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Ärzte operieren einen Patienten. Nach seinem Eingriff lebte Helmut F. nur noch wenige Tage.

Es geht um 8700 Euro

Pflegefehler? AOK verklagt Caritas

München/Schonstett – Ein Schwerbehinderter wird falsch gepflegt und muss operiert werden – wer übernimmt die Kosten? Die Krankenkassen verklagen regelmäßig Heimträger – in diesem Fall fordert die AOK Bayern Geld von der Caritas.

In diesem Fall geht es nicht um Helmut F. Es geht nicht um die Schmerzen, die er am Ende seines Lebens gehabt haben muss. Als sein Körper schwächer, die Krämpfe heftiger, die Wunde am Oberschenkel größer wurden. Am Donnerstagvormittag, Saal 67, Justizpalast München geht es um Geld. Um 8698,07 Euro.

Diese Summe fordert die AOK Bayern vom Caritasverband der Erzdiözese München und Freising, weil die Kosten angeblich durch grobe Pflegemängel entstanden sind und die Haftpflichtversicherung nicht zahlen will. Eine Klage, wie sie die Krankenkasse nach Angaben der Anwältin Monika Günther-Aschenbrenner etwa ein Dutzend Mal pro Jahr anstrengt.

Vor Richter Wolfgang Kopp liegt ein Ordner, darin buntes Papier. Dokumentationen von Ärzten, Pflegern, Befunde, Pflegenachweise – für jeden Bereich eine Farbe. Der Ordner dokumentiert die Krankheitsgeschichte von Helmut F. Ob sie bei anderer Pflege anders verlaufen wäre und die AOK dann Krankenhauskosten gespart hätte, muss der Richter bewerten.

Helmut F., Jahrgang 1952, lebt als gesunder Mensch in Schonstett, Kreis Rosenheim, als er 2001 einen Herzinfarkt erleidet. Er wird reanimiert, doch sein Gehirn trägt großen Schaden davon. Helmut F. ist 49 Jahre alt, gelähmt, er leidet unter Krämpfen, Epilepsie. Sein Vater und seine Tante pflegen ihn zunächst daheim. Doch irgendwann wird den Senioren die Pflege zuviel. Mitte 2005 müssen sie Helmut F. ins Heim geben, im Ort gibt es eine vollstationäre Wohn- und Pflegeeinrichtung der Caritas. Dort werden auch Menschen mit schwersten Behinderungen versorgt. Jan Wiesener, Medizinrechtsexperte und Anwalt der Caritas in diesem Fall, sagt heute, dass für Helmut F. rund um die Uhr drei Kräfte zuständig waren.

Nach einigen Monaten stellen die Pfleger am Oberschenkel von Helmut F. einen Dekubitus fest. Das ist ein Geschwür, das durch Wundliegen bei bettlägrigen Patienten entsteht, die sich selbst nicht mehr ausreichend bewegen können – so wie Helmut F. Die anfangs kleine wunde Stelle wird immer größer. Im Januar 2006 ist sie 1,5 auf 2,5 Zentimeter groß, vier Monate später sind es bereits fünf auf fünf Zentimeter. Nach Angaben der Heimleitung, so teilt Richter Kopp mit, liegt das auch daran, dass sich Helmut F. mit der Zeit immer schlechter bewegen lässt – er hat Schmerzen, die Medikamente machen ihn schlapp. „Nach einer Umlagerung war Herr F. erst einmal fertig“, sagt Heimleiterin Margit Rychly vor Gericht.

Im Mai 2006 kommt F. ins Klinikum Rosenheim. Er bekommt einen künstlichen Darmausgang, damit soll auch der Dekubitus gelindert werden. Als er nach einer Woche ins Heim zurückkommt, ist die Wunde handtellergroß, Grad vier. Das ist die höchste Dekubitus-Stufe. Zwei Tage später stirbt Helmut F.

Wundgeschwür, Krankenhausaufenthalt, Operation und die dadurch anfallenden Kosten von 8698,07 Euro, so argumentiert die AOK Direktion Rosenheim, sind aufgrund von „groben Pflegemängeln“ entstanden – deshalb fordert sie die Summe von der Caritas ein. Helmut F. sei zu selten umgelagert worden, in einem Fall erst nach 17,5 Stunden. Zudem sei die spezielle Wechseldruckmatratze im Februar vorübergehend gegen eine Schaumstoffmatratze ausgetauscht worden. Die Heimleitung weist die Schuld von sich: Die AOK habe die Dokumentation nicht korrekt ausgewertet, der Patient habe stark geschwitzt – und sei schon allein deshalb ständig bewegt worden. Der Dekubitus sei „schicksalshaft“ gewesen. Richter Kopp schlug eine außergerichtliche Einigung vor – nur ein Sachverständiger könne klären, ob grobe Pflegemängel vorliegen.

Ohne den Fall zu kennen, sagt Ottilie Randzio vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung: „Fast jeden Dekubitus kann man vermeiden.“ Lediglich in seltenen Ausnahmefällen gebe es Krankheitsbilder, wo es „schier unmöglich“ sei, das Wundliegen zu verhindern.

Die Parteien haben vier Wochen Bedenkzeit.

Carina Lechner

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