Körper-Übungen bringen einem Heim beim Schulnoten-Test viele Punkte.

Pflegeheim-Test ist „Volksverdummung“

Schon im Vorfeld gab es Kritik am Vorhaben, bundesweit alle Pflegeheime mit Schulnoten zu bewerten. Nach den ersten Erfahrungen in der Praxis scheint klar zu sein: In der derzeitigen Form ist der Pflege-TÜV keine Hilfe für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen.

Seit einigen Monaten ist der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) dabei, die ersten Heime nach dem neuen Schulnoten-Prinzip zu testen. Dabei werden alle 10 400 Einrichtungen in Deutschland mit einem Prüfkatalog aus 83 Fragen kontrolliert und dann in fünf Kategorien bewertet. Die Ergebnisse werden im Internet veröffentlicht und sollen den Menschen auf den ersten Blick zeigen, ob ein Heim gut oder schlecht ist.

Doch von Anfang an befürchteten Kritiker wie Münchenstift-Chef Gerd Peter, dass der wichtigste Aspekt, nämlich die Pflegequalität, nur eine geringe Rolle spielt und mit guten Leistungen etwa beim Essen oder der Alltagsgestaltung ausgeglichen werden kann. Und das scheint sich tatsächlich zu bewahrheiten, wie das ARD-Magazin „Report Mainz“ am Montagabend berichtete. So wurde ein Heim in Rheinland-Pfalz mit der Note 2,8 (befriedigend) bewertet, obwohl es im Begleittext hieß: „Die Versorgung der Bewohner ist nicht sichergestellt.“ Zwei von 13 untersuchte Bewohnern wiesen ein schmerzhaftes Druckgeschwür (Dekubitus) auf, das als Indikator von mangelhafter Pflege gilt.

Der rheinland-pfälzische MDK-Verwaltungsrat Andreas Peifer war erbost: „So eine Einrichtung muss mit mangelhaft bewertet werden. Da wird die Pflegequalität verschleiert, das ist eine große Volksverdummung.“ Im Saarland erhielt nach den bisherigen Prüfungen das schlechteste Heim die Note 3,1, also ebenfalls befriedigend – obwohl die Heimaufsicht wegen gravierender Mängel gerade die Schließung der Einrichtung vorbereitet. Diese Beispiele sind Wasser auf die Mühlen der Kritiker. „Hier wird Schindluder mit wehrlosen alten Menschen getrieben“, schimpft Peter. „Dieses System sorgt dafür, dass es über Nacht in Deutschland kein schlechtes Heim mehr geben wird.“

Der Münchner Pflege-Kritiker Claus Fussek fordert, den Schulnoten-Test ersatzlos zu streichen. „Das ist doch nur Geldmacherei für eine ganze Branche wie Beratungsfirmen und Sozialanwälte.“ Kritik kommt auch aus Bayern, doch die MDK-Pflegechefin Ottilie Randzio will noch kein endgültiges Urteil abgeben. „Dafür haben wir noch zu wenig Erkenntnisse.“

Zumindest gibt es in Bayern auch bei dem neuen Test nicht nur gute Heime: Laut Randzio wurden bei einer Zwischenauswertung von 122 Heimen elf mit Note 1 bewertet, 40 mit Note 2. Genau 50 Einrichtungen erhielten eine 3, für 20 reichte es nur zu einer 4 und ein Heim fiel sogar mit der schlechtesten Note 5 auf. Da der Pflege-TÜV bundeseinheitlich ist, stellt sich die Frage: Sind bayerische Heime schlechter als die im Saarland? „Bestimmt nicht. Vielleicht prüfen wir kritischer. Aber ich kann es mir nicht erklären“, sagt Randzio.

Sie hält den Test trotzdem für geeignet, schlechte Heime herauszufiltern, fordert aber Nachbesserungen. So sei die Stichprobe von zehn Prozent zufällig ausgewählter Bewohner zu gering. So komme es vor, dass aus Risikogruppen, etwa Patienten mit Dekubitus, Ernährungsproblemen oder freiheitsentziehenden Maßnahmen, kein einziger geprüft werden kann. Außerdem müsste ein Heim, das in der Pflege schlecht abschneidet, auch schlecht bewertet werden. Denn eine Einrichtung, die beispielsweise Körperübungen anbiete, bekomme viele Punkte. „Aber es ist noch lange nicht gesagt, ob da auch alle teilnehmen dürfen oder sie dazu motiviert werden“, sagt Randzio.

Doch Änderungen werden angegangen: Verbesserungen beim Schulnoten-Test sollen Thema bei den Koalitionsverhandlungen der neuen schwarz-gelben Bundesregierung sein. Für Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer, die von Anfang an gegen den Test war, ist das überfällig: „Das Transparenzsystem der Pflegekassen ist eine einzige Kompromisssülze und nicht das Papier wert, auf dem es steht. Dieser Pflege-TÜV verfehlt völlig seinen Zweck, hilft schwarzen Schafen, über schlimme Mängel in Heimen hinwegzutäuschen und trägt zur Verbraucherverwirrung statt zur Klarheit bei.“

von Boris Forstner

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