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Die Menschwerdung von Pforzen: (v.l.) zweiter Bürgermeister Josef Freuding, Rudolf Stiening und Bürgermeister Herbert Hofer in ihrer Heimat im Allgäu.

„Ein Sechser im Lotto“

Die Wiege der Menschheit liegt in Pforzen

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In einem Dorf im Ostallgäu hat der Mensch den aufrechten Gang erlernt. Wirklich wahr. 

Pforzen – Die Wiege der Menschheit sieht auf den ersten Blick wahnsinnig normal aus. Kriegerdenkmal, die gotische Pfarrkirche St. Valentin, Baujahr 1484. Daneben ein Schild, auf dem steht: „Gehsteige sind für Fußgänger! und nicht für LKW’s“. Da, wo vor 11,6 Millionen Jahren alles begann, steht heute ein gigantischer Maibaum, samt Sparkassen-Logo ganz oben links. Der Metzger verkauft frische Blut- und Leberwürste und die Feuerwehr hat bald Ehemaligen-Treff.

Pforzen im Ostallgäu, 2300 Einwohner, Kirchenchor, Kindergarten, Schule, ein verbliebener Bauernhof, letzte Woche noch ein Dorf wie tausend andere. Heute: weltberühmt – ja, so muss man es sagen. Hier ist der Mensch zum Mensch geworden. Ein archäologischer Sensationsfund im Gemeindegebiet beweist das. Der Mensch hat nicht in Afrika den aufrechten Gang erlernt wie es in jedem Schulbuch steht, sondern im Ostallgäu. Und das sechs Millionen Jahre früher als gedacht. Seitdem herrscht Ausnahme-Situation in dem Dorf. Ein bisschen zumindest. Es ist eine Geschichte wie aus dem Märchen – zu schön, um wahr zu sein. Und eigentlich auch zu schräg, um wahr zu sein.

Pforzen im bayerischen Allgäu: Knochenfund stellt Geschichte auf den Kopf

Um das Ausmaß des Knochenfunds in der Tongrube der ehemaligen Ziegelei „Hammerschmiede“ zu begreifen, muss man in den Sitzungssaal des Rathauses. Dort wartet Josef Freuding, 69, der zweite Bürgermeister. Er sagt: „Es ist wie ein Sechser im Lotto.“ Bisher stand Pforzen immer im Schatten von Neuschwanstein, Kaufbeuren oder dem Forggensee – ein Besuchermagnet war der Ort nie. Es gibt nicht mal ein Hotel. Aber seit Forscher die versteinerten Knochen eines Menschenaffen gefunden haben, der Arthrose hatte, um die 31 Kilo wog und einen Meter groß war, ist vieles denkbar. Ein Museum? Ein Besucherzentrum? Lehrpfade? Träume sind zum Träumen da. Aber bittschön nicht übertreiben. „Wir sind Allgäuer“, sagt Freuding. „Wir drücken erst mal auf die Bremse.“

Pforzen als Geschichtsdorf? Bürgermeister Hofer will Menschen wieder verwurzeln

Neben ihm sitzt Bürgermeister Herbert Hofer, 45. Er sagt: „Wir müssen diesen Fund als Chance für die Region sehen.“ Es wäre ein Leichtes für ihn, eine Statue des Menschenaffen neben den Maibaum zu stellen oder den Affen aufs Briefpapier der Gemeinde zu drucken, aber ihnen geht es um mehr. Um viel mehr. „Wir müssen schauen, dass wir die Welt verändern“, sagt Josef Freuding, der in kürzester Zeit eine kleine Alltags-Philosophie rund um den felligen Vorfahren entwickelt hat. „Die Leute haben keinen Halt mehr“, sagt er. „Sie leben mit gepacktem Rucksack.“ Heute Pforzen, morgen München, New York oder sonstwo. Viele Menschen spüren keine Heimat, so empfindet er das. Und hier kommt der Menschenaffe ins Spiel: Er soll die Einheimischen wieder verwurzeln. Er soll Identität geben. „Das Ziel muss sein, dass die Menschen Pforzen als Geschichtsdorf wahrnehmen“, sagt Freuding, der früher Geschäftsführer beim Landschaftspflegeverband war. Als das Dorf, wo die Menschwerdung begann.

Der Menschenaffe von Pforzen heißt übrigens „Udo“. Udo, weil die Tübinger Paläontologin Madelaine Böhme an dem Tag, an dem sie den Unterkiefer des Primaten aus dem Gestein spitzhackte, so wahnsinnig oft Lieder von Udo Lindenberg im Radio hörte. Es war der 17. Mai 2016, Lindenbergs 70. Geburtstag und der Tag, an dem die Evolutionstheorie in einer bayerische Tongrube umgeschrieben wurde. Verrückte Sachen gibt’s.

