Ein bisschen Zeit, ein bisschen Hilfe: Birgitta Opitz hat in Lenggries eine Demenzgruppe und einen Verein gegründet, um Senioren zu unterstützen. Doch ihr Engagement kann die fehlenden Pflegekräfte nicht ersetzen.fkn

Dramatische Unterversorgung in ländlichen Regionen

Pflegekräfte-Mangel: „Der Markt ist leergefegt“

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Die Pflegereform, die Anfang des Jahres in Kraft getreten ist, hat nichts an dem größten Problem für Betroffene und Angehörige geändert: Es gibt zu wenig Pflegekräfte. Besonders in ländlichen Regionen ist die Versorgung dramatisch. Lösungen sind nicht in Sicht – obwohl sich die Situation immer weiter verschlechtert.

Lenggries– Birgitta Opitz ist vor 15 Jahren in den Gemeinderat Lenggries (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) gewählt worden. Sie wurde Seniorenreferentin, der Bürgermeister fragte sie, ob sie gemeinsam mit ihm die Geburtstagsbesuche übernehmen würde. Damals hat die heute 58-Jährige eine neue Welt kennengelernt. Keine heile Welt. „Bei diesen Besuchen trifft man oft auf die Senioren, die nicht um Hilfe bitten“, sagt die 58-Jährige. Sie ist vielen Menschen begegnet, die im Alltag mehr Unterstützung bräuchten, als sie bekommen. Auch auf verarmte Senioren. Und auf sehr viele einsame Menschen. „Haben Sie nicht noch ein bisserl Zeit?“ Diese Frage hat sie immer wieder gehört – sie hat sie nachdenklich gemacht.

In Lenggries ist seit damals viel passiert. Opitz hat eine Demenzgruppe gegründet und den Verein „Nur ein bisserl Zeit“. Sie hat ihre Arbeit als Grundschullehrerin aufgegeben, um sich ganz auf die ehrenamtliche Hilfe für Senioren konzentrieren zu können. Und sie hat inzwischen rund 70 Ehrenamtliche gewonnen, die sie dabei unterstützen. Von Vereinen, Firmen und Privatleuten gab es Spenden. „Darauf hatten wir gar nicht hingearbeitet“, erzählt sie. Aber mit dem Geld können sie die Senioren auch finanziell unterstützen. Sie spendieren den ein oder anderen Einkauf, Reparaturen, Friseurbesuche. „Es gibt in unserer Gesellschaft mehr Arme, als wir wahrhaben möchten.“ Die 58-Jährige hat mit ihrem Engagement eine Lücke geschlossen, von der die meisten in der Gemeinde nicht wussten, dass es sie gibt.

Doch je mehr sich Opitz engagiert, desto größer wird ihre eigene Angst vor dem Altwerden. Nicht nur, weil sie weiß, dass es dann viel mehr Senioren und viel weniger Ehrenamtliche in Deutschland geben wird. Vor allem weil sie sieht, wie viele Menschen am Ende ihrer Kraft sind, weil sie ihren Partner zu Hause pflegen. Das Altern in Würde – es ist durch die viel gelobte Pflegereform seit Jahresbeginn nicht leichter geworden.

Denn das größte Problem hat sich nicht geändert: Es fehlen Pflegekräfte. Daran wird auch der gerade beschlossene Mindestlohn in der Pflege so schnell nichts ändern, fürchtet Opitz. „Das ist höchstens ein erster Schritt – Pflegekräfte müssten viel mehr Anerkennung für ihre Arbeit bekommen. Die Politik müsste ihre Arbeit viel stärker unterstützen.“

Das kann Andreas Wirth aus Ebersberg nur bestätigen. Er hat sich 2014 selbstständig gemacht und den Pflegedienst Apollonia gegründet, den er mittlerweile auch auf den Landkreis Erding ausgeweitet hat. Es gibt viele Dinge, die den Alltag leichter machen würden, sagt er. Das Anerkennungsverfahren für ausländische Fachkräfte dauere viel zu lange, manchmal ein Dreiviertel Jahr. Vieles könnte unbürokratischer laufen. Die Pflegereform, die er grundsätzlich begrüßt, habe zum Beispiel einen riesigen Verwaltungsaufwand bedeutet. Und auch der nun festgelegte Mindestlohn von 11,35 Euro pro Stunde reiche bei weitem nicht aus, um den Pflegekräftemangel zu lindern, sagt Wirth. „Mit diesem Lohn wird man niemanden für den Job gewinnen.“ Viele Pflegedienste zahlen deutlich mehr, um gute Leute zu bekommen. Auch Andreas Wirth tut das. Aber er sagt auch: Es ist schwer, gute Leute zu finden. „Der Markt ist leergefegt.“

Er würde sich ein Anreiz-System wünschen, um mehr Menschen für die Pflegeausbildung zu gewinnen. Ähnlich wie das Landarztmodell: Seit 2012 gibt es für Haus- und Fachärzte, die auf dem Land eine Praxis eröffnen, staatliche Fördergelder von bis zu 60 000 Euro. Medizinstudenten bekommen staatliche Stipendien, wenn sie nach dem Studium im ländlichen Raum tätig werden. Ähnliche Anreize wären auch für die Pflege dringend nötig, betont Wirth. „Denn wenn die Entwicklung so weiter geht, werden die, die noch tätig sind, irgendwann ausgebrannt sein.“

Für die Pflegebedürftigen in ländlichen Regionen bedeutet der Personalmangel eine schlechte Versorgung. Anfahrtswege von mehr als 25 Kilometern seien für einen Pflegedienst nicht rentabel, erklärt Wirth. „Die wenigen Pflegekräfte, die es gibt, müssen effektiv arbeiten“, berichtet auch Birgitta Opitz. Auch in ihrem Landkreis werden bestimmte Gegenden kaum angefahren. Die 58-Jährige versucht, durch ihren Verein auch dort die Menschen zu erreichen. Allerdings weiß sie nur zu gut, dass pflegende Angehörige noch viel mehr Unterstützung bräuchten. Sie sagt: „Das was wir machen ist nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.“

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