wie der irgendwann bevorstehende Abschied von ihrer Pflegetochter. „Sie gibt uns so wahnsinnig viel. Trotz allem ist sie immer fröhlich und sehr gefestigt“, schwärmt Natalie Mayer. Laura giert geradezu nach Nähe. Jedes Wochenende darf Laura mit ihren drei neuen Geschwistern kuscheln. Nur ins Eltern-Schlafzimmer darf sie nicht. Die Bindung soll nicht zu eng werden. Roland Mayer hat trotzdem Skrupel, Laura wieder gehen zu lassen - eventuell sogar zurück zur leiblichen Mutter. Er meint: „Das können wir der Kleinen nicht antun.“

Laura spricht offen über die Probleme in ihrer Familie. Als die Jungen und Mädchen in ihrem neuen Kindergarten an einem Montagmorgen von ihren Wochenend-Ausflügen berichteten, hatte auch Laura etwas zu erzählen: „Meine Mama und mein Papa trinken viel Bier. Sie kümmern sich nicht richtig um mich.“ Eine Viertelstunde lang schüttete sie ihr Herz aus. Die Kinder hörten ganz still zu. Seitdem akzeptieren sie, dass Laura besonders viel Zuwendung von ihrer Kindergärtnerin braucht.

Diese Zuwendung will Laura nicht mehr missen. Zu ihrer Mutter und ihrem Vater will die Fünfjährige nicht zurück. Sie hat Angst, dass sich trotz des Entzugs ihrer Eltern nichts ändern wird. Und Natalie Mayer fürchtet sich auch. Gefühlschaos hin oder her - sie hat es nie bereut, Bereitschaftspflegemutter geworden zu sein: „Die Aufgabe bildet Toleranz, öffnet den Blick auf die Realität in anderen Familien und lässt das eigene Leben mit seinen kleinen Alltagsproblemen luxuriös erscheinen.“

Laura hat gemeinsam mit Natalie Mayer einen Zahnarzt besucht, und sie hat in elf Wochen fast drei Kilo zugenommen. Ihren Freundinnen im Kindergarten erzählt sie mittlerweile von Radtouren und dem riesigen Trampolin in „ihrem“ Garten. Wie lange noch, weiß niemand.

von Julia Wölkart

Julia Wölkart, 29, war Volontärin beim „Miesbacher Merkur“ und ist jetzt Redakteurin der Zeitschrift „Baby und Familie“ (Wort & Bild Verlag). Dort ist der Text in einer leicht geänderten Fassung erschienen. Er gewann den Featurepreis 2010 der Akademie der Bayerischen Presse. Namen der Pflegefamilie und der Pflegekinder wurden geände.

Mit dem hier abgedruckten Text hat Julia Wölkart den erstmals vergebenen Feature-Preis der Akademie der Bayerischen Presse (ABP) gewonnen, einer Einrichtung zur Aus- und Weiterbildung von Journalisten. Beim gleichzeitig vergebenen ABP-Reportagepreis erreichten zwei Volontäre des Münchner Merkur die Endausscheidung der besten fünf von fast 300 Texten: Stephanie Wolf mit „Wer verschenkt denn schon Geld?“  und Stefan Mühleisen mit „Auf der Suche nach der verlorenen Jugend".

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