Ministerpräsident Markus Söder zu Besuch im bayerischen Pforzen

Heimat- und Affenphilosoph Freuding ist trotzdem schon zwei Schritte weiter. Er sagt: „Wir sind Udo.“ Das wünscht er sich, dass das alle hier im Ort fühlen. Udo ist Vermächtnis und Aufgabe gleichzeitig, drunter machen sie es in Pforzen seit letztem Mittwoch nicht mehr. An dem Tag veröffentlichte Professorin Böhme ihre Ergebnisse in der renommierten Fachzeitschrift „Nature“. Böhme hält es für „nahezu ausgeschlossen“, dass in Afrika noch ältere aufrecht gehende Menschenaffenformen existierten.

Insgesamt hat sie mit ihrem Team 37 Knochenteile einer bisher unbekannten Primatenart in der Allgäuer Tongrube entdeckt, darunter vollständig erhaltene Arm- und Beinknochen, Wirbel, Finger- und Zehenknochen. 21 Knochen gehören zu Udo. Die anderen zu zwei Weibchen und einem Jungtier. Womöglich war es eine Familie mit Udo als Oberhaupt und zwei Frauen.

So könnte Udo ausgesehen haben: eine Zeichnung der Gattung, die vor 11,6 Millionen Jahren gelebt hat. 

Die Menschenaffen haben sich von härteren Pflanzenteilen ernährt – die Forscher können die Knochen wie ein Buch lesen. Udo konnte seinen Rumpf durch eine S-förmige Wirbelsäule aufrecht halten, er hatte starke Kreuzbänder, die den zweibeinigen Gang ermöglichten, und er hatte einen verheilten, gebrochenen Unterarm. Freuding sagt: „Udo ist ein nationales Erbe.“ Aber er ist natürlich auch ein bayerisches Erbe. Heute kommt Ministerpräsident Markus Söder mit Wissenschaftsminister Bernd Sibler ins Allgäu. Sie wollen den Fundort zusammen mit Madelaine Böhme begutachten – und vielleicht hat Söder ja auch schon eine Idee für den Ort in der Tasche. Pforzen darf sich knapp sechs Wochen vor Weihnachten auf weitere Bescherungen freuen.

Forschungen im bayerischen Pforzen: Vom Projekt für Experten zur Sensation

Neben den beiden Bürgermeistern sitzt Rudolf Stiening, 72, vom Arbeitskreis Geschichte im Sitzungssaal. Er war immer wieder am Fundort. „Es war im Dorf wenig bekannt, dass da geforscht wird“, sagt er. Es war ein Projekt für Experten, das jetzt Dorfgespräch Nummer eins ist. Er war gerade erst beim Veteranenjahrtag. Sogar dort haben sie über Udo gesprochen. Die Veteranen gehen davon aus, dass Udo an Fasching einen großen Auftritt in Pforzen haben wird. Eh klar.

Die 21 Knochen des Teilskeletts eines männlichen Danuvius guggenmosi. 

Stiening ist ein entfernter Verwandter von Sigulf Guggenmos. Guggenmos ist 2018 im Alter von 76 gestorben. Er war Hobby-Archäologe, vielleicht der bekannteste im Allgäu, und der Erste, der 1972 in der Tongrube grub. Er hat nachfolgende Experten auf die Spur von Udo gebracht. Ohne ihn hätte es den Fund wohl nie gegeben. Deswegen haben sie die neuentdeckte Gattung nach Guggenmos, der lange als Elektriker bei der Stadt Kaufbeuren arbeitete, benannt. In der wissenschaftlichen Literatur ist nie von Udo die Rede – sondern von Danuvius guggenmosi. Danuvius leitet sich vom römischen Flussgott ab.

Danuvius guggenmosi: Nach SigulfGuggenmos ist die neue Gattung benannt.

Ein Hobby-Archäologe, der Sigulf Guggenmos gut kannte, sagt: „Der Rummel hätte ihm nicht gefallen, aber diese wissenschaftliche Ehrung, eine höhere gibt es ja nicht, hätte ihm schon gefallen.“ Vielleicht sollten sie in Pforzen doch ein Denkmal neben den Maibaum stellen. Guggenmosi, der berühmteste Menschenaffe der Welt, Hand in Hand mit Guggenmos, dem Stadtelektriker.

Verrückt? Ja. Aber nicht verrückter als der Rest.

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