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Ins Bairische übersetzt 

Pfui Deife: Da greisle Schdruuwe-Bäda

München – Seit 170 Jahren begeistert der Struwwelpeter die Kinderherzen – leider nur auf Hochdeutsch. Schade, dachte sich der bayerische Germanist Hans Göttler (61) und hat sich an die Übersetzung gemacht. So viel vorweg: Es ist ganz gut, dass auch eine Hörfassung beiliegt.

Manchmal, wenn man am 24. Dezember immer noch kein Geschenk hat, kommt auch was Gutes dabei heraus. Jedenfalls war das so an Heiligabend 1844. Da suchte der Frankfurter Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann in auf den letzten Drücker nach einem Bilderbuch für seinen dreijährigen Sohn Carl. Was er fand, beschreibt Hoffmann später als: „Lange Erzählungen oder alberne Bildersammlungen, die mit ermahnenden Vorschriften schlossen, wie: Das brave Kind muss wahrhaft sein.“ Kurz: Er fand nur einen rechten Schmarrn. Also kaufte Hoffmann in seiner Not ein leeres Notizbuch und machte sich selbst an ein Bilderbuch. Heraus kam der Struwwelpeter – ein Weltbestseller.

Über 100 Jahre später begeistern Zappel-Philipp, trauriges Paulinchen, Suppen-Kasper & Co. auch den jungen Hans Göttler aus dem niederbayerischen Simbach im Landkreis Rottach-Inn. Bereits im Kindergarten durfte Göttler den Struwwelpeter bei einer Aufführung verspotten: „Das fiel uns damals etwas schwer“, erinnert sich der heute 61-jährige Autor. Die Eltern des Struwwelpeter-Darstellers hatten ein bekanntes Friseurgeschäft. „Sie haben ihren Buben alles andere als verschandelt.“

Und ob es nun allein an dem Erziehungsbuch aus dem 19. Jahrhundert lag, sei dahingestellt – jedenfalls beschäftigt sich Göttler auch im Erwachsenenleben mit der deutschen und der bairischen Sprache: als Autor und als Germanistikdozent an der Universität Passau. Wilhelm Buschs „Max und Moritz“ hat er schon vor einigen Jahren ins Altbayerische übersetzt. Gegen den Struwwelpeter hat er sich lange gewehrt – „deutlich erkennbarer Altersstarrsinn“, begründet Göttler seine Verweigerungshaltung. Dann, im Sommer 2013, ist Hans Göttler im heimischen Hausflur buchstäblich über seine eigene Struwwelpeter-Ausgabe gestolpert, weil sie wegen ihrer Größe recht weit aus dem Regal herausstand. Damit war für ihn klar: „Nu wiast ins Boarische üwasetzt.“ Und die Übersetzung hat es in sich, sie ist nichts für Ungeübte. „Bei meiner Übertragung habe ich darauf geachtet, eine möglichst authentische bairische Sprach-Fassung zu erreichen.“ Und so wimmelt es in den witzigen Strophen von skandinavischen und portugiesischen Buchstaben, wie: å und ã, was auch für den geübten Bairisch-Leser ein bisschen gewöhnungsbedürftig ist.

Aber keine Angst, eine Hör-CD liegt beim Buch anbei. Und auch der Autor hofft, damit die Probleme mit den „Buchstaben-Ungetümen“ etwas zu vermindern. Und übrigens: Wer Original und bayerische Fassung vergleicht, dem mag auffallen, das letztere um einiges ausführlicher ist. Das liege daran, erklärt Göttler, dass vieles im Bairischen oft nicht nur mit einem Wort auszudrücken sei – „und reimen sollte sich das Ganze ja auch noch“.

Klaus-Maria Mehr

Da Schdruuwe-Bäda

auf Boarisch frei nach Heinrich Hoffmann von Hans Göttler ist in der Edition Töpfl, Tiefenbach, erschienen und kostet 15 Euro.

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